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aus Heft 01/2007 Stil leben

Von den Socken

Johannes Waechter, Joachim Baldauf (Foto) 

Ohne sie hätten wir längst kalte Füße bekommen - und doch würdigen wir sie kaum eines Blickes. Bis jetzt. Eine kleine Geschichte der Socke.

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Bestimmt haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es sein kann, dass man zwei Socken in die Waschmaschine steckt und nur einer wieder herauskommt. Und warum ein tadelloser Strumpf, gerade erst gekauft, plötzlich ein Loch hat. Falls das Ihre einzigen Gedanken zum Thema waren – nun, dann gehören Sie zur Mehrheit. Denn die Socke ist unter den Kleidungsstücken das, was der Dachs unter den Waldtieren ist: Von tiefer Dunkelheit dem Blick entzogen, fristet sie ein Schattendasein. Und manchmal riecht es dort unten ein wenig streng.

So kann festgestellt werden: Der Socke fehlt es entschieden an Glamour. Im Gegensatz zur Unterwäsche, die ebenso unsichtbar bleibt, wohnt Socken auch keine erotische Komponente inne. (Wir setzen jetzt einmal voraus, dass die Leser des SZ-Magazins keine geschlechtliche Erbauung darin finden, sich andere Personen mit nichts als Strickstrümpfen bekleidet vorzustellen.) Die Socke wärmt den Fuß, federt den Tritt und polstert den Schuh – sie ist ein braves, funktionales Kleidungsstück mit niedrigem Coolness-Faktor. Doch wie so oft im Leben ist Coolness auch hier eine Frage der Perspektive. Erste Sympathien gewinnt der Strumpf bereits durch seine Leistungsbereitschaft: Kein anderes Kleidungsstück ist im täglichen Gebrauch ähnlichen Belastungen durch Reibung, Feuchtigkeit und Druck ausgesetzt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich außerdem, dass die Socke über eine interessante Vergangenheit und vielversprechende Zukunft verfügt: In den letzten Jahren haben findige Textilingenieure den Fußlumpen von einst zum Hightech-Produkt weiterentwickelt, in dem inzwischen bis zu 14 Kilometer Garn pro Paar verstrickt werden, bei Bedarf mit Nanotechnologie. »Zurzeit durchläuft die Strumpfindustrie eine extrem innovative Phase«, bestätigt der Historiker Michael Schödel vom Deutschen Strumpfmuseum.
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»Wer fest auf beiden Beinen steht, braucht sich vor Sturm nicht zu fürchten«, sagt ein chinesisches Sprichwort. In vielen Kulturen haben die Menschen Methoden ersonnen, den aufrechten Gang – das zivilisatorische Urmoment – mit Schuhen und Strümpfen zu stützen. Die Phönizier und Ägypter scheinen trotz des milden Klimas im Mittelmeerraum bereits in vorchristlicher Zeit Strümpfe gestrickt zu haben, und das Wort »Socke« ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen, von »soccus«, einem geschnürten, eng anliegenden Schlüpfschuh, der in der Regel zu Hause getragen wurde. Es dauerte dann aber noch mehr als tausend Jahre, bis sich die Stricktechnik in Europa verbreitete. Ungefähr ab dem 11. Jahrhundert zogen Fürsten, Könige und natürlich der Papst gestrickte Woll- und Seidenstrümpfe über ihre edlen Haxen, der Rest der Bevölkerung behalf sich mit Fußlappen, Wickelgamaschen, aus Tuch gefertigten Strumpfhosen und Beinlingen, die an den Gürtel geknotet wurden.

Anfang des 16. Jahrhunderts, als Martin Luther die Kirche spaltete, kam es auch zum großen Schisma des Beinkleids: zur endgültigen Trennung von Hose und Strumpf. Eingeführt wurde diese Neuerung von Landsknechten, die in den Konfessions- und Bauernkriegen kämpften und sich von der Zerteilung ihrer Garderobe größere Bewegungsfreiheit versprachen. Die Hose reichte nun bis kurz unters Knie, darunter bedeckte der Strumpf die komplette Wade, sofern die Wolle reichte. Dieses Grundmodell prägte die Männermode der folgenden Jahrhunderte und änderte sich erst 1789, als die revolutionären Franzosen demonstrativ knöchellange Hosen trugen und nicht die »culotte«, die Kniebundhose des Adels. Seit dem Wirken der Sansculottes ist der Strumpf dem Blick entzogen; wir brauchen heute also nur an unserem Bein hinabzuschauen, um der vielleicht nachhaltigsten Umwälzung der Französischen Revolution gewahr zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt wurden Socken bereits auf mechanischen »Wirkstühlen« hergestellt. 1853 eröffnete die erste englische Strumpffabrik, 1863 erfand der Amerikaner William Lamb die erste Flachstrickmaschine, bald darauf wurde auch die Rundstrickmaschine eingeführt, deren Grundprinzip noch heute die industrielle Strumpfproduktion bestimmt: Eine gewisse Anzahl von Nadeln – bei einem feinen Strumpf sind es zum Beispiel 240 – wird kreisförmig um einen Zylinder befestigt, sodass beim Stricken eine Art Schlauch entsteht. Ende des 19. Jahrhunderts war es bereits möglich, Strümpfe mit verstärkten Fersen und Spitzen zu stricken, die kontinuierliche Verbesserung der Maschinen ermöglichte ab 1920 schließlich die vollautomatische Herstellung gerippter und gemusterter Strümpfe. Als in den Dreißigerjahren Kunstfasern wie Nylon und Perlon synthetisiert wurden, waren schließlich die wesentlichen Elemente der modernen Strumpfherstellung verfügbar.

Die Socke ist ein krisensicheres Produkt, der große Trend zum Barfußlaufen wird trotz Klimawandels noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen. Dennoch haben die deutschen Hersteller in den vergangenen Jahrzehnten mit der Konkurrenz aus Billiglohnländern zu kämpfen. Wie in anderen Branchen auch mussten etliche Fabriken schließen, einige Traditionsfirmen verschwanden vom Markt. Eine Vielzahl von Unternehmen versuchten sich durch die Betonung von Mode und Design in diesem Wettbewerb zu behaupten. Ein besonderer Erfolg gelang hier der Firma Burlington, die im Jahr 1977 Socken mit dem charakteristischen Argyle-Design einführte, einem Karomuster, das in Schottland als Familienzeichen des traditionsreichen Campbell-Clans dient. Obwohl das schwierig zu strickende Design oft kopiert wurde, blieb es in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem ursprünglichen Hersteller assoziiert; seit 1985 verbürgt außerdem eine am Schaft befestigte Metallniete die Marken-identität der Burlington-Socke.
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