aus Heft 25/2006 Außenpolitik Noch keine Kommentare
»Es ist unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen, um es den Armen zu geben«
Seite 3
Von Alain Zucker
Gibt es in zehn Jahren den Euro nicht mehr? Doch, es wird einen Euro geben, aber einen anderen. Ich denke, ein paar Länder werden ihn aufgegeben haben. Ich kann mir den Euro für eine sehr kleine Gruppe Länder vorstellen. Ich bin nur skeptisch, was einen Euro als Weltwährung betrifft.
Wissen Sie noch, wieso Sie Ökonom wurden? Als ich 1932 meinen Bachelor an der Universität erwarb, galten in den Vereinigten Staaten 25 Millionen Leute als arbeitslos. Ich hatte zwei Stipendiumsangebote für meine weiteren Studien: eins für angewandte Mathematik, eins für Ökonomie an der Universität Chicago.
Und Sie waren sich damals schon sicher? Immerhin waren Sie damit lange Teil einer Minderheit. Ich konnte nicht sicher sein, dass ich richtig lag, doch ich verließ mich auf die Fakten. Mein Vorteil war, dass ich zwar zu einer Minderheit gehörte, aber an der Universität Chicago eine kleine Clique Gleichgesinnter um mich hatte, so dass ich im Alltag nicht dauernd angegriffen wurde. Das war 1947 auch Friedrich von Hayeks Konzept bei der Gründung der Mont Pèlerin Society in der Schweiz. Er brachte all diese Leute zusammen, die eine Woche pro Jahr Ideen diskutierten und nicht mehr das Gefühl hatten, mit ihren Ideen allein zu sein. Uns verband der Glaube an die Bedeutung der Freiheit, Freiheit im Sinne privaten Eigentums, eines freien Handels und so weiter. Im Visier hatten wir damals nicht unbedingt die Sowjetunion, sondern vor allem die zentrale Planung in fast allen europäischen Staaten.
Sie schrieben damals gegen den Keynesianismus an, der staatliche Eingriffe in die Wirtschaft so populär machte. Haben Sie John Maynard Keynes eigentlich je kennen gelernt? Ich habe ihn nie getroffen, aber wir haben mal korrespondiert. Er lehnte einen Artikel von mir ab, den ich publizieren wollte, meinen ersten.
Heute gehören Sie zum Mainstream und der Ruhm von Keynes ist verblasst. Glauben Sie, dass Sie den Gang der Geschichte beeinflusst haben? Das ist schwierig zu beurteilen. Wir haben sicher zum Wandel in der öffentlichen Meinung beigetragen, aber unsere wichtigste Rolle war, Alternativen anzubieten für die Zeit, als Alternativen möglich wurden. Wir hatten zum Beispiel seit den sechziger Jahren über flexible Wechselkurse diskutiert. Nun waren wir nicht dafür verantwortlich, dass sie schließlich auch eingeführt wurden. Aber dank uns gab es ein Modell, das im richtigen Moment bereitstand.
Glauben Sie, die Europäer leben auch heute noch in einem sozialistischen System? In einem teilsozialistischen, ja. Das gilt sogar für die Vereinigten Staaten, wo fast vierzig Prozent des nationalen Einkommens von der Regierung ausgegeben oder kontrolliert werden. Das macht uns fast halbsozialistisch. Die Rettung einer freien Gesellschaft ist, dass der Staat so ineffizient ist. Wenn er seine vierzig Prozent wirklich effizient einsetzen würde, wäre es mit der freien Gesellschaft nicht mehr so weit her.
Was ist mit Ländern wie Finnland, wo der Staat effizient ist, die Leute gern Steuern bezahlen und die Wirtschaft wächst? Man trifft in dieser Welt auf alle möglichen Anomalien. Es gibt keinen Grund, weshalb Laisser-faire nicht auch in Skandinavien funktionieren würde. Vielleicht kommen sie auch dort eines Tages zu Sinnen. Halten Sie es nur für ineffizient, wenn der Staat eingreift, oder auch für unmoralisch? Beides. Ich halte es für unmoralisch, wenn der Staat mich davon abhalten will, Marx zu lesen oder Marihuana zu rauchen. Er versucht in beiden Fällen zu kontrollieren, was ich zu mir nehme. Es ist ebenso unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben, unter der Voraussetzung, dass die Reichen ihr Geld ehrlich verdient haben. Wieso ist Stehlen moralisch? Und wo ist der Unterschied zwischen Besteuerung und Diebstahl? Man kann Steuern legitimieren, wenn man sie als den Preis für notwendige staatliche Dienstleistungen betrachtet. Demzufolge wäre es also moralisch, den Leuten eine Steuer für staatliche Dienstleistungen aufzuerlegen, die sie bezahlen können. Und als eine dieser Dienstleistungen könnte man das Schaffen einer egalitäreren Gesellschaft betrachten. Ist dies wirklich eine notwendige staatliche Dienstleistung? Daran zweifle ich.
Wie sieht die ideale Gesellschaft aus? Nehmen Sie Hongkong: Im Jahr 1945 war das Durchschnittseinkommen ein Drittel so hoch wie dasjenige von Großbritannien, heute ist es ein Drittel höher als das britische. Bevor Hongkong von China übernommen wurde, lagen die Staatsausgaben bei unter 15 Prozent. Wenn wir unsere Quote ebenfalls nicht über 15 Prozent hätten steigen lassen, wären wir heute mehr als doppelt so reich.
Wissen Sie noch, wieso Sie Ökonom wurden? Als ich 1932 meinen Bachelor an der Universität erwarb, galten in den Vereinigten Staaten 25 Millionen Leute als arbeitslos. Ich hatte zwei Stipendiumsangebote für meine weiteren Studien: eins für angewandte Mathematik, eins für Ökonomie an der Universität Chicago.
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Welches hätten Sie angenommen in einer Welt, die aus den Fugen war? Wie alt waren Sie, als Ihre Meinung feststand, dass der Markt prinzipiell soziale und wirtschaftliche Probleme besser löst als der Staat? In meinen frühen Zwanzigern wohl.
Und Sie waren sich damals schon sicher? Immerhin waren Sie damit lange Teil einer Minderheit. Ich konnte nicht sicher sein, dass ich richtig lag, doch ich verließ mich auf die Fakten. Mein Vorteil war, dass ich zwar zu einer Minderheit gehörte, aber an der Universität Chicago eine kleine Clique Gleichgesinnter um mich hatte, so dass ich im Alltag nicht dauernd angegriffen wurde. Das war 1947 auch Friedrich von Hayeks Konzept bei der Gründung der Mont Pèlerin Society in der Schweiz. Er brachte all diese Leute zusammen, die eine Woche pro Jahr Ideen diskutierten und nicht mehr das Gefühl hatten, mit ihren Ideen allein zu sein. Uns verband der Glaube an die Bedeutung der Freiheit, Freiheit im Sinne privaten Eigentums, eines freien Handels und so weiter. Im Visier hatten wir damals nicht unbedingt die Sowjetunion, sondern vor allem die zentrale Planung in fast allen europäischen Staaten.
Sie schrieben damals gegen den Keynesianismus an, der staatliche Eingriffe in die Wirtschaft so populär machte. Haben Sie John Maynard Keynes eigentlich je kennen gelernt? Ich habe ihn nie getroffen, aber wir haben mal korrespondiert. Er lehnte einen Artikel von mir ab, den ich publizieren wollte, meinen ersten.
Heute gehören Sie zum Mainstream und der Ruhm von Keynes ist verblasst. Glauben Sie, dass Sie den Gang der Geschichte beeinflusst haben? Das ist schwierig zu beurteilen. Wir haben sicher zum Wandel in der öffentlichen Meinung beigetragen, aber unsere wichtigste Rolle war, Alternativen anzubieten für die Zeit, als Alternativen möglich wurden. Wir hatten zum Beispiel seit den sechziger Jahren über flexible Wechselkurse diskutiert. Nun waren wir nicht dafür verantwortlich, dass sie schließlich auch eingeführt wurden. Aber dank uns gab es ein Modell, das im richtigen Moment bereitstand.
Glauben Sie, die Europäer leben auch heute noch in einem sozialistischen System? In einem teilsozialistischen, ja. Das gilt sogar für die Vereinigten Staaten, wo fast vierzig Prozent des nationalen Einkommens von der Regierung ausgegeben oder kontrolliert werden. Das macht uns fast halbsozialistisch. Die Rettung einer freien Gesellschaft ist, dass der Staat so ineffizient ist. Wenn er seine vierzig Prozent wirklich effizient einsetzen würde, wäre es mit der freien Gesellschaft nicht mehr so weit her.
Was ist mit Ländern wie Finnland, wo der Staat effizient ist, die Leute gern Steuern bezahlen und die Wirtschaft wächst? Man trifft in dieser Welt auf alle möglichen Anomalien. Es gibt keinen Grund, weshalb Laisser-faire nicht auch in Skandinavien funktionieren würde. Vielleicht kommen sie auch dort eines Tages zu Sinnen. Halten Sie es nur für ineffizient, wenn der Staat eingreift, oder auch für unmoralisch? Beides. Ich halte es für unmoralisch, wenn der Staat mich davon abhalten will, Marx zu lesen oder Marihuana zu rauchen. Er versucht in beiden Fällen zu kontrollieren, was ich zu mir nehme. Es ist ebenso unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben, unter der Voraussetzung, dass die Reichen ihr Geld ehrlich verdient haben. Wieso ist Stehlen moralisch? Und wo ist der Unterschied zwischen Besteuerung und Diebstahl? Man kann Steuern legitimieren, wenn man sie als den Preis für notwendige staatliche Dienstleistungen betrachtet. Demzufolge wäre es also moralisch, den Leuten eine Steuer für staatliche Dienstleistungen aufzuerlegen, die sie bezahlen können. Und als eine dieser Dienstleistungen könnte man das Schaffen einer egalitäreren Gesellschaft betrachten. Ist dies wirklich eine notwendige staatliche Dienstleistung? Daran zweifle ich.
Wie sieht die ideale Gesellschaft aus? Nehmen Sie Hongkong: Im Jahr 1945 war das Durchschnittseinkommen ein Drittel so hoch wie dasjenige von Großbritannien, heute ist es ein Drittel höher als das britische. Bevor Hongkong von China übernommen wurde, lagen die Staatsausgaben bei unter 15 Prozent. Wenn wir unsere Quote ebenfalls nicht über 15 Prozent hätten steigen lassen, wären wir heute mehr als doppelt so reich.
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