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aus Heft 23/2008 Liebe & Partnerschaft 1 Kommentar

Ihre Verbindung wird gehalten

Seite 4

Von Gabriela Herpell  Fotos: Myrzik & Jarisch




Die wenigsten Männer, jetzt mischt die Therapeutin sich da ein, können Kritik vertragen. Es hat keine Tradition, dass in Paarbeziehungen Männer von Frauen kritisiert werden. Sie sind ungeübt darin, unsouverän, sodass ihre Kritik häufig einen schrägen, vorwurfsvollen Ton bekommt. Kaum eine Frau ist je in die Paartherapie gekommen und hat sich darüber beklagt, dass ihr Mann ihr ständig Vorwürfe macht, meint Frau Lawal; fast jeder Mann hingegen beklagt sich genau darüber, worauf die Frauen wieder sagen: »Ich habe doch gar nichts getan.« Manche Unterschiede zwischen Männern und Frauen, sagt die Therapeutin, muss man ganz einfach hinnehmen, davon profitiert man selbst und die Beziehung.
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Es gibt in jeder länger andauernden Liebesgeschichte einen Zeitpunkt, an dem die Liebenden anfangen einander zu entidealisieren. Jürg Willi nennt dies die Enttäuschungsphase. »Man fühlt sich von dem, was ursprünglich attraktiv war, überfordert und bedroht. Mann und Frau befürchten das Überhandnehmen des gegengeschlechtlichen Einflusses. Der Mann will sich gegen die Einfluss-sphäre der Frau abgrenzen und verhält sich defensiv und wegstrebend. Die Frau versucht eher, die Bindung zu festigen und fühlt sich vom Wegstreben des Mannes bedroht.«

Wieder ein Mittwochabend: Gerhard fragt, ob sich nicht eine tiefere psychische Störung hinter einem bestimmten Verhalten verbergen könnte. Sicher, antwortet die Therapeutin, aber darum gehe es hier nicht. Es sind kleine Schritte, die man gehen muss, um erst kleine und dann große Veränderungen herbeizuführen. Karin sagt, sie würde so gern verstehen, wirklich verstehen, was mit ihnen los sei. Sicher, antwortet die Therapeutin, aber darum gehe es hier auch nicht. Dieses Verstehenwollen sei eine Strategie, sich auf nichts einzulassen. In der Krise, heißt es in der Paartherapie, klaffen Konzept und Wirklichkeit auseinander. Und die betroffenen Paare nehmen die Krise als fehlerhafte Wirklichkeit wahr.

Kleine Schritte sehen so aus: Karin und Gerhard müssen zu Hause eine Woche lang üben, sich beim anderen zu bedanken, wenn es einen Grund dafür gibt. Sie finden es beide »irgendwie saublöd«. »Weil es so ungewohnt ist«, sagt Karin. Gerhard nickt. »Erfolgreich zu kommunizieren ist die Basis für eine gute Beziehung«, sagt Frau Lawal. »Doch wenn man es verlernt hat, nett zueinander zu sein, kommt es einem unnatürlich vor.« Kleine Schritte: Karin soll in einer Auseinandersetzung nicht mehr aufstehen und gehen, wenn Gerhard etwas sagt, was sie nicht gern hört. Gerhard soll ihr aber auch zugestehen, dass eine Angelegenheit vertagt werden kann.

Karin und Gerhard wollen beide immer recht haben, beide sind störrisch. »Doch die Beziehung gehört nicht einem, sondern beiden Partnern«, sagt Frau Lawal. Und Jürg Willi warnt: »Nichts ist verlustreicher als ein Sieg über den anderen.« Es ist noch nicht klar, wie die Geschichte von Karin und Gerhard ausgehen wird. Ihre Prognose aber ist gut, »weil sie schon so viel zusammen ausgehalten haben«, meint Lawal.

»Ich habe gar keine Idee, wie es mit uns besser werden könnte«, sagt Karin mit veränderter, ganz weicher und kleiner Stimme. Gerhard schaut sie an, und es liegt plötzlich keine Wut mehr in seinem Blick, auch kein Spott, sondern Zuneigung, Verständnis, Mitgefühl. Er nickt auch. Es ist ein trauriger und doch ein inniger Moment. Es ist der Moment der dumpfen Erkenntnis, dass es zurzeit für die beiden nur zwei Wege gibt: Trennung oder Zusammenbleiben. Der Preis für beide Wege ist gleich hoch.


*Namen von der Redaktion geändert.

Kommentare

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  • Andrea Kaufmann (1) Der Text hat mir sehr gut gefallen - aber als Psychologin komme ich nicht umhin, zum Untertitel anzumerken, dass es definitiv einen Unterschied zwischen den Berufsgruppen Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater gibt (der allerdings, wie sich immer wieder und auch hier zeigt, großen Teilen der Bevölkerung nicht bekannt ist). Ein Psychiater - zumindest einer, der im herkömmlichen Sinne arbeitet - wäre für das beschriebene Problem mit Sicherheit nicht der richtige Ansprechpartner. Ein Psychiater ist ein Arzt, der (vorwiegend schwere) psychische Störungen in erster Linie medikamentös behandelt. Eine Paartherapie oder -beratung, wie sie im Artikel beschrieben wird, gehört gewöhnlich nicht zum Tätigkeitsfeld eines Psychiaters.