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aus Heft 33/2006 Außenpolitik

Chronik eines angekündigten Skandals

John Hansen & Kim Hundesvadt, Martin Klimas (Foto) 

Weltweit demonstrierten Muslime gegen die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung. Das war kein Zufall. Ein halbes Jahr später beschreiben zwei Redakteure von Jyllands-Posten erstmals, wie es so weit kommen konnte.

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Das rote Tuch in der arabischen Welt: Plötzlich standen dänische Fahnen überall in Flammen.

Alles beginnt an einem Sommerabend im Juni 2005. Der dänische Kinderbuchautor Kåre Bluitgen ist im Kopenhagener Vorort Frederiksberg zu einer Party mit alten Freunden aus der linken Szene eingeladen. Hier trifft Bluitgen einen Journalisten der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau und erzählt ihm bei einem Bier, dass er dabei sei, ein Kinderbuch über den Propheten Mohammed zu schreiben. Allerdings habe er Probleme, einen Zeichner zu finden, der es illustrieren wolle. Drei Zeichner hätten aus Angst vor gewalttätigen islamistischen Repressalien abgesagt. Der Agenturjournalist wittert eine gute Geschichte. Drei Monate nach der Sommerparty, am Freitag, 16. September, um vier Uhr verschickt die Agentur Ritzau seine Story an die Redaktionen: »Dänische Künstler haben Angst vor Kritik am Islam«. Die Angst der Zeichner wird in einen Zusammenhang mit dem Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh gestellt sowie mit einem gewalttätigen Überfall auf einen Dozenten der Universität Kopenhagen, der vor seinen Studenten laut aus dem Koran vorgelesen hatte.

Der Artikel löst in den dänischen Medien noch am selben Tag eine intensive Debatte über Selbstzensur und Berührungsangst mit dem Islam aus – auch bei einer Redaktionssitzung der Morgenavisen Jyllands-Posten, der größten Zeitung Dänemarks. Die Redakteure diskutieren, wie sie die Debatte im Blatt aufgreifen könnten. Einer der Journalisten fragt: «Wie wäre es, wenn wir sämtliche Mitglieder des Karikaturistenverbands anschrieben und fragten, ob sie Mohammed zeichnen?« Die Idee wird dem Ressortleiter Kultur, Flemming Rose, unterbreitet. Er schreibt an die etwa vierzig Mitglieder des Vereins der Zeitungskarikaturisten: «Morgenavisen Jyllands-Posten steht auf der Seite der Meinungsfreiheit. Wir möchten dich deshalb gern einladen, Mohammed so zu zeichnen, wie du ihn siehst.«

Zwölf Karikaturisten nehmen die Aufforderung an. Ihre Zeichnungen fallen, wie es in der Natur der Sache liegt, sehr verschieden aus. Einige gehen satirisch auf den Kinderbuchautor Kåre Bluitgen ein, den sie verdächtigen, die Angelegenheit als PR-Trick für sein Werk inszeniert zu haben. Einer zeichnet den Propheten gar nicht erst, sondern lässt einen kleinen Jungen namens Mohammed auf eine Tafel schreiben: »Die leitenden Redakteure von Jyllands-Posten sind ein Haufen reaktionärer Provokateure.« Die Zeichnungen werden am 30. September 2005 im Kulturteil von Jyllands-Posten gedruckt, die unmittelbare Reaktion erweist sich als verhalten. Jenseits der Medienwelt beginnt jedoch eine hitzige Diskussion im muslimischen Milieu Dänemarks. Die wenigsten haben die Zeitung zu Gesicht bekommen und mehrere führende Muslime glauben nicht, dass es der Mühe wert sei zu protestieren. Einige Imame meinen dagegen, die Verletzung sei so schwerwiegend, dass man ein Exempel statuieren müsse.

Die eifrigsten Vorkämpfer für einen Protest der dänischen Muslime haben Verbindun-gen zu einer Moschee in Århus, die von der fundamentalistischen Organisation Gleichheit und Brüderlichkeit betrieben wird und früher wegen ihrer Kontakte zu Extremisten in die Schlagzeilen geriet. In der Moschee versammeln sich fünf Imame, unter ihnen Raed Hlayhel, um ihren Zorn zu teilen und einen Schlachtplan zu entwerfen. Jyllands-Posten ist ihnen seit Langem ein Dorn im Auge, da die Zeitung kritisch über ihre Aktivitäten berichtet hatte.

Raed Hlayhel gewinnt den internen Machtkampf um die Strategie. Es gelingt ihm, zwei Tage nachdem die Karikaturen gedruckt worden sind, rund zehn islamische Organisationen zu einer Sitzung in Kopenhagen zu versammeln. Hier wird er zum Vorsitzenden eines Komitees gewählt, das die Ehre des Propheten verteidigen soll. Die Teilnehmer einigen sich auf eine Strategie mit 19 Punkten. Die Imame und ihre Anhänger wollen die dänische Regierung verklagen, die Botschafter der muslimischen Länder in Dänemark einschalten sowie religiöse Führer und die Medien im Nahen Osten kontaktieren. Gedacht wird auch bereits an einen Boykott dänischer Waren.
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