Kinder | Heft 31/2008

Mädchen sind willkommen (Jungs nicht)

Die erst elfjährige Nina wusste immer, dass sie im falschen Körper lebt. Aber es war ein langer Kampf gegen Eltern und Lehrer, bis sie nicht mehr David sein musste.

Von Karin Prummer und Dominik Stawski (Text und Fotos) 


Als Nina wieder einmal so verzweifelt ist, dass sie sterben will, nimmt sie den ganzen Mut zusammen und ruft den Rektor ihrer Grundschule an: »Wenn ich kein Mädchen sein darf, dann komm ich nicht mehr!« Schweigen am anderen Ende. Der Rektor zögert. Nina wartet.

Sie presst den Hörer ans Ohr und hält den Atem an. Ganz still steht sie da, im Wohnzimmer der hellen Neubauwohnung am Stadtrand von Köln. Ein Kind, elf Jahre alt, mit strohblonden Haaren, das versucht, einen Schuldirektor zu erpressen. Nina geht in die 4 b, trägt zu Hause gern Röcke und Ringelstrümpfe und tanzt am liebsten zur Musik von Mark Medlock und Rihanna durch ihr Zimmer – ein hübsches Mädchen. Wäre da nicht ihr Körper.

Ein Jungenkörper. So steht es auch in der Geburtsurkunde: »männlich«, gleich neben dem Namen: »David«. Ein Fehler, sagt Nina. »Ich bin ein Mädchen.« Dass wir sie heute überhaupt Nina nennen können, dafür hat sie jahrelang gekämpft. Noch bis vor wenigen Monaten war sie David. Alle sahen sie als Jungen – Mutter, Vater, ihre drei Jahre jüngere Schwester Lisa, die Ärzte, die Lehrer, der Rektor.
Wenn sie in die Schule ging, musste sie Hosen tragen. Sie solle froh sein, sagte der Vater, dass sie zu Hause mal einen Rock anprobieren dürfe. Und auch das mit den Barbies, das sei nichts für Jungs. Die Eltern schenkten ihr einen Ken. Nina schmiss ihn in die Ecke. »Der ist doof.« Sie weinte und schrie so lange, bis ihre Mutter aufgab und eine Barbie kaufte. Es ist nur so eine Phase, sagten sich die Eltern. Das geht vorbei.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Nina starrte auf ihren Penis. »Mama, ich will den nicht.«)

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