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aus Heft 22/2006 Sport Noch keine Kommentare

Der Messias

Seite 2

Von Ronald Reng 

In der Suite werden einige Reden gehalten; der Verlagsleiter kommt zu Wort, der Biograf, der Trainer, der Vater. Dann spricht Leo Messi. Er hat rote Wangen und einen zu langen Pony wie ein Kind, das sich vor dem Friseur fürchtet. Wie immer, wenn er über sich selbst reden muss, fängt er jeden Satz mit »Ich bin eine Person, die ...« an. Das beschreibt die innere Sperre recht gut, die er zu überwinden hat. Er dankt ergeben für die Ehre, Buchheld sein zu dürfen, er blickt auf den Boden und ist fertig, ehe die Minute um ist. Frank Rijkaard, der Trainer von Barças Profis, tritt neben ihn. Er tut, wonach wohl den meisten im Saal instinktiv zumute war: Er nimmt Messi in den Arm. Ein Junge. Als Leo Messi zwölf ist, misst er 1,43 Meter. Neunjährige sind größer. Der Arzt in Rosario verschreibt Wachstumshormone. Sonst werde er die 1,60 Meter nie erreichen. Die Behandlung kostet 900 Dollar im Monat. Der Vater, der in einem Stahlwerk arbeitet, denkt, es müsse doch einen Fußballklub geben, der sich an den Kosten beteiligt, bei Leos Talent. Sie finden in ganz Argentinien keinen. Ein Agent vermittelt ein Probetraining in Barcelona. »Da stand ich dann eines Abends mit meinem Team der 14-Jährigen«, erinnert sich Rodolfo Borrell, Messis erster Trainer beim FC Barcelona, ein kräftiger Mann, der sorgsam darauf achtet, sich nur alle drei Tage zu rasieren, »alle um die 1,70 Meter groß und da kommt dieser Knirps, 30 Zentimeter kleiner als alle anderen.« Im Prinzip, sagt Borrell, spielte er an jenem ersten Abend schon so wie heute: »Immer los aufs Tor, niemals feige. Ohne es zu wollen, beleidigt er seine Gegner geradezu durch die Leichtigkeit, mit der er vorbeizieht.« Barça, der Klub, braucht ein halbes Jahr, um sich selbst zu überzeugen, dass das nicht Wahnsinn ist: Dann geben sie ihm einen Vertrag, der seiner Familie eine Wohnung und dem Vater ein Einkommen garantiert. Leo Messi ist 13. Er ernährt nun seine Eltern und die drei Geschwister. Seinetwegen zieht die ganze Familie nach Barcelona. Nach einem Jahr kehrt die Mutter mit den zwei kleinen Geschwistern aus Heimweh zurück nach Argentinien. »Gehen wir alle?«, fragt der Vater und Leo, 14, sagt schüchtern, er wolle es bei Barça doch schaffen. Er ist immer noch ein Junge, der vor den Augen der ganzen Welt herzergreifend weint, als er im März mit einem Muskelfaserriss im Champions-League-Spiel gegen Chelsea ausgetauscht werden muss. Und er war zugleich schon immer ein Erwachsener, »mit dem Hunger, der Entschlossenheit und vor allem mit unendlicher Bescheidenheit«, wie Borrell sagt, der seit zwölf Jahren bei Barça Talente entdeckt, der sagt, Iniesta, Xavi, Puyol, Cesc, die alle spanische Nationalspieler wurden, »sind das Normale bei einem Klub wie Barça. Das Anomale ist Leo.« Am ersten Trainingsabend schon, so Toni Calvo, der mit dem Taschentuch einen Tribünenplatz sauber gewischt hat, um sich zu setzen, habe jeder sehen können, dass Leo Messi einzigartig ist, oder, wie Toni das sagt, »fue la hostia«: Er war die Hostie. »Einmal, in der A-Jugend gegen Espanyol, musste Leo wegen eines Jochbeinbruchs mit einer Gesichtsmaske spielen. Nach 15 Minuten kam er zur Seitenlinie: ›Trainer, ich sehe nichts mit der Maske, ich setze sie ab, nur zehn Minuten, okay?‹ In den nächsten zehn Minuten hat er dann zwei Tore geschossen und der Trainer konnte ihn auswechseln.« Kürzlich, sagt Toni Calvo, schickte Messi noch einmal eine SMS, wie es gehe, lange nicht geredet. Der Stolz, Freund und Partner gewesen zu sein, mischt sich mit der schmerzhaften Ahnung, zurückgelassen zu werden. Am Anfang, sagt Toni Calvo und lächelt, hätten sie gedacht, Leo sei stumm. »Er war so schüchtern, er sagte nie etwas. Aber klar, mit dem Auto und dem Selbstvertrauen, das er inzwischen hat, wird er lockerer sein, wenn er sich mit Ronaldinho im Café trifft.« Ist es so? Am nächsten Tag trainiert Leo Messi nach einer Verletzungspause zum ersten Mal wieder mit Barças Profi-Elf. Ronaldinho, Deco, all die Helden des Fußballs, begrüßen ihn mit Applaus. Leo Messi senkt den Blick. Sein Gesicht ist knallrot angelaufen.
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