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Ein anderer großer Gegner des Traums aber ist das Buch selbst. Es hat sich in der digitalen Welt als erstaunlich störrisch erwiesen. Trotz immer besserer Scan-Methoden bleibt es ein hochkomplizierter und erstaunlich aufwändiger Vorgang, das Wissen der Menschheit aus diesem analogen, oft vergilbten und zerfledderten Medium zu extrahieren und in eine Zahlenkette aus Einsen und Nullen zu verwandeln. Als die Website von »Google Book Search« im September erste digitale Ergebnisse aus Stanford, Harvard und New York präsentierte, war die Erwartung groß – die ersten paar tausend Bände, deren Copyright bereits erloschen war, sollten in der Anmutung der Originale kostenlos zur Verfügung stehen, auch per Download für die eigene Festplatte. Die Enttäuschung in der Fachwelt aber folgte prompt: Da konnte man selbst bei flüchtigen Stichproben Frakturschrift finden, die von der Suchmaschine nur als Zahlensalat wiedergegeben wurde, da gab es, von Fingern halb verdeckt, schiefe Seiten, fehlerhafte Katalogdaten und andere Pannen mehr. Das Ethos der Vollständigkeit, das den Traum von der universalen Bibliothek inspiriert hat, schlägt nun auf seine Propagandisten zurück. Ein Buch, von dem auch nur eine halbe Seite fehlt, ist als Referenz für die Nachwelt so gut wie wertlos. Hat sich Google, das sonst für seine smarten Problemlösungen bekannt ist, hier schlichtweg übernommen?
»Keineswegs«, versichert Jens Redmer. Der ehrgeizige Zeitplan – zehn Millionen Bände in zwei Jahren – werde eingehalten. »Wir denken, dass wir unsere Projekte erst einmal starten müssen, um die Sache in Bewegung zu bringen. Wenn wir so lange warten, bis alles perfekt ist, würden wir in zehn Jahren noch nicht so weit sein.« Das ist in der Tat die Strategie der Google-Entwicklungen, die allesamt in einer langwierigen öffentlichen Probephase perfektioniert werden. Längst hat der große Traum auch neue Verbün-dete gefunden: leidenschaftliche Leser, die trotz ihrer Liebe für Gedrucktes die Zukunft doch im Internet sehen.
Sie nehmen es gerade selbst in die Hand, das Erbe der Weltliteratur im Netz zu korrigieren, zu annotieren und in eine fehlerlose Struktur zu überführen. Bei »Wikisource« arbeitet die Wikipedia-Gemeinde genau an diesem Thema, und auch die Pioniere des deutschen »Gutenberg-Projekts« vertrauen immer mehr auf das wachsame Auge freiwilliger Helfer. Dort kann sich jeder beim Gegenlesen von bereits gescannten, digitalisierten, aber noch nicht korrigierten Buchseiten klassischer Literatur beteiligen. 2400 Freiwillige machen regelmäßig mit, weit mehr wären dazu bereit – aber hier fehlt paradoxerweise der Nachschub an Büchern. »Wir haben einfach zu wenig Geld, um mehr zu scannen«, seufzt Gunter Hille, der das Projekt seit 1994 mehr oder weniger als Hobby betreibt – und dennoch bereits etwa 5000 fehlerfreie und für das wissenschaftliche Arbeiten taugliche Klassiker kostenlos ins Netz gestellt hat. »Bei Google schaut kaum noch ein menschliches Auge drauf«, sagt der Veteran. »Sonst könnten sie ihre hohe Geschwindigkeit niemals halten.«
Am Ende der Reise zu den Pionieren des vernetzten Wissens bleibt ein paradoxer Befund: So gut sich Rechner und Software inzwischen zusammenschalten lassen, so schwierig scheint das noch bei Menschen und Institutionen zu sein. Google hat derzeit keinen Kontakt zu Gunter Hille, obwohl dieser eine Menge höchst populärer klassischer Werke einfach fertig über die Datenleitung schicken könnte. Hunderte von Scan-Projekten, Methoden und Ansätzen existieren bereits, alle folgen derselben Grundidee – aber niemand weiß, wie man sie am Ende zusammenbringen soll. Wie schnell und wie fehlerfrei sich die universale Bibliothek mit Text füllen wird, ist also noch keineswegs sicher – aber eins ist doch klar: Ihr ortloses Gerüst ist längst errichtet, und als Idee ist sie nicht mehr aufzuhalten. Das Buch als solches könnte dabei eine interessante Verwandlung durchmachen: Nicht mehr der unersetzliche Wissensspeicher früherer Zeiten, aber doch immer noch die praktischste Methode, größere Textmengen durchzulesen – und mehr denn je Sammlerstück, Augenweide und Zeugnis einzigartigen Druckerhandwerks. »Es ist schon wahr, meine Maschinen fressen die Inhalte der Bücher in sich hinein und machen sie überflüssig«, sagt der Konstrukteur Iossiger, während nebenan sein Scan-Ungetüm weiter vor sich hinröchelt. »Aber dadurch betrachte ich sie auch mit völlig neuen Augen. Heute freue ich mich an ihrem Gewicht, atme gern ihren säuerlichen Geruch ein – und ich streiche mit den Fingern über die Textur ihrer Seiten.«
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