
Verlogenes Erstaunen
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Die Frage ist, wie schätzt man denn eine sogenannte geisteskranke Tat nun tatsächlich ein? Oder die Tat eines sogenannten Geisteskranken? Wobei geisteskrank ja nicht nur heißt, im juristischen Sinn nicht dafür verantwortlich zu sein. Schätzt man eine solche extreme Tat ein als vom Leben der Menschen selbst abgekoppelte einzelne Ausnahme oder schätzt man eine solche extreme Tat ein als eine Fortsetzung der Normalität oder bestimmter Züge von Normalität mit anderen, nämlich mit verbrecherischen Mitteln? Das ist eine Frage, die man sich als Mensch stellen muss, und zwar im Sinne der Frage der Philosophen: Was ist der Mensch? Bei dem Schriftsteller Marcel Proust kommt die Eingesperrte als ein Teil des Liebesmythos vor. Alle, die jetzt so tun, als wäre das das Unvorstellbare – wer hat nicht schon die Geliebte einsperren wollen? –, dieses allgemeine Erstaunen ist auch verlogen.
Die sogenannte Privatsphäre und die Nachbarschaft
Man kann den Satz von Alexander Kluge zitieren: »Der Mensch ist nicht sachlich.« Und diese Nichtsachlichkeit bedeutet, dass unsere Gesellschaft – und das macht sie eigentlich ja auch interessant – mit sehr vielen widersprüchlichen Aufforderungen die Teilnehmer der Gesellschaft anstachelt, teilzuhaben, mitzuspielen. Und eine der widersprüchlichsten Aufforderungen ist: Schau hin, schau weg! Es gibt ja eine vollkommen vernünftige Aufforderung zum Wegschauen. Denn, um ein schmieriges Beispiel zu nehmen, wenn ich im Park sitze und als verheirateter Mann eine junge Dame küsse, dann würde ich doch eher wollen, dass mein Nachbar wegschaut. Und ich habe eigentlich auch ein Recht dazu, nicht ins Gerede zu kommen durch Leute, die in mein Leben eingreifen, ohne dass sie es führen müssen.
Das Familiäre hat in seiner In-sich-Geschlossenheit alle möglichen Keime zur Bestialität, aber es ist ein notwendiger Kampf, über den Freiraum zu verfügen, nicht einem Dreinreden und Reinblicken ausgeliefert zu sein – also diese sogenannte Privatsphäre zu bewahren. Das bedeutet also, dass das Wegschauen oder ein bestimmtes emanzipiertes Desinteresse an den Angelegenheiten der anderen eine Notwendigkeit aller unserer Freiheitsvorstellungen ist.
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17 Uhr 07
Nicht vor kurzem das Problem, den - Menschenfressers von Rothenburg – verarbeiten; oder verdängen zu müssen? Es gibt wohl überall, immer wieder schier unfassbares Geschehen.
So wie es unter Millionen einen – Einstein - gibt, den wir alle nicht begreifen können, so gibt es unter Millionen Menschen auch einen – negativen Einstein - , den wir alle ebenfalls nicht begreifen können.