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aus Heft 20/2008 Kunst Noch keine Kommentare

»Klar waren wir Freaks«

Seite 6

Von Tobias Haberl und Dominik Wichmann (Interview) 




Ist es Ihnen schwer gefallen, als politische und reflektierte Menschen keinen Kommentar zu diesen Fragen abzugeben?
Wir haben schon mit Freunden und anderen Künstlern debattiert, aber wir konnten doch nicht in einer Hütte im Ruhrpott herumstehen und sagen: Hier, dieser Hochofen ist schuld an allem Elend. Es hätte ja auch nicht gestimmt. Es ist doch entscheidend, ob der Hochofen Krankenhausbetten oder Eisen für Bomben fabriziert.

Wurden Ihnen diese Vorwürfe gemacht?
Natürlich! Dass wir etwas ästhetisieren, was im Zweifelsfall …
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… dem Töten diente.
Genau.

Wie haben Sie reagiert?
Wir haben uns nicht beirren lassen. Wir haben bei der Arbeit doch stundenlang mit den Menschen gesprochen, die vor diesen Hochöfen standen, die seit Jahren an ihnen arbeiteten. Die haben unser Anliegen gut verstanden. Und wir haben sie gut verstanden. Wir fanden es nicht verwunderlich, dass die sich total mit ihrem Werk identifizierten. Die haben sogar um ihren Hochofen getrauert, wenn er abgerissen wurde. Die hätten sich nicht von zwei Studenten beibringen lassen, dass sie Sklaven des Kapitalismus sind. Die hätten uns ausgelacht. Die hatten alle ihr Häuschen und fuhren einmal im Jahr in Urlaub. Die waren zufrieden.

Star-Fotografen wie Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth oder Candida Höfer haben bei Ihnen an der Akademie gelernt. Was macht die Becher-Schule aus?
Das ist die Schule von Bernd. Er hatte diese Anstellung an der Akademie.

Jetzt stapeln Sie tief. Die Becher-Schule wäre ohne Sie nicht denkbar gewesen.
Ich habe diese Leute natürlich auch alle kennengelernt, die waren ja auch oft bei uns zu Hause und wir haben geredet, aber in erster Linie war das Bernds Angelegenheit.

Was versteckt sich hinter dem Phänomen?
Eine Haltung, und zwar sowohl der Kunst als auch dem Leben gegenüber. Die waren jung und haben gesehen, wie wir leben, wie wir vor uns hin arbeiten, ohne viel zu fragen. Das war sicher ermutigend am Anfang, schließlich wusste keiner von denen, wohin die Reise mal gehen würde. Bernd hat sie ermutigt und gestützt, ihr eigenes Ding zu machen. Aber er hat keine Künstler kreiert. Wo nichts war, da ist auch nichts draus geworden. Es ging eher um die Art, wie man ein Thema durcharbeitet, vielleicht auch um Demut und Bescheidenheit.

Bescheiden wirken die Mega-Formate von Andreas Gursky nicht gerade.
Das ist Unsinn. Die Haltung ist entscheidend. Andreas Gursky wusste doch am Anfang auch nicht, dass er später mal erfolgreich werden würde mit seinen Arbeiten. Der ist auch Taxi gefahren, um Geld zu verdienen. Und dann hat er losgelegt, und zwar ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Sicherheit.

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