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aus Heft 04/2007 Stil leben Noch keine Kommentare

Der Kurvenstar

Seite 2

Von Chris Dercon, Dpa (Foto) 




Genau wie im Büro von Brasiliens anderem Architekturgenie, Paulo Mendes da Rocha, findet sich auch bei Niemeyer kein einziger Computer, der technisch wirk-lich leistungsfähig wäre. Ich frage mich, mit welcher Software Niemeyers Ingenieur José Carlos Sussekind und sein Bürochef Jair Valera die Entwürfe des Architekten praktisch umsetzen, der ständig noch größere Spannweiten für seine freischwebenden Stahlbetonkonstruktionen anstrebt und auch jetzt davon murmelt, dass es stets sein Ziel sei, noch ein paar Meter mehr ohne Stützpfeiler zu schaffen. Ist Niemeyers Architektur Form – nichts als Form? »Nein, hier wird die Natur von der Technik eingeholt«, hat sein Büroleiter Valera dazu gesagt. »Wir berechnen Oscars sinnliche Formentwürfe, um sie dann in Architektur umzusetzen.« Niemeyer selbst umschreibt das Verfahren etwas poetischer: »Es geht um Technik auf der Suche nach Schönheit.«
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Exemplarisch besichtigen lässt sich dieses Ringen der Kunst mit technischen und wirtschaftlichen Hindernissen an Niemeyers Entwurf für ein Schwimmbad, das gegenüber vom Potsdamer Hauptbahnhof errichtet werden soll. Die im Sommer 2005 vorgestellte Planung sieht vor, die verschiedenen Becken mit elegant geschwungenen Kuppeln zu überkrönen, welche mit einer gläsernen Galerie verbunden sind. In der Lokalpresse wurde der Entwurf »futuristisch« genannt, tatsächlich bezieht er sich auf das Formenrepertoire der klassischen Moderne und belegt dessen dauerhafte Anziehungskraft. Aber wird Niemeyers Bad je gebaut werden? Bald nach Vorstellung des Entwurfs gab es Bedenken wegen der Kosten, und selbst eine abgespeckte Version ohne Tiefgarage und Saunagebäude, die der Architekt anfertigte, ist Brandenburgs Finanzminister noch zu teuer. Das Schicksal des Baus wird sich wohl in diesem Frühjahr entscheiden, wenn der Förderausschuss des Landes Brandenburg darüber berät, ob für das Projekt Zuschüsse im zweistelligen Millionenbereich bewilligt werden.

Niemeyer verfolgt die Querelen aus der Ferne, ohne sich über den ungewissen Fortgang der Geschichte allzu sehr zu erregen. Zu oft hat er erlebt, wie es bei Großprojekten zu Schwierigkeiten kam. Trotzdem hat er kein Interesse daran, kleiner zu denken und beispielsweise Privathäuser für die brasilianische Mittelschicht zu bauen. »Das wäre zu einfach«, knurrt er. Dann fällt ihm noch ein weiteres Gegenargument ein: »Außerdem gibt es immer eine Ehefrau, die gewisse Änderungen an der Innengestaltung ihres Hauses wünscht. Für mich hängen außen und innen eng zusammen, das kann man nicht einfach voneinander trennen.« Seine Frau Vera lacht. War sie es, die den Auftrag für die Bohrungen in der Decke des Wohnzimmers erteilte?

Niemeyer wird müde, seine Stimme versagt: »Ich will weiterhin für die Menschen bauen, zwischenmenschliche Begegnungen fördern. Eine Architektur, die Begegnungen ermöglicht, daran bin ich interessiert.« Während den alten Mann die Kräfte verlassen, denke ich darüber nach, wie die Fachwelt sein Werk beurteilt. Niemeyers Beitrag zur Architektur des 20. Jahrhunderts ist nicht von der Hand zu weisen. Er hat das Programm der internationalen Moderne um volkstümliche und lokale brasilianische Traditionen und Formen vom Kolonialbarock bis zur tropischen Natur bereichert. Das macht die Größe seiner Architektur aus und daraus erklärt sich wohl auch seine Beliebtheit bei zeitgenössischen Designern und Künstlern. Wie manch anderer brasilianischer Kunst-Radikaler, etwa der Musiker Caetano Veloso oder der bildende Künstler Hélio Oiticica, hat Niemeyer einen zugleich lyrischen und volkstümlichen Stil entwickelt.

Eine Krankenschwester kümmert sich um Niemeyer, der soeben eingenickt ist. Ich verabschiede mich von Vera und muss dabei an einen früheren Besuch in dieser Wohnung denken. Vor einigen Jahren begleitete mich der berühmte niederländische Architekt Rem Kohlhaas zu Niemeyer. Eine anstrengende Stunde lang lauschten wir dem Meister, der uns, unaufhörlich skizzierend, die Geschichte seiner Architektur erläuterte. Dann entschloss er sich, ein Nickerchen zu machen. Plötzlich auf uns allein gestellt, schauten wir uns ein wenig in den Räumlichkeiten um. Mit Erfolg: Auf dem Schreibtisch von Niemeyers winzigem Privatbüro entdeckten wir den wahren Ursprung seiner Baukunst: ein schönes großes Schwarz-WeißFoto eines nackten, horizontal hingestreckten Frauentorsos. Die sanfte Wölbung der Vulva, die anmutigen Rundungen des weiblichen Körpers glichen exakt den Umrissen von Niemeyers Bauten.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches stand hingegen das Bild eines der Gründungsväter der Kommunistischen Partei Brasiliens. »Niemeyer ist der lebende Beweis dafür«, befand Rem Kohlhaas damals, »dass interessante Architektur Sex und Kommunismus vereint.«

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