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aus Heft 20/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Ein Land auf der Couch

Seite 4

Von Franz Schuh 




Österreich, Amstetten und die Medien
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Wir sind alle nicht im Sinne einer Gemeinschaft, sondern im Sinne der Gemeinheit, nicht zuletzt durch den medialen Diskurs, in eine Geschichte mit einbezogen, die uns dazu zwingt, Stellung zu nehmen – oder wir fühlen uns gezwungen, Stellung zu nehmen. Da spielt die Presse ihre Rolle. Das ist für uns, für die österreichische Gesellschaft, eine sehr ungute Sache.

Die Aufgabe der Presse wäre, Identität durch eine halbwegs vernünftige Diskussion unserer Angelegenheiten herzustellen, aber derzeit wird Identität hergestellt über diese Vorfälle, indem alle betroffen gemacht werden und keiner sich die Chance zur Betroffenheit entgehen lässt. Es wird ein sozialer Zusammenhang erzeugt, indem alle auf dieses Phänomen starren.

Mit einer bestimmten paradoxen Wirkung: Es wird durch die ständige Begründung, warum dies ein Einzelfall sei, eine Verallgemeinerung produziert, die auch alle zu betreffen scheint. Man sagt mir, dass ich es nicht bin, weil es ja ein Einzelfall ist, und man sagt es mir so intensiv, dass ich gemeinsam mit allen anderen glaube, es hat mit mir nichts zu tun. Das interessiert mich dann aber mächtig, dieser Fall, von dem ich nur weiß, was in der Zeitung darüber steht.

Gewiss muss man unterscheiden, bis zu einem gewissen Grad, zwischen Boulevardzeitungen und solchen Zeitungen, die darauf Wert legen, keine Boulevardzeitungen zu sein. Der Boulevard tobt sich in spezifischer Art und Weise aus, und hier werden Grenzen überschritten, die über das Erwartbare doch hinausgehen. Es herrscht ein Voyeurismus, der in dem Konsum, im Lesen und dem Zeigen dieser Tat in einer geminderten Form doch an die Geilheit und die Gier der Tat selber erinnert.

Eine der zentralen Strategien des Boulevards ist es, solche Gefühle zu erwecken, und diese Gefühle hat ein jeder; sie stecken leider auch im faszinierten Schrecken über die Tat. Diese Zeitungen, mit ihrem Ansprechen und Kontrollieren der Geilheiten, haben immer so einen hintergründigen seriösen Ton, der sagt: Wir waren es nicht! Wir tun so was nicht! Wir sind quasi etwas ganz anderes! So was tun bei uns nur Einzelne. Und dann wird hingeschaut auf die Tat und es wird genau die Art von Gefühlen erweckt, die sozusagen eine homöopathische Dosis dieser Art von Geilheit ist, die die Täter in der Realität antreibt.

Kommentare

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  • Willi Eichholz (1) Hatten wir in Deutschland ….
    Nicht vor kurzem das Problem, den - Menschenfressers von Rothenburg – verarbeiten; oder verdängen zu müssen? Es gibt wohl überall, immer wieder schier unfassbares Geschehen.
    So wie es unter Millionen einen – Einstein - gibt, den wir alle nicht begreifen können, so gibt es unter Millionen Menschen auch einen – negativen Einstein - , den wir alle ebenfalls nicht begreifen können.