
Viele Punks damals waren Schulabbrecher, sie mussten einen unkonventionellen Weg einschlagen, mühten sich jahrelang ab, unbeobachtet von der Öffentlichkeit, und rannten immer wieder gegen Wände. Hunderte sind auf der Strecke geblieben; sie sind an Drogen gestorben oder lassen sich heute von ihren Frauen durchfüttern. Aber ein paar haben in klassischer Westernmanier die Kammerspiele erreicht. Apokalyptische Tendenzen waren schon immer sexy; Fin de Siècle, Dada, Futurismus hatten ähnliche Gesten. Die Überlebenden des Grauens sind mit allen Wassern gewaschen; wer mit zwanzig Tabula rasa gemacht hat, muss danach notgedrungen irgendwas aufbauen. Nach diversen Ausflügen, wie man sie beispielhaft bei Christoph Schlingensief oder Daniel Richter verfolgen kann, entstehen auf diese Weise künstlerische Universen, voll von Parallelwelten und Privatmythen. Destruktion, könnte man sagen – sicher findet man irgendwo bei Goethe was über Weinstöcke, die gestutzt werden müssen –, ist die Basis jeden Erfolgs. Maler haben einen eigenartigen Humor. Diesmal war das Erkennungszeichen die FAZ unter dem Arm, vermutlich alter Punkrock-Attitüde geschuldet, wenn man sich mit einem Reporter vom SZ-Magazin trifft. Der Mann im Anzug und in Turnschuhen könnte es sein. Blickkontakt am Zeitungsständer, Markus Oehlen holt sich den Spiegel. Von den Oehlens gibt es zwei. Beide Brüder sind Kunstprofessoren. Vor einem Vierteljahrhundert spielten sie bei einflussreichen deutschen Punk- und New-Wave-Bands: Albert bei den Nachdenklichen Wehrpflichtigen, Markus trommelte bei der legendären Mittagspause und zu Anfang auch bei Fehlfarben. Markus Oehlen ist nicht gut drauf. Er vermisst den Elan bei seinen Studenten. »Sie begreifen nicht, dass sie die Nächsten sein können, wenn sie nur wollen.« Und dann sagt er den Satz, der typisch für diese Lausbubenmaler und Opernkomponisten ist und der noch immer seine Wirkung beim Bildungsbürgertum nicht verfehlt: »Kunst kommt ja nicht von Können, sondern von Wollen.« Wollen ist nämlich schwieriger als können. Oehlen hielt seine Studenten an, eine Band zu gründen, was sie auch befolgten: Es entstanden die Clonheads. »Die sollten sich wieder auflösen – nur so wird man legendär.«Markus Oehlen ist ein großer, kräftiger Mann. Als Bedienung im »Ratinger Hof«, also dem Weimar der frühen Achtzigerjahre, musste er schon mal seine Maler- und Schlagzeuger-Fäuste benutzen, um sich durchzusetzen. In dem Erinnerungsbuch Verschwende Deine Jugend, das vor ein paar Jahren über diese Zeit Zeugnis ablegte, wird oft von Schlägereien erzählt, das liegt an der Auswahl des Autors Jürgen Teipel. Der kannte das aus dem braven Regensburg nicht so und staunte mit roten Ohren. Oehlen hat sich früh in der Kunstgeschichte umgesehen und nach einem Platz gesucht. Seine Bilder ver-kauften sich ausgezeichnet, dann kam die Krise, die Achtziger gingen vorbei, sein Galerist schmiss ihn raus und er musste nach Krefeld ziehen, da waren die Mieten billig. Er fing wieder von vorn an, eine junge Galerie nahm ihn auf und der Erfolg kam zurück. Jetzt hat er alles erreicht, Professur an der Akademie München, die Bilder teuer wie nie. »Nur das Gefühl fehlt.« Die Punks waren keine Glückskinder. Sie machten es sich selbst schwer, mussten entdecken, dass es Dada bereits gegeben hatte; die Männer wurden vom Feminismus gebeutelt, bevor sie sich als Chauvis austoben konnten, es drohten Aids und eben der blöde Weltuntergang. Außerdem verstopften die Flakhelfer und 68er seit Jahrzehnten das Feuilleton. Dort tat man die Universalgenies als Kasperltheater ab. Diese Erfahrungen aber machen sie heute zu sehr angenehmen Zeitgenossen; die unerträgliche Hybris eines Schily oder Walser fehlt ihnen komplett. Hoffentlich bleibt das so.
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