
Hat er eines?
Nicht im wörtlichen Sinne, aber man kann ihn so fotografieren, dass er besser zu begreifen ist. Denken Sie mal an ein Pferd. Fotografiert man ein Pferd von vorn? Natürlich nicht, das gibt kein Pferd, das gibt ein Monstrum.
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Sieht ein englischer Förderturm anders aus als ein französischer? Die Engländer sind pragmatisch. Die stört es nicht, wenn ein Rad in der Landschaft herumsteht. Die Franzosen haben es gern lieblich, die machen auf so ein Ding schon mal ein Dach und ein paar Ornamente, bis es aussieht wie ein chinesischer Gartenpavillon.
Und die Deutschen?
Sind ähnlich. Die setzen oft ein paar Zinnen drauf, wie bei einem Burgturm. Das Faszinierende ist, dass diese Objekte nicht gemacht sind, um schön zu sein, aber trotzdem Schönheit in sich tragen. Wie ein Hammer oder eine Zange, Gegenstände, die ehrlich und perfekt sind, die man nicht mehr verbessern kann.
Etwas ist schön, wenn es ehrlich ist?
Das ist sicher nicht die einzige Bedingung. Etwas ist auch schön, wenn es geradeaus ist oder direkt oder stimmig. Stimmig ist das bessere Wort. Wenn etwas seinen Zweck ideal erfüllt und nicht verklausuliert und verkompliziert ist.
Ist ein Kühlturm schön?
Wir haben diese Türme als schön empfunden. Oft hat einer einen neuen entdeckt und gesagt: »Der ist aber schön!«
Und wer hat dann auf den Auslöser gedrückt?
Darauf kam es gar nicht an. Wir haben immer im Team gearbeitet. Der eine hat die Leute unterhalten oder Wache gestanden, der andere hat das Stativ am Geländer befestigt oder mit der Schere das Unkraut weggeschnitten. Wir mussten uns gegenseitig helfen. Über Leitern und Steigleitern auf einen Hochofen zu klettern ist ungeheuer anstrengend, wenn man schweres Gepäck auf den Schultern hat. Wenn es möglich war, haben wir auch mit zwei Kameras gearbeitet. Wir standen oft unter Druck, weil wir uns nur begrenzte Zeit in diesen Anlagen aufhalten durften und das Wetter ja auch noch passen musste.
Wer war der Antreiber?
Eindeutig Bernd. Er war besessen und hat alles so oft wiederholt, bis es saß. Eigentlich bin ich auch Perfektionistin, aber er war so extrem, dass ich ihn manchmal aus seiner Manie reißen und bremsen musste.
Sie waren sein Korrektiv?
Das wäre übertrieben. Ich habe ihn als Chef und er hat mich als Berater akzeptiert. Anders geht es nicht. Das würde ich übrigens jedem Ehepaar raten. Einer sollte die Kompetenz kriegen und sagen können: So wird es gemacht! Ich glaube, dass Männer im Grunde doch ein bisschen ehrgeiziger sind als Frauen.
Vielleicht auch narzisstischer?
Nicht unbedingt, aber ich denke schon, dass Männer mehr Wert auf diese Rolle legen. Ich hatte damit überhaupt kein Problem und habe eher versucht, ihn durch Gespräche und Argumente dahin zu bringen, dass er
in meinem Sinne entschied. Alles eine Frage der Diplomatie.
Das Künstlerduo Gilbert und George nimmt sich überhaupt nicht mehr als zwei Individuen wahr.
Bei den beiden ist das natürlich ein Rollenspiel. Aber für sie ist es die Wahrheit. Wir kannten die beiden ganz gut. Schon in den Sechzigern waren sie öfter bei uns zu Kaffee und Kuchen. Manchmal habe ich auch gekocht, damals haben die sich noch über meine Frikadellen gefreut. Heute würde ich das nicht mehr machen. Die sind ja inzwischen alle so verwöhnt.
Haben Ihr Mann und Sie sich als zwei oder als ein Künstler gesehen? Warum hätten wir zu einem Künstler verschmelzen sollen? Nein, wir hatten eine gemeinsame Aufgabe, die war uns wichtig. Es ging um die Sache. Wie in einer Autowerkstatt, da wird auch im Team gearbeitet, um das Auto wieder flottzukriegen.
Sie haben in Deutschland, Frankreich, England und in den USA fotografiert. Wie haben Sie sich die Industriegebiete erschlossen? Wir waren oft wochenlang mit unserem VW-Bus unterwegs. In dem haben wir geschlafen, die Negative gewechselt, gekocht, einfach alles, wir hatten ja auch häufig unseren Sohn dabei.
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