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aus Heft 28/2008 Liebe & Partnerschaft 4 Kommentare

Warnung: Kinder können ihre Beziehung zerstören!

Seite 3

Von Mareen Linnartz  Fotos: Anja Frers





Julia: Max hat ja auch, bevor Johanna auf die Welt kam, hier noch alles verändert, hat Mauern versetzt, ganze Treppen rausgerissen. Aber dass es nicht so angenehm ist, hochschwanger im Zementstaub zu schlafen, ist ihm nicht eingefallen.
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Die Therapeutin: Ich erlebe es immer wieder, dass Paare kurz vor oder nach der Geburt umbauen oder umziehen. Warum? Ein Kind braucht das erste Jahr nicht viel Platz, oft kommt es sogar ohne eigenes Zimmer aus. Ich kann ja den Nestbautrieb verstehen – aber man sollte sich seine Kräfte aufsparen, die ersten Monate mit einem Baby sind anstrengend genug. Der Küchenstreit und auch die Schilderung des Umbaus zeigen deutlich, wie sehr sich Julia und Max inzwischen missverstehen. Er meint es nur gut – sie fühlt sich überrannt. Er will fürsorglich sein, aber er baut während ihrer Schwangerschaft das Haus um, anstatt sich direkt um seine Frau zu kümmern.

Max: Julia hat jetzt angefangen, einen Vormittag in der Woche wieder zu arbeiten, das finde ich gut.

Julia: Die paar Stunden, die ich als Ergotherapeutin arbeite – da geht es nicht ums Geld, sondern um Bestätigung: Aha, ich kann also noch etwas anderes als wickeln, füttern, sauber machen.

Max: An diesem Vormittag ist Johanna bei mir in der Werkstatt. Da bin ich dann aber nur für sie da, spiele mit ihr, wickle sie auch, obwohl mir dabei sehr leicht schlecht wird. Aber ich halte mir ein paar frische Feuchttücher vor die Nase, und dann geht’s.

Julia: Max hat ein Lehrmädchen, die ganz verrückt nach Johanna ist und die in der Zeit oft mit ihr im Kinderwagen spazieren fährt. Ich weiß also, es geht ihr gut, und gleichzeitig bin ich glücklich, weil ich wieder in meinem alten Beruf arbeiten kann. Vielleicht brauchen wir einfach beide mehr Freiräume, mehr Zeit für uns allein.

Die Therapeutin: Ich finde es gut, dass Julia sich einen Freiraum geschaffen hat und wieder arbeitet. Aber noch besser wäre es, wenn Max und Julia sich auch einmal zusammen Zeit nehmen würden. Warum engagieren sie keinen Babysitter? Johanna ist alt genug. Die beiden sind doch noch ein Paar und nicht nur Mutter und Vater!

Max: Wir haben uns jetzt entschlossen, eine Paartherapie zu machen. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, es nicht versucht zu haben.

Julia: Ich war erst erschrocken, als Max den Vorschlag machte, zur Therapie zu gehen. Wir? Wieso?

Max: Ich habe Julia immer bewundert für ihre Lebenslust, ihre Fröhlichkeit. Inzwischen frage ich mich manchmal: Ist das noch die Frau, der ich versprochen habe, bei ihr zu bleiben, bis der Tod uns scheidet? Ich erkenne sie kaum wieder.

Die Therapeutin: Die Entscheidung, eine Paartherapie zu machen, ist absolut richtig. Die Positionen sind verhärtet, und ich glaube fast nicht, dass Max und Julia allein aus ihrer Krise herausfinden. Eine Familie zu werden ist eine echte Bewährungsprobe – für jedes Paar. Aber die gute Nachricht: Ist das Kind erst einmal aus dem Gröbsten raus, so mit zwei, drei Jahren, dann finden auch die meisten Paare wieder zueinander; das belegen viele Studien. Wer allerdings die Bewährungsprobe nicht besteht, den wird auch ein älteres Kind nicht mehr zusammenbringen. Julia und Max, das ist meine Einschätzung, haben noch einen langen Weg vor sich.

Julia: Ich denke jetzt oft über unsere Beziehung nach. Ich versuche, mich an die schönen Momente zu erinnern, die wir gemeinsam hatten. Aber mir kommt immer ein Bild in den Sinn: Johanna ist auf die Welt gekommen, ich sehe, wie die Hebamme Max zuwinkt, das Baby auf dem Arm – und er weigert sich, sie zu nehmen. Was ist ihm in dem Moment durch den Kopf gegangen?

Max: Ich war k.o., das Blut, die Geburt, es war zu viel. Ich konnte Johanna nicht in den Arm nehmen, sie war mir vollkommen fremd. Was ist das für ein Wesen, das jetzt bei uns leben wird? Ich habe damals instinktiv geahnt: Von jetzt an wird jemand zwischen uns stehen.

Julia: Ich möchte nicht an Trennung denken. Wir haben uns ein Versprechen gegeben, das wirft man nicht einfach so weg. Vielleicht hätten wir vorher mehr darüber sprechen müssen, wie wir uns ein gemeinsames Leben mit einem Kind vorstellen.

Max: Ich glaube, so wie Julia und mir geht es Tausenden von jungen Eltern. Sie schlittern von einem Tag auf den anderen in etwas hinein und sind schlicht überfordert. Ein Kind, das ist doch das pure Glück! Das ist süß und lächelt. Aber das kann auch kotzen und schreien und auseinanderbringen, was vorher zusammen war.

Mit Dank an Charlotte Glas-Illner von der Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein, e.V. in München

Kommentare

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  • Lieselotte Maisch (1) Herrn Preiners Meinung schließe ich mich gerne an. Mein Mann und ich sehen ebenfalls die Ursache für die geschilderten Probleme in der Kommunikation: die beiden (Julia und Max) reden zu wenig miteinander.

    Schon vor und dann in der Schwangerschaft haben wir über Wünsche und Vorstellungen als Familie geredet. Dabei entdeckten wir so manch Neues - auch unerwartetes - am Partner.
    Inzwischen sind unsere Kinder erwachsen und es war für uns täglich eine Herausforderung die Kinder gemeinsam zu erziehen.Natürlich war es nicht leicht, aber es hat Spaß gemacht.
    Familie bedeutet auch nicht: Kind ja - aber alles soll so bleiben wie es ist.
    Unser Motto war: weniger ich, mehr wir.
    Heute können wir feststellen, dass wir uns richtig entschieden haben. Keiner ist zu kurz gekommen.

    Trotz der räumlichen Distanz zu unseren Kindern haben wir regen Kontakt - schließlich gibt es ja Telefon und Internet.Und wenn der Schuh drückt, dann hören wir gerne unseren Kindern zu. Und umgekehrt haben unsere Kinder für uns ein offenes Ohr.

    Ich hoffe, dass Max und Julia die Herausforderung, ein gemeinsames Kind zu erziehen, annehmen und gemeinsam schultern. Dann ist ein happy-end nicht ausgeschlossen.
  • Michael Preiner (1) Der Artikel zeigt nach meiner Meinung das Dilemma vieler junger Eltern auf. Sie sind sich der Herausforderung Kindererziehung nur latent bewusst. Allerdings ist der Titel meiner Meinung nach völlig falsch gewählt, denn nicht das Kind zerstört die Beziehung, sondern vielmehr der Kommunikationsstil von Julia und Max sorgen für die Eheprobleme.

    Als Autor und Eheberater erlebe ich oft, dass die Ursachen einer Krise in der Situation oder in der Umwelt gesucht werden und nicht in der Interaktion und Kommunikation miteinander. Ich glaube, Max und Julia sollten ihre grundlegenden Kommunikationsmuster überprüfen und weniger mit Vorwürfen und Kritik gegeneinander vorgehen. Der Psychologe John Gottman hat die Wirkung dieser Kommunikatonsmuster auf eine Partnerschft sehr gut analysiert und erforscht. Eines muss ich als Vater von 1 Tochter und 2 Söhnen allerdings auch bestätigen: Erziehung ist nicht stressfrei und nicht immer lustig und leicht. Es kostet Kraft und Anstrengung und ist immer wieder eine Herausforderung im Alltag.
  • Marc Behrens (1) Tja, Eltern sein ist eben ganz schön stressig.
    Als wir noch keine Kinder hatten, dachten wir auch manchmal, wir hätten keine Zeit für nichts.
    Dann hatten bekamen wir eine Tochter, und uns fiel auf, wieviel Freizeit wir vorher hatten.
    Jetzt haben wir zwei Töchter, und uns fällt auf, dass wir mit einem Kind noch gewisse Freiräume hatten.
    Wenn wir drei haben, werden wir uns wohl nach der ruhigen Zeit mit zwei kleinen Kindern zurücksehnen...
  • wolf buetow (1) Danke fuer diesen Bericht, der mich als angehenden Vater schon einmal darauf vorbereitet, was da so kommen kann. Viele der geschilderten Probleme tauchen auch schon in der Schwangerschaft auf. Was mir gut gefallen hat, dass der Artikel - trotz schonungsloser Beschreibung - das happy-end nicht ausschliesst...