
Die ehemaligen Punks sind erfolgreich als Filmregisseur (Romuald Karmarkar, Christoph Schlingensief), Bestsellerautor (Max Goldt, Sven Regener, Rocko Schamoni), Theaterstar (Rainald Goetz, Schorsch Kamerun), Maler (Florian Süssmayr, Albert und Markus Oehlen, Daniel Richter, Jutta Koether), Modemacher (Claudia Skoda) oder Internetaktivist (padeluun, Peter Glaser). Campino von den Toten Hosen singt Musical-Hauptrollen. Anatol Nitschke, der einst im Münchner Werkstattkino subversive Reihen zeigte und es mit der Aktionisten-Gruppe Freizeit 81 schaffte, die bayerische Staatsregierung herauszufordern, leitet den Vertrieb von X-Film, dem deutschen Miramax. Jäcki Eldorado schließlich – der arme Mann muss für immer mit dem Etikett »erster Punk Deutschlands« herumlaufen – ist Tourmanager von Robbie Williams. Ihre Punk-Vergangenheit hat diese Menschen mit einer besonderen Energie und Durchsetzungskraft ausgestattet. Von den paar tausend Aktiven, die es damals in Deutschland gab, haben es auffällig viele zu etwas gebracht. Andere Jugendkulturen wie Existenzialisten, Beatniks, Rockabillys, Mods, Hippies, Raver sind bis auf ein paar komische Reste mehr oder weniger verschwunden. Woran liegt es also, dass eine kurze, nihilistische Phase so viele Talente hervorgebracht hat? Tim Renner wollte die Machenschaften der bösen Musikindustrie aufdecken und schlich sich im Jahr 1986 bei der Plattenfirma Polygram ein. Da hatte er bereits ein eigenes Fanzine – nichts Besonderes eigentlich, denn so ein fotokopiertes Heftchen mit Konzertkritiken ist schnell gemacht. Seines war jedoch ein Musikmagazin auf Kassette, das zweimal im Jahr erschien und sich in ganz Deutschland mehr als tausend Mal verkaufte. Außerdem moderierte der Teenager im NDR, schrieb für Musikzeitschriften und komponierte Popsongs. Alles, bevor seine eigentliche Karriere begann. Bei Polygram gründete er bald ein eigenes Sublabel namens Motor Music, entdeckte Rammstein, WestBam, Element of Crime, Scooter (zehn Millionen ver-kaufte Platten) und schrieb offenbar als Einziger während der Krise der Musikindustrie schwarze Zahlen. 17 Jahre nach der schief-gelaufenen Wallraff-Masche leitete er den Konzern Universal Music, in den Polygram inzwischen aufgegangen war, als Aufsichtsratsvorsitzender. Dann, 2003, nach diversen Übernahmen und Fusionen, die Kündigung. »Wenn du sagst: ›Nur über meine Leiche‹, dann kann es sein, dass sie abdrücken, und du bist tot.«Tim Renner – Fred-Perry-Shirt, Koteletten – hat sich die in dieser Branche so wichtige jungenhafte Begeisterung bewahrt; die großen, leuchtenden Augen geben einem das gute Gefühl, er höre gern zu. Noch keine vierzig, schrieb er also erst mal ein gutes Buch über die Zukunft der Medienindustrie, Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm, und gründete flugs ein neues Unternehmen. Unter dem alten Namen, Motor Music. »Ich war 17 Jahre in dem Laden und da sammelten sich so einige Urlaubstage an. Die habe ich dann gegen die Namensrechte getauscht.« Eine Zeit lang darf Renner keine Musik unter diesem Namen veröffentlichen, also betreibt er einen Radiosender, der wieder deutschen Underground spielt. »MotorFM« ist in Stuttgart und Berlin zu empfangen – »wir bewerben uns aber für jede freiwerdende Frequenz«. Und natürlich im Internet. Mit ein bisschen mehr Rechnerleistung wurde aus dem Internetradio dann bald ein Fernsehsender. Auf dessen Website kann man Ramones-Shirts kaufen, Plattenkritiken lesen oder Songs legal downloaden.
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