aus Heft 25/2006 Außenpolitik Noch keine Kommentare
»Es ist unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen, um es den Armen zu geben«
Seite 4
Von Alain Zucker
Konkret: Welche Aufgaben soll der Staat übernehmen, welche soll er lassen? Idealerweise sollte er das Land gegen äußere Feinde verteidigen. Zweitens soll er eine Gerichtsbarkeit bereitstellen, wo die Leute ihre Differenzen bereinigen können. Drittens würde der Staat die Regeln des Spiels festlegen, wie Eigentumsrechte zum Beispiel. Ich bin auch für eine staatliche Polizei. Mein Sohn hat einmal ein Buch geschrieben, in dem er ein anarchistisches System vorschlug. Private Sicherheitsfirmen hätten da die Funktion der Polizei übernommen. Ich habe mich nie davon überzeugen können, dass dies funktionieren würde.
Wieso wollen Sie nicht, dass der Staat den Armen und Schwachen hilft? Das Ziel ist es doch, möglichst wenig Arme und Schwache zu haben. Hier liegt die Stärke dieses Ideals. Den verbleibenden Armen würde man privat helfen. Die private Fürsorge gab es schon immer. Früher forderten Sie nur, dass man alle Sozialprogramme durch eine Art Minimaleinkommen für jeden Bürger ersetzt. Wir reden ja jetzt von einer idealen Welt, das Minimaleinkommen ist eine Idee für diese, die reale Welt. Kollege Charles Murray hat ein Buch geschrieben, in dem er vorschlägt, jedem Erwachsenen 10 000 Dollar im Jahr zu geben. Wenn sich einer mit dem Geld betrinken will, wäre das dann sein Problem. Ich gehe einig mit John Stuart Mill: Der Staat ist dazu da, den Bürger vor anderen Bürgern zu schützen. Er ist nicht dazu da, die Leute vor sich selbst zu beschützen.
Was war Ihr größter Erfolg? Weiß der Himmel! Am meisten Einfluss wird mir in der Geldpolitik zugeschrieben, aber Alan Greenspan hatte als Notenbankchef mindestens ebenso viel Anteil am Erfolg. Ich halte zum Beispiel meinen Beitrag zur Abschaffung der obligatorischen Wehrpflicht in den siebziger Jahren für wertvoll. Das war ein solch gravierender Eingriff in die menschliche Freiheit. Es gibt allerdings gewisse kleine Länder, die keine andere Wahl haben. Dazu gehört zum Beispiel Israel. Wenn man für eine adäquate Landesverteidigung über die Hälfte einer bestimmten Altersgruppe einziehen müsste, hat man wohl keine Alternative zur Wehrpflicht. Ansonsten müsste man zu viele zu hohe Löhne zahlen, um genug Freiwillige zu finden.
Haben Sie sich in Ihrer Karriere je geirrt und Ihre Meinung geändert? Natürlich. Das Schöne daran ist, dass man diese Irrtümer aus der Erinnerung verbannt.
Das glaube ich Ihnen nicht. Na gut, hier ein Beispiel: Ich war früher ein Befürworter von Monopolbekämpfung. Inzwischen bin ich zum Schluss gekommen, dass sie sinnlos ist, weil Maßnahmen gegen Monopole dazu tendieren, der regulierten Industrie mehr zu nützen als der Öffentlichkeit.
Bereuen Sie heute Ihren Einsatz für Pinochet? Sie fuhren in den siebziger Jahren nach Chile, um bei der Bekämpfung der Inflation mitzuhelfen, prompt wurden Sie zum Symbol des zynischen Kapitalisten, der einen Diktator unterstützt. Das war kein Fehler. Als ich Jahre später nach China fuhr und dort die gleichen Reden über Inflation und freie Märkte hielt wie früher in Chile, hat niemand protestiert. Wieso?
Pinochet hat die Opposition erbarmungslos unterdrückt und verfolgt. Wie war das mit Ihrem Credo einer freien Gesellschaft vereinbar? Schauen wir doch, wie ich überhaupt nach Chile kam und was ich dort tat: Nachdem Pinochet eine Gruppe von Ökonomen um Hilfe gebeten hatte, die an meiner Universität in Chicago ausgebildet worden waren, fuhr ich für Vorträge nach Chile. Ich habe auch dort über die Freiheit gesprochen. Ich habe auch damals gesagt, dass Freiheit die Redefreiheit bedingt. Schauen Sie, was passiert ist: Chile ist ein freies Land. Pinochet ließ irgendwann freie Wahlen zu und wurde abgewählt.
Sie glauben, Diktatur und freie Marktwirtschaft können nicht nebeneinander bestehen? Ich glaube nicht, nein. Ich denke, dass auch in China der Gegensatz zwischen der wirtschaftlichen Freiheit und der politischen Unfreiheit schon bald zu einem neuen Konflikt führen wird. Die Proteste auf dem Tiananmen-Platz waren nur die ersten einer Serie von Ereignissen, die früher oder später passieren werden.
Als Ökonom haben Sie während Ihrer ganzen Karriere menschliches Verhalten erforscht: Was ist das Wichtigste im Leben? Für mich? Die intellektuelle Aktivität, das Nachdenken über Dinge.
Das war wichtiger, als Vater zu werden oder zu heiraten? Natürlich habe ich auch viel Freude an meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln. Doch intellektuelle Aktivität hat einfach den größten Teil meines Lebens ausgemacht.
Wann gehen Sie in den Ruhestand? Wenn ich sterbe. Aber ich arbeite heute ja nur noch wenig. Ich verschwende meine Zeit, um mit Leuten wie Ihnen zu reden.
Milton Friedman, 93, gilt als der berühmteste und einflussreichste lebende Ökonom. Er war unter anderem Berater von Richard Nixon und Ronald Reagan und pflegt auch heute noch engen Kontakt zum Weißen Haus. Als Mitglied der »Chicago School« entwickelte er die Monetarismus-Theorie, die in den siebziger Jahren die Wirtschaftswissenschaft revolutionierte. Demnach sollte die Geldpolitik nicht über den Zinssatz, sondern über die Geldmenge geregelt werden. Er war einer der schärfsten Kritiker des Keynesianismus, der mit staatlichen Eingriffen die Wirtschaft zu regulieren versuchte. Friedman erhielt 1976 den Nobelpreis für Ökonomie. Er lebt mit seiner Frau Rose in San Francisco.
Wieso wollen Sie nicht, dass der Staat den Armen und Schwachen hilft? Das Ziel ist es doch, möglichst wenig Arme und Schwache zu haben. Hier liegt die Stärke dieses Ideals. Den verbleibenden Armen würde man privat helfen. Die private Fürsorge gab es schon immer. Früher forderten Sie nur, dass man alle Sozialprogramme durch eine Art Minimaleinkommen für jeden Bürger ersetzt. Wir reden ja jetzt von einer idealen Welt, das Minimaleinkommen ist eine Idee für diese, die reale Welt. Kollege Charles Murray hat ein Buch geschrieben, in dem er vorschlägt, jedem Erwachsenen 10 000 Dollar im Jahr zu geben. Wenn sich einer mit dem Geld betrinken will, wäre das dann sein Problem. Ich gehe einig mit John Stuart Mill: Der Staat ist dazu da, den Bürger vor anderen Bürgern zu schützen. Er ist nicht dazu da, die Leute vor sich selbst zu beschützen.
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Mit diesem Gedanken haben Sie aber bisher kein Gehör gefunden. Sie fordern schon lange die völlige Straffreiheit des Drogenkonsums. Es ist wirklich komisch: Wir haben in den USA die Erfahrung der Prohibition, als selbst der Alkoholkonsum verboten war. Niemand zweifelt heute daran, dass die Prohibition ein Fehler war. Das Problem ist, dass die potenziellen Konsumenten heutiger illegaler Drogen nicht mehr als zehn bis 15 Prozent einer Gesellschaft ausmachen – zu wenig, um genügend politischen Druck aufzubauen. Dabei ist unsere Drogenpolitik völlig irrsinnig und schadet sogar unseren außenpolitischen Interessen. So wollen wir Afghanistan wieder aufbauen, doch gleichzeitig versuchen wir, den Anbau und Handel von Heroin zu unterbinden. Die Droge ist eines der wichtigsten Exportgüter des Landes und eine der wenigen Möglichkeiten für Afghanen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die amerikanische Regierung mischt sich in eine Transaktion zwischen einem willigen Verkäufer und einem willigen Kunden ein – das ist absurd.
Was war Ihr größter Erfolg? Weiß der Himmel! Am meisten Einfluss wird mir in der Geldpolitik zugeschrieben, aber Alan Greenspan hatte als Notenbankchef mindestens ebenso viel Anteil am Erfolg. Ich halte zum Beispiel meinen Beitrag zur Abschaffung der obligatorischen Wehrpflicht in den siebziger Jahren für wertvoll. Das war ein solch gravierender Eingriff in die menschliche Freiheit. Es gibt allerdings gewisse kleine Länder, die keine andere Wahl haben. Dazu gehört zum Beispiel Israel. Wenn man für eine adäquate Landesverteidigung über die Hälfte einer bestimmten Altersgruppe einziehen müsste, hat man wohl keine Alternative zur Wehrpflicht. Ansonsten müsste man zu viele zu hohe Löhne zahlen, um genug Freiwillige zu finden.
Haben Sie sich in Ihrer Karriere je geirrt und Ihre Meinung geändert? Natürlich. Das Schöne daran ist, dass man diese Irrtümer aus der Erinnerung verbannt.
Das glaube ich Ihnen nicht. Na gut, hier ein Beispiel: Ich war früher ein Befürworter von Monopolbekämpfung. Inzwischen bin ich zum Schluss gekommen, dass sie sinnlos ist, weil Maßnahmen gegen Monopole dazu tendieren, der regulierten Industrie mehr zu nützen als der Öffentlichkeit.
Bereuen Sie heute Ihren Einsatz für Pinochet? Sie fuhren in den siebziger Jahren nach Chile, um bei der Bekämpfung der Inflation mitzuhelfen, prompt wurden Sie zum Symbol des zynischen Kapitalisten, der einen Diktator unterstützt. Das war kein Fehler. Als ich Jahre später nach China fuhr und dort die gleichen Reden über Inflation und freie Märkte hielt wie früher in Chile, hat niemand protestiert. Wieso?
Pinochet hat die Opposition erbarmungslos unterdrückt und verfolgt. Wie war das mit Ihrem Credo einer freien Gesellschaft vereinbar? Schauen wir doch, wie ich überhaupt nach Chile kam und was ich dort tat: Nachdem Pinochet eine Gruppe von Ökonomen um Hilfe gebeten hatte, die an meiner Universität in Chicago ausgebildet worden waren, fuhr ich für Vorträge nach Chile. Ich habe auch dort über die Freiheit gesprochen. Ich habe auch damals gesagt, dass Freiheit die Redefreiheit bedingt. Schauen Sie, was passiert ist: Chile ist ein freies Land. Pinochet ließ irgendwann freie Wahlen zu und wurde abgewählt.
Sie glauben, Diktatur und freie Marktwirtschaft können nicht nebeneinander bestehen? Ich glaube nicht, nein. Ich denke, dass auch in China der Gegensatz zwischen der wirtschaftlichen Freiheit und der politischen Unfreiheit schon bald zu einem neuen Konflikt führen wird. Die Proteste auf dem Tiananmen-Platz waren nur die ersten einer Serie von Ereignissen, die früher oder später passieren werden.
Als Ökonom haben Sie während Ihrer ganzen Karriere menschliches Verhalten erforscht: Was ist das Wichtigste im Leben? Für mich? Die intellektuelle Aktivität, das Nachdenken über Dinge.
Das war wichtiger, als Vater zu werden oder zu heiraten? Natürlich habe ich auch viel Freude an meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln. Doch intellektuelle Aktivität hat einfach den größten Teil meines Lebens ausgemacht.
Wann gehen Sie in den Ruhestand? Wenn ich sterbe. Aber ich arbeite heute ja nur noch wenig. Ich verschwende meine Zeit, um mit Leuten wie Ihnen zu reden.
Milton Friedman, 93, gilt als der berühmteste und einflussreichste lebende Ökonom. Er war unter anderem Berater von Richard Nixon und Ronald Reagan und pflegt auch heute noch engen Kontakt zum Weißen Haus. Als Mitglied der »Chicago School« entwickelte er die Monetarismus-Theorie, die in den siebziger Jahren die Wirtschaftswissenschaft revolutionierte. Demnach sollte die Geldpolitik nicht über den Zinssatz, sondern über die Geldmenge geregelt werden. Er war einer der schärfsten Kritiker des Keynesianismus, der mit staatlichen Eingriffen die Wirtschaft zu regulieren versuchte. Friedman erhielt 1976 den Nobelpreis für Ökonomie. Er lebt mit seiner Frau Rose in San Francisco.
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