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aus Heft 25/2006 Außenpolitik Noch keine Kommentare

»Es ist unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen, um es den Armen zu geben«

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Von Alain Zucker 

Sie haben mal gesagt, der Markt bringe jeden zur Vernunft. Sind wirklich alle Kulturen gleich geeignet, im Kapitalismus zu reüssieren? Nein, das scheint etwa die unterschiedliche Entwicklung von Nord- und Lateinamerika nahe zu legen. Beide wurden, grob gesehen, etwa zur gleichen Zeit zivilisiert. Und am Anfang machte es den Anschein, als hätten die Lateinamerikaner alle Vorteile auf ihrer Seite, schon weil sie mehr natürliche Ressourcen besaßen. Ihre Regierungsform hingegen war schlechter: Es regierten Diktatoren oder, besser formuliert, eine kleine Klasse kontrollierte die ganze Gesellschaft. Dies ist eine allgemein gültige Regel: Man kann unterscheiden zwischen solchen Gesellschaften, die von oben nach unten funktionieren, und anderen, die ihre Kraft von unten nach oben entfalten.

Wie kamen die USA zu dieser Stärke? Es hat viel mit Zufällen und Unfällen zu tun, die dem Land zu einem guten Start verhalfen. Vor allem aber waren die Gründer nach einem ersten Fehlversuch fähig, eine hervorragende Verfassung zu schaffen. Sie schufen eine Basis, die den Wettbewerb und die freie Preisbildung auf dem Markt erlaubte. Adam Smith hatte in seinem Klassiker Wealth of Nations prophezeit, dass Amerika Ende des 19. Jahrhunderts reicher sein werde als Großbritannien. Er hatte absolut Recht.
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Kann man in Amerika heute noch vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen? Ja, sicher. Mein Gott, schauen Sie bloß, was während des Internet-Booms passierte. Hunderte von jungen Menschen wurden plötzlich Millionäre. Besorgt bin ich über eine andere Entwicklung: Die Einkommensunterschiede sind größer geworden zwischen den Leuten an der Spitze und jenen am unteren Ende der Gesellschaft. Die wichtigste Ursache dafür ist unser untaugliches Schulsystem. Fast ein Drittel aller Schüler, die mit der Highschool beginnen, verlassen sie ohne Abschluss. Sie sind sozusagen zu einem Leben in der Unterschicht verdammt. So geraten wir zunehmend in die Situation, dass die Vermögenden die Habenichtse unterstützen und ein paternalistischer Staat regiert. Ich halte dies für eine sehr ungesunde Entwicklung unserer Gesellschaft; es schadet ihrer Seele, ihrem Selbstverständnis.

Das Schulsystem verhindert heute die berühmte Chancengleichheit? Ja, ich glaube, die Schule ist der Ort, wo man am meisten für die Chancengleichheit tun kann. In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir die Ausgaben pro Schüler real verdoppelt oder verdreifacht, mit null Resultat. Im Gegenteil, die Ergebnisse der Abschlussprüfungen wurden sogar schlechter; die Zahl der Aussteiger nahm zu. Ohne Zweifel hat dies mit dem Staatsmonopol zu tun. Es fehlt das materielle Interesse, die Schulen wirklich zu verbessern.

Das Thema liegt Ihnen so am Herzen, dass Sie zusammen mit Ihrer Frau eine Stiftung zur Förderung der freien Schulwahl gegründet haben. Bildungsgutscheine sind die einzige sinnvolle Lösung für das Qualitätsproblem der Schulen. Da der Staat die Bildungsproduzenten, also die öffentlichen Schulen, subventioniert, fehlen die Anreize für ein gutes Ausbildungsangebot. Wir sollten das gleiche Geld in Form von Bildungsgutscheinen den Konsumenten, also den Schülern, in die Hand drücken. Egal, aus welcher Schicht sie sind und welche Hautfarbe sie haben, die Eltern könnten dann zwischen den Schulen auswählen. Das würde zu einem gesunden Wettbewerb führen und die Qualität der Schulen verbessern.

Woran liegt es eigentlich, dass Amerika wächst und der alte Kontinent stagniert? Sind die Europäer zu faul geworden für den Kapitalismus? Ich glaube, es würde ihnen besser gehen, wenn sie ihre nationalen Währungen behalten und den Euro nicht eingeführt hätten. Der Euro hat die zentralistischen Tendenzen, die Top-down-Struktur, gefördert, statt dass der Schwung von unten kommt. Grundsätzlich denke ich auch, dass die europäischen Länder traditionellere Gesellschaften haben, die weniger gut neue Konzepte und neue Ideen aufnehmen können. Und natürlich sind die Staatsausgaben höher als in den Vereinigten Staaten und hier sind sie ja schon viel zu hoch.

Seit der Einführung des Euro warnen Sie vor den Konsequenzen, doch bis heute hat sich die Währung als ziemlich stabil erwiesen. Woher Ihre hartnäckige Skepsis? Länder sind einfach unterschiedlich betroffen von externen Ereignissen. Vor dem Euro konnten sie solche Entwicklungen mit einer Wechselkursanpassung ihrer nationalen Währung abfedern. Das ist heute nicht mehr möglich. Eine einheitliche europäische Geldpolitik ist weniger effizient und weniger flexibel als die alte Wechselkursregulierung.

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