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aus Heft 26/2008 Deutschland 5 Kommentare

Ich!

Seite 3

Von Franziska Augstein  (Illustration: Steffen Mackert)




Unter Kanzler Gerhard Schröder haben die Ärmsten reagiert. In Scharen kehrten sie sich von der SPD ab und wandten sich der CDU zu. Dann merkten sie, dass die CDU nicht beabsichtigte, die Agenda 2010 zu bekämpfen, sondern danach trachtete, sie zu verschärfen. Darauf wechselten viele zur Linkspartei. Deren Wähler stammen vor allem aus »den sozialen Randgruppen«, wie die FAZ schrieb: Es seien »einfache Arbeitnehmer, Rentner mit geringer Rente, Arbeitslose und Gewerkschafter«.
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Die westdeutsche WASG und die ostdeutsche PDS schlossen sich im Sommer 2007 in einem sehr günstigen Moment zur Partei Die Linke zusammen. Die Linke schaffte es, 53 der 612 Sitze im Bundestag zu erringen. Ihr Name ist Programm. Er besagt: weg von der alleinigen Herrschaft der Kapitalinteressen, hin zum Sozialismus – was immer der Einzelne sich darunter vorstellt, was immer er aus den Reden der Parteispitzen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine aufgeklaubt hat.
Was in der anhebenden Industrialisierung vor zweihundert Jahren üblich war, ist jetzt wieder die Regel: Wer Kapital hat, setzt es dort ein, wo es die größten Zinsen bringt.

Im 19. Jahrhundert wurden die Arbeiter von den Unternehmern direkt ausgebeutet. Heute gehören viele Unternehmen Aktienfonds, deren Anteilseigner häufig nicht einmal wissen, wo genau sie ihr Geld investiert haben. Und wenn sie es wissen, interessiert das Schicksal der Arbeitnehmer sie nicht. Wie auch? Sie bekommen die Produktionsstätten und die Arbeiter nie zu Gesicht. Während ein klassischer Unternehmer darauf achtete, dass seine Firma jahrzehntelang florierte, kommt es den heutigen Kapitalfonds auf kurzfristige Rendite an. Ob ein Unternehmen es übersteht, wenn es gekauft und geschröpft wird, spielt keine Rolle.

Weil die Finanziers sich nach den rücksichtslosen Maßstäben verhalten, die als »Manchester-Kapitalismus« in die Industriegeschichte eingingen, reagieren die sogenannten Lohnabhängigen und die Arbeitslosen entsprechend: Sie greifen auf das Vokabular des 19. Jahrhunderts zurück und – der diskreditierte »real existierende Sozialismus« des Ostblocks hin oder her – auch auf Karl Marx und alte sozialistische Ideen.
Die Idee des Sozialismus läuft nicht darauf hinaus, dass eine Staatspartei alles bestimmt und die arbeitende Bevölkerung im Namen des Staates ausbeutet, wie es im Ostblock üblich war.

Sozialisten wollen vielmehr eine Gesellschaftsform entwerfen, in der alle leben und überleben können, jeder seinen Fähigkeiten gemäß. Sie streben danach, dass die Verfügung über das Kapital nicht bei einigen wenigen liegt, sondern von der Gesellschaft kontrolliert werde. Besonders die Herrschaft über die für alle wesentlichen Dinge soll dem sozialistischen Denken zufolge nicht privaten Individuen überlassen werden: die Versorgung mit Wasser und Energie, öffentliche Verkehrsmittel, Post, Krankenversorgung, Altersvorsorge, Kindergärten, Schulen und Hochschulen.

Der Sozialismus strebt die demokratische Kontrolle der Einrichtungen an, die für das Leben aller Menschen wichtig sind. Als die Einwohner der bolivischen Stadt Cochabamba sich im Jahr 2000 dagegen wehrten, dass auf Geheiß der Weltbank ihre Wasserver-sorgung – das Regenwasser inklusive – privatisiert wurde, was dazu führte, dass viele Bauern des Umlands für Wasser mehr zahlen mussten als für ihr Essen, war das eine sozialistische Bewegung.

Kommentare

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  • Joe Bergmann (0) Hallo, liebe Frau Augstein!

    Ich habe soeben mit viel Ruhe Ihren Beitrag gelesen. Worte, wie "Turbokapitalismus" gefallen mir überhaupt nicht! Es geht ja nicht vorwärts , sondern eher zurück. Ich, Jahrgang 1956 in der DDR geboren und aufgewachsen, sehne mich jedenfalls nicht nach dem Sozialismus zurück. Der Sozialismus war nicht real und der Kapitalismus ist eine Qual, wenn ich es so formulieren darf.Aber: Der Sozialismus ist nicht für die Armen und Ausgebeuteten -erfunden- worden, wie Sie es schreiben. Mein Gott! Er war lediglich eine Gesellschaftsform, die dummer Weise von alten Greisen diktiert wurde. Festzustellen ist jedoch damals wie heute, dass die unterste Schicht immer noch nicht wagt, den Mund aufzumachen. Man fragt sich, ob es die Angst ist, die gerade bei den "Ostdeutschen" immer noch tief verwurzelt ist oder die Scham.Mit Egoismus hat das rein garnichts zu tun, meine ich. Engagement- ist gut und leicht gesagt, wenn man mit HartIV keine Chance auf sozial-kultureller Integration hat. Und ich werde mit 52 Jahre nicht zum Tellerwäscher, nur weil es in Deutschland hinten und vorn nicht stimmt. Politisch wie wirtschaftlich herrscht seit Jahren eine stetige Oberflächlichkeit, die nun von der Krise beherrscht wird. Wie weiter? Herzlichst Ihre Joe Bergmann
  • Raul Pires (1) Jedem seine Meinung... Allerdings: wird es im SZ-Magazin auch in nächster Zeit mal ein ähnlich "schwarz-weiß" gefärbtes Plädoyer zum Neoliberalismus geben? Dass der Sozialismus a la La Fontaine&Gysi in Deutschland gerade ein Comeback erlebt liegt sicherlich auch an eine sehr einseitige Berichterstattung seitens der Medien. Geschichten über arme Harz IV-Empfänger auf der einen Seite und über raffgierige Manager auf der anderen lassen sich nun mal besser verkaufen als Realitäten, wie z.b. dass Deutschland nach wie vor insgesamt ein sehr reiches und stabiles Land ist, indem Arbeitgeber und Schwache sehr viel Schutz und Rechte genießen. Etwas weniger Lamento, etwas mehr Blick für die Komplexität unserer heutigen Welt und etwas weniger Ruf nach eindimensionalen und einfachen Lösungen für sehr komplexe Probleme täten uns allen gut. Und natürlich auch etwas mehr Engagement in eigener Sache, z.b. in der Politik würde auch den einen oder anderen als Augenöffner dienen.
  • Wilko Winkelmann (1) Der grundlegende Fehler des Textes findet sich schon im dritte Absatz. Dort beklagt Frau Augstein:

    "Die Politik, die in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass ..." (es folgen das tausend mal gelesene "alles-wird-immer-schlimmer" Lamento).

    - Nicht die Politik der letzten Jahre ist Ursache für ein Maß an Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Armut, das man in der alten Bundesrepublik so nicht kannte, sondern das Aufholen von 40 Jahren (SED-)Sozialismus. Man könnte doch zur Abwechslung vom ständigen Systemwechselgequatsche mal auf die Idee kommen zu bemerken, dass unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dies nicht über Nacht, aber doch peu a peu bewerkstelligt.

    Sicher sind mehr 15% Arbeitslosigkeit in den Neuen Ländern noch kein Grund zum Jubeln, nur scheint es in der veröffentlichten Meinung Konsens, dies der sozialen Marktwirtschaft (und natürlich dem bösen, um die Jahrtausendwende plötzlich hereingebrochenen globalen Turbokapitalismus) ans Bein zu binden, statt - wie es vernünftig wäre - vier Jahrzehnten Kommandowirtschaft, die nicht einen einzigen Arbeitsplatz hinterlassen hat, der ohne Eisernen Vorhang existenzfähig geblieben wäre.

    Warum also nicht mal unkonventionell sein und sagen "soziale Marktwirtschaft: super, neosozialistische Staatswirtschaftsflausen: Mist!"
  • Tappy (1) Bravo
  • Stefan Lorenz (4) Ein sehr schöner Artikel. Räumt gut auf mit den Missverständnissen die in den letzten Jahren in Zusammenhang mit dieser Idee entstanden sind. Es tut wirklich gut, wenn man auch in einer großen Zeitung einmal solche Gedankengänge liest.