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aus Heft 20/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Ein Land auf der Couch

Seite 3

Von Franz Schuh 




Aber in welchen finsteren, verschmutzten Verzweigungen des Mainstreams will der Bundeskanzler mitschwimmen? Die Frage ist, welche Art von Populismus will er? Ich bin sicher – und das ist ein Kennzeichen der Sozialdemokratie des Augenblickes und ihrer Führung –, ich bin sicher, dass er sich bereits über diese Äußerung in den Hintern beißt. Denn er kommt in diese Unglückssituation, in der die einen von ihm nichts mehr wissen wollen und die anderen wollen diese Aussage noch viel extremer formuliert haben.
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»Du wirst meiner Liebe nicht entgehen«

Darf ich Ihnen was Persönliches sagen? Es ist ja nicht nur so, dass man sich mit dem Land identifiziert, sondern wenn man als Einzelner mit einem signifikanten Verbrechen konfrontiert wird, im Sinne der von mir genannten Gemeinheit, also einer Art von Gemeinschaft, sich jetzt mit diesen Sachen beschäftigt, beschäftigen muss, und auch mit einer gewissen Gier sich damit beschäftigt, dann ist es ja nicht nur das Land, das als Identifikation dient – österreichisch oder nicht österreichisch? –, sondern es geht auch um einen selbst.

Und in dieser Geschichte gibt es einen Punkt, wo ich, als Sohn eines patriarchalischen Vaters, geradezu einen Albtraum wieder erlebe. Wenn ich lese, dass diese junge Frau, die später dann vom Vater eingesperrt wurde, zuvor nach Wien geflohen ist. Und dort hat die Polizei sie festgenommen und wieder an den Vater, an die Eltern zurückverfrachtet.

Das ist ein Albtraum, wenn die Rechtslage so ist, dass der unter der Rute des Vaters stehende Mensch zurückgeschickt werden muss, dass also die Polizei in einem bestimmten Leben als verlängerter Arm des Vaters existiert. Das ist ungeheuerlich. Wenn man Lebenserfahrungen hat mit dem Patriarchat, mit der väterlichen Gewalt, da glaube ich, könnte man den Schrecken, den man selber versteht und den man selber am eigenen Leib erfahren hat, gar nicht – ironisch gesagt – besser zusammenfantasieren: Die Polizei schickt einen wieder zurück.

Und dann natürlich auch diese Tücke. Die Tücke des Vaters gegenüber der Tochter. »Du wirst meiner Liebe nicht entgehen!« Das ist ein berühmter Satz aus einem Theaterstück von Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wienerwald. Und dann geht der Vater her und sagt: Bitte hilf mir bei der Tür zum Keller… Diese Tücke ist Teil eines solchen Albtraums. Die Geschichte bietet auch dem Individuum jede Menge an Identifikation an. Und das ist ja obszön. So ein Schicksal gehört ja dem, der es hat. Aber man bereichert sich quasi durch die Veröffentlichung des Schicksals, indem man die eigenen Albträume damit versorgt. Man »bringt sich ein« und wird zum Parasiten des Leids anderer.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Österreich, Amstetten und die Medien)

Kommentare

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  • Willi Eichholz (1) Hatten wir in Deutschland ….
    Nicht vor kurzem das Problem, den - Menschenfressers von Rothenburg – verarbeiten; oder verdängen zu müssen? Es gibt wohl überall, immer wieder schier unfassbares Geschehen.
    So wie es unter Millionen einen – Einstein - gibt, den wir alle nicht begreifen können, so gibt es unter Millionen Menschen auch einen – negativen Einstein - , den wir alle ebenfalls nicht begreifen können.