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aus Heft 20/2008 Das Prinzip 3 Kommentare

Popsong

Seite 2

Von Tobias Kniebe 




Denn im Grunde stellen sie das Prinzip des Popsongs auf den Kopf. Es bestand immer darin, Star und Song zu einem perfekten Fantasieprodukt zusammenzuschmieden, die Entstehungsbedingungen dieser Fantasie aber im Dunkeln zu lassen. Die Songschreiber und Texter im Hintergrund konnten zwar Millionen mit ihren Hits verdienen, aber nur die extrovertiertesten und glamourösesten unter ihnen – Burt Bacharach, Phil Spector, Frank Farian – waren überhaupt in der Öffentlichkeit präsent.
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Es war die Zeit, als es im Grunde noch genügte, reich und cool zu sein. Heute dagegen bedeutet Reichtum allein wenig, siehe Paris Hilton, viel wichtiger ist Medienpräsenz. Also benutzen Timbaland und Konsorten ihren angeblichen musikalischen Midas Touch, um ihr Gesicht in jedes Video zu halten und ihre murmelnde Präsenz in allen Popsongs zu erzwingen. Wenn sie für Sängerinnen schreiben, inszenieren sie sich sogar meist als eine Art Zuhälter und bestehen darauf, von den schönsten Frauen angeschmachtet zu werden.

Sollen sie doch, könnte man sagen – die Frage ist allerdings, was diese Marotte mit dem musikalischen Erbe der Nullerjahre anrichtet. Wann immer einzelne Songschreiber sehr dominant werden und eine Nummer eins nach der anderen landen, macht sich in den Hitparaden Eintönigkeit breit, ist das Murmeln und Stöhnen plötzlich überall. In den Achtzigerjahren führte an den Komponisten Stock, Aitken und Waterman jahrelang kein Weg vorbei, sie verstopften Radiowellen und CD-Regale mit ihrem immergleichen Soundbrei.

Bis auf wenige Nummern von Kylie Minogue erinnert sich heute kein Mensch mehr an diese Songs – und selbst auf den härtesten Eighties-Revival-Partys werden sie wohlweislich lieber ausgespart. Für Timbaland und seine Kumpane spricht, dass sie musikalisch wesentlich intelligenter sind. Umso größer ist allerdings die Gefahr, dass sie ihre ganzen potenziellen Pop-Klassiker durch ihre erzwungene Präsenz – und ihre hoffnungslose Eitelkeit – entwerten.

Kommentare

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Kommentar:

  • markus tanner (1) Leider muss ich zu diesem Artikel auch mal meine kritische Meinung ablassen. HipHop hier grundsätzlich als "Gift" für die Popkultur zu bezeichnen und sich über "dickliche Afroamerikaner mit Sonnenbrille" lustig zu machen, finde ich stilistisch schon ziemlich daneben.
    Immerhin haben wir Timberland und den Neptunes einige der interessantesten und besten Pop sowie HipHop Produktionen der letzten Jahre zu verdanken - auch wenn diese tatsächlich in letzter Zeit etwas inflationär wurden.
    Zum Thema Pop versus HipHop oder dem ewigen Thema Undergound versus Mainstream kann ich nur sagen, dass es auch im Underground HipHop kaum mehr musikalisch interessante Produktionen gibt (meine subjektive Meinung). Die Goldenen Zeiten des HipHop (ca. 1992 - 1995 R.I.P.) sind für mich eh vorbei...
    Im Gegensatz dazu wünsche ich mir die düstere Seite der Neunziger (Vinalla Ice, Mc Hammer, Dj Bobo..... ) nicht zurück. Da höre ich doch lieber Justin Timberlake, Kelis, Snoop, Nelly etc...
  • Shawn Stein-Feger (1) Zunächst einmal ein großes Kompliment an den Schreiber des ersten Kommentars.
    Nun zum Thema: Es ist schon sehr auffallend wie sich diese bipolaren Musikwelten (Pop u. Rap) mittlerweile annähern und sich gegenseitig verwässern.
    Dass der Pop - wie bereits erwähnt - von jeher versucht, andere Stilrichtungen zu adaptieren, ist nicht neu und gewissermaßen ja auch seine Aufgabe im Sinne einer aktuellen, POPulären Musik. Das eigentliche Wesen der kurzzeitig aufgesaugten (Sub)kultur wird dabei natürlich nicht einmal annähernd transportiert, geschweigedenn reflektiert.
    Was ich persönlich viel schlimmer finde ist, dass sich Hip Hop immer häufiger dem Pop anbiedert. Das Paradebeispiel hierfür sind sicherlich die Black Eyed Peas. Die haben ja soweit ich weiß auch diese unsägliche "featuring Justin Tiberlake"-Manie ins Leben gerufen.
    Plötzlich werden sämtliche "Grundsätze" über Bord geworfen und es geht nur noch um Chartplatzierung, Verkaufszahlen, Geld, Parties, Lifestyle, etc.
    Ich hätte dies so auch nie für möglich gehalten, aber Fakt ist, dass sich Hip Hop in immer stärkerem Maße prostituiert.
    Da wünscht man sich doch die guten 90er zurück. Klar gabs da Vanilla Ice und MC Hammer, aber die haben wenigstens nie für sich beansprucht Rap Musik zu machen.
  • Matthias Dietrich (1) Der Artikel illustriert in seiner Performanz selbst sehr gut das thematisierte Problem:

    Er vermengt die Hip-Hop-Kultur (die zugehörige Musik bezeichnet man nach wie vor als Rap!) mit der Pop-Kultur.
    Dieses konturlose Mischmasch erweist sich aus diversen Gründen als nicht attraktiv:
    So war Pop als Mainstream-Kultur schon immer vampiresk, d.h. saugte sich, was er brauchte, von wo auch immer zusammen, um allen etwas bieten zu können, ohne die genuinen Gegebenheiten zu respektieren.
    Hip Hop (ohne Bindestrich) entstand hingegen gerade als Gegenkultur zur Dominanz, als Ausdrucksform der Vergessenen und Underdogs. Wie andere Subkulturen (wie z.B. Punk), die gerade aus der Nicht-Angepasstheit an die Masse hervorgingen, verliert folglich drastisch an Authentizität, sobald ihn die Masse vereinnahmt (was ja, wie auch korrekt festgestellt, täglich zu beobachten ist).
    Was bleibt ist eine leere Hülle, ein Etikett für die Massenkultur. Dies wird in der allgemeinen Wahrnehmung zunehmend (und zu Recht) als inhaltsleer und aufgesetzt erkannt. Schließlich wird es abgelöst oder durch etwas Neues ersetzt werden. Das ist das Prinzip der Mode. Die Hip-Hop-Kultur als solche wird das nicht tangieren. Sie existiert weiterhin als Subkultur, wenig beachtet von der Mehrheit.
    Der Pop hingegen macht damit einen weiteren Schritt in die Universalität der eigenen Bedeutungslosigkeit. Denn etwas, dass alles zugleich sein und es allen recht machen will, ist nicht mehr abgrenzbar, verliert damit seinen identifikatorischen Charakter und endet als belangloses Hintergrundgeräusch im allgemeinen Medienrauschen.