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aus Heft 48/2006 Essen & Trinken Noch keine Kommentare

Teriyaki to go

Bisher kostete ein Huhn asiatischer Art zwei Stunden Arbeit und jede Menge Nerven. Heute soll ein Schuss Geschmacks-Spray genügen. Ein Selbstversuch. Von Sabine Magerl (Text), André Mühling (Fotos) 



Es gibt Menschen, die Innovationen ablehnen, vor allem wenn sie ein Grundbedürfnis wie das Essen betreffen. Denn was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Ich hingegen gehöre nicht zu der Spezies, die auf der Rückseite einer Tiefkühlpizza die Inhaltsstoffe studiert. Mein Nahrungsspektrum reichte bisher von den italienischen Dosentomaten bis zum Biogemüse, an dem noch etwas Erde klebt. Trotzdem erschien auch mir die neueste Errungenschaft der Esskultur aus Amerika etwas bizarr: Sprays mit Geschmacksrichtungen wie Honig, Tomate-Basilikum oder Geröstete Zwiebeln, die ihr natürliches Pendant überflüssig machen sollen. Klar, die Aromaindustrie lebt davon, dass ein Joghurt kaum mehr eine Frucht braucht, um so intensiv nach Erdbeere zu schmecken, dass das Original dagegen fast wässrig wirkt. Aber kann man Kiwi, Butter oder Banana-Split-Eis einfach auf das Essen sprühen wie ein Parfum auf die Haut? Andererseits: Wir schreiben das Jahr 2006, also warum eigentlich nicht? Die neuen Flavorsprays, entwickelt und vermarktet von dem amerikanischen Starkoch David Burke, versprechen solche Wunder. Als »erstaunlichste Innovation des Jahres« beschreibt das Time Magazine diese Produkte, die »das Kochen beinahe überflüssig machen«. In Radiosendungen und TV-Shows erzählen Hausfrauen begeistert von ihren Experimenten, in denen sie Joghurt in Schokolade verwandeln und Speck auf Eier oder ein fades Steak sprayen: »Delicious!« Waren die Flavorsprays anfangs noch eher als Ersatzstoffe gedacht, um karge Diätkost etwas aufzupolieren, scheinen sie schon nach wenigen Monaten so unentbehrlich in der amerikanischen Küche wie Salz oder Pfeffer, obwohl niemand genau weiß, woraus die natürlichen und künstlichen Aromen in der Wasseremulsion bestehen. Denn David Burke hält seine Rezeptur streng geheim. Es gibt die Flavorsprays seit Kurzem auch in der Schweiz und in den Niederlanden. Vor der baldigen Markteinführung in Deutschland wage ich einen Selbstversuch. Drei Tage will ich mit den Sprühflaschen leben und essen, um der Frage nachzugehen, was eine aufgesprühte Tomate mit einer echten gemein hat. Und ob ein Hauch von Nichts unsere konventionelle Nahrungsaufnahme tatsächlich ersetzen könnte. Ich suche mir zehn der mehr als dreißig im Internet angebotenen Geschmacksrichtungen aus, zehn, die meinen Essgewohnheiten am ehesten entsprechen. Die Frage, die sich mir dabei stellt: Woran erkenne ich eigentlich Geschmack? In Fachbüchern lese ich, dass der Geschmack weitaus weniger ausgeprägt ist als andere Sinne und eher aus einem Zusammenspiel von Riechen, Sehen und der im Mund gefühlten Textur des Essens entsteht als durch die Rezeptoren auf der Zunge. Von denen hat der Mensch im Vergleich zur Kuh ohnehin nur wenige – und mit fortschreitendem Alter immer weniger. Aus dem Paket dringt ein unerklärlicher Duft, der an alte Schokolade erinnert. Die kleinen Plastikfläschchen, auf denen David Burke mich angrinst, sehen allerdings eher aus wie Gesichtswasser oder Medizin. An diesem Morgen, Tag eins meines Versuchs, entscheide ich mich für einen Toast mit Honig. Das heißt: für einen Toast mit Honigspray. Ich rieche an dem Fläschchen: eindeutig Honig. Ich bin mir sicher. Auch wenn mir die Worte für die Beschreibung von Honig fehlen würden: Dieser Toast, obwohl nun nur ein paar Wasserbläschen statt einer gelben, zähen Schicht auf ihm liegen, er schmeckt nach Honig. Aber vielleicht liegt es nur daran, dass ich weiß, wie er schmecken soll.
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