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aus Heft 19/2008 Gesellschaft/Leben

Egotrips ins Elend

Florian Töpfl 

Tausende von Jugendlichen gehen jedes Jahr als freiwillige Helfer in Entwicklungsländer. Aber wem nützen sie eigentlich? Am meisten sich selbst.

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Es gibt Tage, an denen ist im Dorf Preah Rumkel kein Huhn aufzutreiben. Dann wollen die Bauern des Dorfes im Norden Kambodschas, dort, wo der Mekong aus Laos in Wasserfällen über die Grenze stürzt, kein Stück Fleisch verkaufen und die Fischer haben ihren morgendlichen Fang schon unter die Leute gebracht. An solchen Tagen ziehen Sascha Schützenmeister aus Hamburg und seine zwei kambodschanischen Kollegen los, um Frösche zu sammeln. Sie suchen auf den Feldern, am Fluss – und im Badezimmer. »Da ist immer einer«, sagt Sascha.

In Preah Rumkel leben etwa hundert Menschen. Sie wohnen in Häusern aus Brettern und Balken, die sie auf hohe Stelzen bauen. Einen Kaufladen gibt es nicht, dafür drei Motorroller und, in den beiden Stunden nach Sonnenuntergang, Strom. An Festtagen wird der Fernseher der Gemeinde aufgebaut. Zu erreichen ist Preah Rumkel nur mit dem Boot. Zwei Stunden dauert die Fahrt auf dem Mekong ins Provinzzentrum Stung Treng, von dort holpert ein Bus zehn Stunden in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh.
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Wenn Frösche rösten, strecken sich langsam deren Gliedmaßen. »Kaufen würde ich mir die Dinger nicht«, sagt Sascha – und steckt sich trotzdem einige der zähen Fleischfetzen in den Mund. Der 19-Jährige trägt Flipflops, Jeans und Karohemd. Seine blonden Haare sind artig geschnitten, der Bart kaum ein Flaum, die Schultern schmal, sein Lächeln zurückhaltend, fast schüchtern. Seit sechs Wochen arbeitet der Deutsche als Freiwilliger in einem Umweltprojekt der kambodschanischen Nichtregierungsorganisation (NGO) »Mlup Baitong«.

10 000 Kilometer nordwestlich von Preah Rumkel, in Deutschland, träumen immer mehr Jugendliche davon, eine Zeit lang so zu leben wie Sascha. Raus aus den Kinderzimmern, rein in die Urwälder, hinaus in die Wüsten! Abenteuer bestehen und dabei auch noch Gutes tun. Eine weltweite Stellenbörse für Freiwilligendienste bietet der Arbeitskreis »Lernen und Helfen in Übersee« im Internet: Die Besucherzahlen sind allein im vergangenen Jahr um ein Drittel gestiegen. »Der Kreis derer, die sich entwicklungspolitisch engagieren wollen, ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen«, sagt Holger Illi, Pressesprecher im Bundesentwicklungsministerium.

Die neue Lust am Helfen: Bislang konnten es sich nur die Kinder der Reichsten leisten, die Ärmsten zu unterstützen. Egal ob Anderer Dienst im Ausland, selbst organisiertes Praktikum bei einer NGO oder private Austauschorganisationen – in nahezu jedem Fall mussten die Jungen und Mädchen Tausende von Euro aufbringen für Anreise, Unterkunft und Verpflegung. So kosten achteinhalb Wochen Freiwilligendienst in Kambodscha, beispielsweise bei der Firma Travelworks, derzeit 890 Euro (zuzüglich Flugtickets, Impfungen, Versicherungen und Taschengeld).

»Wir wollten nicht, dass die Möglichkeit, einen Freiwilligendienst zu machen, vom Geldbeutel der Eltern abhängt«, sagt Illi. Das sei einer der Gründe, weshalb sein Ministerium zu Beginn des Jahres den neuen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst »Weltwärts« ins Leben gerufen habe. Bis zu 10 000 junge Freiwillige zwischen 18 und 28 Jahren können künftig kostenfrei in die Länder des Südens entsandt werden. Siebzig Millionen Euro stehen dafür bereit. Damit wird der größte Freiwilligendienst Europas aus dem Boden gestampft.
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