
An diesem Punkt schaltet sich die Therapeutin ein. Sie sagt: »Zwei selbstständige Menschen, die zusammen sind, weil es mehr Spaß macht als allein zu sein, klären so einen Vorfall am Samstagmorgen in zehn Minuten.« Karin und Gerhard aber, meint sie, wollen jeweils vom anderen aus der Situation gerettet werden – und reagieren enttäuscht darauf, weil es nicht geschieht. Es gibt keine Distanz zwischen ihnen, obwohl sie das Gefühl haben, weit voneinander entfernt zu sein und nicht zusammenkommen zu können.
Im Gegenteil, sie seien einander viel zu nah. »Die meisten Leute, die ich in meiner Paartherapie sehe, verbeißen sich wegen zu großer Nähe ineinander«, berichtet auch der bekannte Schweizer Paartherapeut Jürg Willi aus seiner Praxis.
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Frau Lawal: »Es ist keine Luft zwischen euch beiden. Wenn einer starke Gefühle hat und diese Gefühle negativ sind, knickt er in eine Richtung ab. Das ist für den anderen bedrohlich, denn der knickt gleich mit ab in diese Richtung, auch wenn er da gar nicht hin möchte.« Karin geht also weg, weil sie Gerhards Destruktivität nicht aushält, und nicht, weil sie desinteressiert ist. Gerhard wiederum wünscht sich, dass sie ihn aus seiner Stimmung herausholt, statt zu gehen. Sie befinden sich, sagt die Therapeutin, in einer Symbiose, sie suchen ständig den Kontakt zueinander, ob der gut ist oder schlecht. Die Aufgabe für die nächsten Wochen: Sie müssen lernen, sich mehr Raum zu nehmen und zu geben. Sie müssen sich als eigenständige Person begreifen lernen. Sie sollen den Emotionen, die sie so überrollen, misstrauen und ihnen nach Möglichkeit nicht nachgeben. Denn diese Emotionen beziehen sich oft gar nicht auf die akute Situation, sondern auf Ereignisse aus der Vergangenheit.
Alles ist in Karins und Gerhards Augen besser als Gleichgültigkeit. Die Ängste, die hinter dieser Dynamik stehen, sind alt. »Die Hälfte der Menschheit läuft mit psychischen Störungen herum«, meint der Psychologe Peter Kaiser. Früher ergaben sich aus diesen Konstellationen »stabil unglückliche Paarbeziehungen, die ertragen wurden«. Menschen aus Scheidungsfamilien tragen ein vier Mal so großes Risiko, selbst geschieden zu werden wie Menschen aus glücklichen Herkunftsfamilien. Unglück in der Liebe vererbt sich also, nicht genetisch zwar, sondern sozial. Und doch: »Es gibt keine höhere Bereitschaft als die, sich für die Liebe einzusetzen«, sagt Frau Lawal.
An den folgenden Mittwochabenden wirkt Karin immer häufiger erschöpft und niedergeschlagen, sie lässt den Kopf hängen und scheint zu müde zu sein, um sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Gerhard hingegen macht einen abwartenden, beinahe gelassenen Eindruck. Er sitzt da, die langen Beine übereinander geschlagen, umfasst seine Knie mit den Händen und wippt leise mit einem Fuß. Wenn sie etwas erzählt, lacht er mitunter kurz abfällig auf.
Sie kommen auf den Brotsalat-Streit zurück. Sie sagt, dass Gerhard ihr achtzig Prozent ihrer Energie raubt. Er schüttelt den Kopf und sagt, wütend, sie ist unfair, total unfair, und respektlos. Sie sagt, es kommt immer dann, mitten im Streit, ein Moment der Wahrhaftigkeit, der sonst nicht da ist, weil dann alles aus ihnen herausbricht. Er sagt – und jetzt bricht es aus ihm heraus –, sie ist ein Macho, sie ist ein Scheißtyp. Und sie sagt, bleich und böse, Gerhard kann halt gar keine Kritik vertragen. Er sagt, kühl, er kann sehr gut Kritik vertragen, wenn sie in einem Ton daherkommt, den man vertragen kann.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Hat die Beziehung von Karin und Gerhard noch eine Chance?)
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