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aus Heft 20/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Ein Land auf der Couch

Seite 8

Von Franz Schuh 




Und trotz aller Skepsis im Hinblick darauf, was ich über das Österreichische sagte, muss ich doch einem Psychiater danken, der die Frage stellte: Welche spezifisch pathogenen, also krankheitserzeugenden Möglichkeiten nützt ein Land aus? Also welche Krankheiten kriegt man hier leichter als anderswo und aus welchen Gründen?
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In der Schweiz gab es ein Buch von Fritz Zorn, Mars, ein Buch, das erklärt hat, wenn man an der Züricher Goldküste lebt, gibt es eine bestimmte Art von Chance, krank zu werden, einfach deshalb, weil man in diesen reichen Familien als aufwachsender Mensch überhaupt keine Möglichkeit hat, einen Widerstand zu finden, geschweige denn zu äußern. Weil die so geschickt ein Milieu um einen bilden, dass jedes Problem stets unter der krank machenden Perspektive steht: Das Problem ist kein Problem! Dergleichen mag für bestimmte Milieus spezifisch sein.

Was überredet uns Österreicher zu jenen seelischen Deformationen, für die wir, falls man uns überhaupt kennt, berühmt sind? Die einfachen Antworten darauf kann man in jeder Zeitung nachlesen. Es ist zum Beispiel das Katholisch-Heuchlerische. Ich muss sagen, mir steht das Katholische so fern, dass ich ohne Probleme Kirchenleute schätzen kann. Aber als der Kardinal Schönborn einmal predigte, man müsse auch Geschiedenen gegenüber mehr Liebe an den Tag legen, hab ich gedacht, ich weiß nicht, in welcher Zeit oder in welchem Land ich lebe. Dass die Kirche immer mehr an Einfluss verliert, mag statistisch wahr sein, aber die Verwurzelung des Kirchenglaubens ist tief, auch bei den eingeborenen Atheisten.

Vom Katholisch-Heuchlerischen bleibt ein undurchschauter Einfluss, der uns auf der einen Seite Geilheit beschert, weil viele durch Übertretung dieser verinnerlichten Regeln zu einer unerhörten Lust kommen, aber auf der anderen Seite sind das natürlich Beschränkungen, die nicht immer gesund sind. Für die Selbstüberhöhung der Kirche ist es charakteristisch, dass einer der Bischöfe über das Verbrechen von Amstetten sagte, es resultiere aus der Liberalisierung der Sitten, man müsse Sexualität wieder strenger regulieren. Und zugleich hat die Kirche – bei aller deklarierten Strenge –selbst sexuelle Übertretungen sondergleichen in den eigenen Reihen zu verantworten.

Kein Land kann ein Land sein, ohne dass es Eigentümlichkeiten hätte. Entweder man wirft sie dem Land vor, diese Eigentümlichkeiten, oder man feiert und zelebriert sie. Und die Eigentümlichkeiten rühren sicherlich von den politischen, gesellschaftlichen und mentalen Konflikten her – das können ja gar nicht exklusiv allgemein menschliche sein.


(Protokoll: Sabine Magerl)

Kommentare

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  • Willi Eichholz (1) Hatten wir in Deutschland ….
    Nicht vor kurzem das Problem, den - Menschenfressers von Rothenburg – verarbeiten; oder verdängen zu müssen? Es gibt wohl überall, immer wieder schier unfassbares Geschehen.
    So wie es unter Millionen einen – Einstein - gibt, den wir alle nicht begreifen können, so gibt es unter Millionen Menschen auch einen – negativen Einstein - , den wir alle ebenfalls nicht begreifen können.