aus Heft 30/2008 Das Prinzip 6 Kommentare
Pendler
Der Pendler und seine Pauschale sind das Ur-Übel unserer Stadtplanung.
Von Tobias Kniebe (Foto: dpa)
Obwohl er Politiker, Stadtplaner und Verkehrsexperten oft an den Rand des Wahnsinns treibt, ist der Pendler eigentlich ein simples Wesen: ein Mensch, der sich regelmäßig dorthin bewegt, wo es Arbeit für ihn gibt. Wer nicht gerade sein Feldbett im Büro aufschlägt oder auf dem Bauernhof lebt, den er bewirtschaftet, gehört zwangsläufig dazu.
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Und so kommt dann auch die eindrucksvolle Zahl von etwa dreißig Millionen Pendlern zustande, die anscheinend an jedem Arbeitstag in Deutschland unterwegs sind. Das klingt so lange ziemlich wahnsinnig, bis man bemerkt: Hier sind einfach nur jene Berufstätigen gemeint, die nicht an ihrem Arbeitsplatz übernachten.
Die große Mehrheit legt dabei nur geringe Distanzen zurück, das sind, sagen wir mal, die Normalpendler. Bleiben etwa acht Millionen, die täglich mehr als zwanzig Kilometer fahren, die man Superpendler, aber auch Problem- bzw. Schadpendler nennen könnte.
In der Theorie sind diese Menschen die Vorhut einer neuen, globalisierten Arbeitsgesellschaft, Musterbeispiele an Mobilität und Flexibilität: kein Weg zu weit, um die eigenen beruflichen Fähigkeiten optimal einzusetzen und den Wirtschaftsstandort Deutschland voranzubringen, geradezu heroisch das Opfer an Lebenszeit und Nervenkraft, das sie dafür bringen.
Ihr Wille, für den Job ihren Arsch zu bewegen, muss auch vom Staat honoriert werden, weshalb sie trotz aller Steuerdebatten und Gesetzesänderungen schon immer – und auch jetzt noch ab dem zwanzigsten Entfernungskilometer – die Pendlerpauschale kassieren. Die Theorie hat nur einen Haken: Das wahre Beispiel für Mobilität und Flexibilität in der modernen Arbeitswelt ist nicht der Superpendler, sondern der Superumzieher.
Den kennt man exemplarisch aus amerikanischen Soldatenkinder-Biografien: »Daddy war bei der Air Force, schon als Teenager lebte ich in 15 verschiedenen Bundesstaaten…« Genau diese Umzugsbiografie will der Superpendler vermeiden. Er will den Partner nicht zwingen, seinen Job oder sein soziales Umfeld aufzugeben, er will die Kinder nicht entwurzeln, das traute Eigenheim und die Kegelclub-Freunde nicht missen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mehr als die Hälfte der Bundesbürger leben noch in ihrem Geburtsort oder in einer Nachbargemeinde, hat eine aktuelle Umfrage herausgefunden.)
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22 Uhr 03
11 Uhr 32
Natürlich kann man billigen Wohnraum im Speckgürtel nutzen und dafür jeden Tag lange Wege zur Arbeit in Kauf nehmen.
Man kann auch den teureren Wohnraum in der Stadt (in unmittelbarer Arbeitsplatznähe) wählen und dadurch die Kosten für die langen Wege sparen. Das ist eine freie Entscheidung.
Nur sollte der Staat nicht ein Modell (das Speckgürtelmodell) dem anderen vorziehen und auch noch fördern.
Gibt es eigentlich einen Kostenausgleich zwischen den Speckgürtel-Dörfern und den Städten, was die Nutzung der Infrastruktur der Städte durch die Umländer angeht? Denn diese zahlen ja ihre tollen Lohnsteuern in die Kassen der Speckgürtel nutzen aber sicher die Infrastrukturen wie Theater etc. der Städte. Gibt es da einen Ausgleich? Und ist es ein optische Täuschung, dass sich gerade die Speckgürteldörfer allerlei Luxus leisten können?
23 Uhr 22
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19 Uhr 00
Der Vorschlag des Kommentators, den Wohnort dahin zu verlegen wo auch die Arbeit ist, grenzt wahrlich schon an Hohn. Die Zeiten, an denen eine ganze Familie bei ein und demselben Arbeitgeber beschäftig waren sind schon lange vorbei. Kein Arbeitnehmer weiß ob er seinen Job in ein, zwei oder gar drei Jahren überhaupt noch hat. Und Begriffe wie Betriebswohnungen, -Kindergärten, oder -Siedlungen sind schon lange nicht mehr üblich.
Wenn schon die Pendlerpauschale generell in Frage gestellt wird, dann muß auch die Frage gestellt werden dürfen, warum dann auch beruflich bedingte Umzüge oder gar die doppelte Haushaltsführung noch steuerlich berücksichtigt wird?
16 Uhr 45
- gibt es so viele Pendler, weil die Leute nicht von zuhause wegziehen wollen, wenn sie ins Berufsleben einsteigen?
- oder gibt es so viele Pendler, weil die Leute schon von zuhause wegziehen, aber nicht direkt in die schöne große Stadt (wo es ja bekanntlich Wohnraum in solchen Massen gibt, dass die Wohnungssuchenden Prämien für die Vermittlung zahlen und schon am Abend den Zeitungshändlern die Ausgabe vom Folgetag mit den Wohnungsannoncen aus den Händen reißen) und dann aus den Vororten, die ja bekanntlich auch nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen sind, mit dem Auto pendeln?
Und es wird auch keine "Pendlerpauschale erstattet", sondern man kann gerade man 0,30 ct/km für die EINFACHE (!) Strecke als Werbungskosten geltend machen, was bedeutet, dass man je nach individuellem Steuersatz und danach, ob man überhaupt zusammen mit anderen Werbungskosten über die Werbungskostenpauschale hinaus kommt. Erst dann macht sich dies bei der Steuererstattung bemerkbar. Vielleicht sollte Herr Kniebe, wenn er den Pendlerverkehr als großes Übel ansieht, konkrete Vorschläge machen, wie denn die Pendler an arbeitsstättennahe Wohnungen kommen.