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aus Heft 48/2006 Essen & Trinken Noch keine Kommentare

Teriyaki to go

Seite 2

Von Sabine Magerl (Text), André Mühling (Fotos) 



In der Mittagspause gehe ich in ein italienisches Restaurant und bestelle Nudeln und Tomatensauce, die Sauce, zum Vergleich, »bitte separat«. Der Kellner sieht mich verwirrt an, als ich das Spray auf den Tisch stelle, er hält mich vermutlich für eine irre Makrobiotikerin. Ich ignoriere seine Blicke und gebe beherzt drei kräftige Schuss Spray auf die blanken Nudeln. Die verwaiste Tomatensauce riecht wunderbar nach Tomate, mein Teller Flavor-Nudeln dagegen scharf wie Medizin. Sie haben nun einen Geschmack, der eher an Hustenbonbons erinnert als an Tomaten-Basilikum-Essenz. Zum Glück verflüchtigt sich der Duft bald, es bleibt ein indifferentes, künstliches Aroma, gegen das jedes Ketchup natürlich wirkt. Tomate, denke ich, Basilikum, und esse weiter, doch es stellt sich kein Saucen-Gefühl ein. Der Geschmack, der sich nun seltsamerweise mit der Erinnerung an etwas Honig vom Frühstück mischt, bleibt den Nachmittag lang und lässt sich nur mit einigen Kaugummis abmildern. Vorläufiges Fazit: Schwer vorstellbar, dass die Zukunft des Essens der Aromaindustrie gehören soll. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, das ist auch wissenschaftlich belegt. Zwar erkennen die meisten Menschen auf ähnliche Weise süß und salzig, beim Bittergeschmack aber stellten Wissenschaftler Schwankungen um den Faktor tausend fest. Ich bin also froh, dass ich für den Abend Freunde eingeladen habe. Vielleicht wer-den meine Dinner-Gäste ja anders auf die Sprays reagieren als ich. Es soll mit Teriyaki-Geschmack besprühte Hühnchenspieße geben. Für mich riecht das Spray nach nassem Laub, hoffentlich schmeckt es nicht ebenso. Als Vorspeise serviere ich Blue-Cheese-Spray auf Kräckern. Meine Gäste reagieren verhalten. Die Stimmung ist so spröde wie das Essen. Was hilft die schönste Tischdekoration, wenn auf dem Teller nur ein Keks liegt? Vermutlich sind meine Gäste zu höflich, um mehr zu sagen als »Echter Käse schmeckt besser« oder »Ich bin kein Fan von Schimmelkäse«. Am Tisch hat sich das Aroma von alten Turnschuhen breitgemacht. Und die vom Spray aufgeweichten Kräcker schmecken auch so ähnlich. Dagegen hilft, so rate ich meinen Gästen, nur eine kräftige Dosis »Smoked Bacon«, die alles in ein salzig-geräuchertes Aroma taucht, das selbst einen herzhaften Parmaschinken übertönen würde. Das Teriyaki-Spray, das dem Huhn eine leicht zuckrige Komponente gibt, erweist sich glücklicherweise als eher flach und lässt noch etwas Fleischgeschmack erahnen. Auch wenn Menschen evolutionär begründet Süßes mögen, da der Geschmack Kalorien verspricht: Das Aroma-Huhn erregt keinerlei archaische Essensgelüste, meine Gäste wirken schon nach einigen Bissen sehr satt. Inzwischen riecht es im Esszimmer wie in einer Parfümerie. Süße, salzige und bittere Duftwolken schweben über dem Tisch. Vermutlich hat sich unser Geschmackssinn bereits verflüchtigt. Gut, dass der Nachtisch eindeutig beschriftet ist: »Birthday Cake«. Auf Butterkeks gesprüht. Sicherlich hat jeder Mensch eine andere Vorstellung von einem Geburtstagskuchen. Vielleicht könnten wir ohne das Sehen und Riechen viele Gerichte überhaupt nicht unterscheiden. Aber das Birthday-Cake-Spray ist bei aller Verwirrung der Sinne beeindruckend. Die Butterkekse verströmen ein unglaubliches Rum-Marzipan-Aroma, das für eine ganze Konditorei reichen würde. Und doch sind sie trocken wie Staub, es fehlen Creme, Sahne und Teigbrösel, die einen Kuchen zu einem Kuchen machen. Man kann Geschmack imitieren, das beweisen die Flavorsprays, aber können sie wirklich Nahrung ersetzen? Gibt es wahren Fettgeschmack ohne Kruste? Sahne ohne Schaum? Kann sich Schokoladengeschmack auf Käse entfalten und ein Knäckebrot zum Steak werden? Vielleicht müsste man einfach vergessen, wie ein Steak aussieht. Man müsste vergessen, dass Obst weich und ein Braten warm ist. Meine Küche ist jetzt ein Versuchslabor, der elektrische Herd scheint so überflüssig wie eine offene Feuerstelle. Auf meinem Einkaufszettel stehen am dritten und letz-ten Tag nur noch: Reis, Toast, Kräcker. Ich nenne sie inzwischen Trägermaterial. Ich ernähre mich von »Smoked Bacon«, »Memphis BBQ« und »Chocolate Fudge«. Würde ich noch einige Monate länger nur mit David Burkes Aromen leben, ich würde ver-gessen, wie ein Banana-Split-Eis wirklich schmeckt, obwohl die Erinnerung daran aus meiner frühesten Kindheit stammt. Vielleicht würde ich sogar ein Grillhuhn irgendwann als unnatürlich empfinden. Und das unsichtbare »Memphis BBQ« auf Toast gesprüht – es wäre für mich so wertvoll wie ein kleines Steak.
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