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aus Heft 12/2007 Außenpolitik Noch keine Kommentare

Good morning, Iraq (Teil 1)

Seite 2

Von Dietmar Herz 




Als ich mich entschieden habe, für einen Monat in den Irak zu gehen, rückt der Krieg täglich näher. Eine Schutzweste, die militärischen Anforderungen genügt, ein Helm und entsprechende Kleidung müssen gekauft werden. Freunde und Kollegen erklären mich für verrückt: Forschung und Berichterstattung oder Selbstverwirklichung und Abenteurertum? Rechtfertigen die zu erwartenden Ergebnisse als embedded contemporary historian die Gefahr? Die Konturen des Konflikts, in den ich mich begebe: eine von Tag zu Tag fortschreitende Eskalation sich überschneidender und einander verstärkender gewalttätiger Auseinandersetzungen. Es ist nicht ein Krieg, es sind viele Kriege. In diesen Kriegen kämpft die amerikanische Armee.
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Der Feldzug vom Frühjahr 2003 ist Gegenstand einer ausführlichen Berichterstattung. »Teilnehmende Journalisten« haben anschauliche, oft spannende Erlebnisberichte verfasst, meist aus amerikanischer Sicht. Über die Zeit nach dem Feldzug bis heute gibt es unzählige Tagebücher, Aufzeichnungen von Irakern, im Land lebenden Ausländern, Blogs im Internet, aber keine ausgereifte Analyse der amerikanischen Strategie in den irakischen Kriegen. Um den Konflikt zu verstehen und die amerikanische Politik und Strategie zu beurteilen, bedarf es jedoch der persönlichen Anschauung. Der Aufenthalt im Kriegsgebiet ist eine Notwendigkeit. Dabei will ich die Mahnung des polnischen Schriftstellers Ryszard Kapuscinski beherzigen, »sehen« sei nicht dasselbe wie »verstehen«. Einzelne, flüchtige Eindrücke können täuschen.

Auch den Augenzeugen will ich misstrauen. Auf dem fünfstündigen Flug nach Kuwait lese ich in Tolstois Krieg und Frieden. Tolstoi warnt seine Leser in einer Passage über den Soldaten Graf Nikolai Rostow: »Auf Grund seiner Erlebnisse in der Schlacht von Austerlitz und den Kämpfen des Jahres 1807 wusste Rostow aus eigener Erfahrung, dass alle Leute zu lügen pflegen, wenn sie von kriegerischen Aktionen erzählen, wie er selbst, wenn er dergleichen erzählte, ja auch gelogen hatte. Dazu verstand er inzwischen genug von der Sache, um zu wissen, dass sich im Kriege alles immer ganz anders abspielte, als wir es uns vorstellen und schildern können.«

Schutzweste und gepanzerte Busse

In Kuwait werde ich von zwei Soldaten in Zivil in Empfang genommen. Wir treffen uns im Starbucks-Café in der Ankunftshalle. Ein seltsamer Ort, um in einen Krieg aufzubrechen. Wir warten auf zwei Journalisten von Fox News aus New York. Als sie endlich kommen, ist es fast Mitternacht. Wir fahren zur Ali al-Salem Base, einem großen Stützpunkt der Amerikaner in Kuwait. Eine Zeltstadt, die als eine Art Durchgangslager für den Nachschub an Menschen und Material in den Irak dient. Uns wird ein Schlafplatz in einem Zelt zugewiesen und mitgeteilt, dass wir unsere Pässe, die wir abgeben mussten, gegen fünf Uhr morgens wiederbekommen werden. Nach einer schlaflosen Nacht im kalten Zelt hole ich am Morgen meinen Pass. Er ist mit einem kuwaitischen Ausreisestempel versehen.

Abrupte Landung in Bagdad

Am späten Vormittag geht es mit einer Gruppe von Soldaten zum Flugplatz der Basis. Dort stehen mehrere große Transportflugzeuge. Wir werden zu einer C-17 gefahren: Ein Transportflugzeug für große Fracht und Truppen, das Ausrüstungsteile und sogar Panzer befördern kann – oder 102 Fallschirmjäger mit Ausrüstung. Mit 72 Tonnen Fracht kann die C-17 auf einer Strecke von 900 Metern landen. Sie ist damit besonders geeignet für die oft kurzen Landebahnen auf den amerikanischen Stützpunkten im Irak. Ich setze mich auf eine Bank, erstmals mit Schutzweste und Helm. Ich habe keinen Ohrenschutz und muss den Motorenlärm des Flugzeugs zwei Stunden lang ertragen. Wir landen abrupt und ohne Vorankündigung im Militärbereich des internationalen Flughafens in Bagdad. Im Laufschritt geht es zur Wartehalle. Ich stelle fest, dass ich viel zu viel Gepäck habe.

Mit gepanzerten Bussen – »Rhinos« genannt – werden die Soldaten, begleitet von maschinengewehrbestückten Humvees, zu den verschiedenen Camps im Großraum Bagdad gefahren. Die beiden Fox-Reporter und ich werden zu einem Hubschrauberlandeplatz gebracht. Es ist mittlerweile später Nachmittag. Wir warten. Nach einiger Zeit landen zwei Black Hawks. Wir laufen gebückt zu den Helikoptern. Dann fliegen wir über das abendliche Bagdad.

Wir landen nahe der amerikanischen Botschaft in der internationalen Zone der irakischen Hauptstadt. Zwei Soldaten, in Kampfmontur und bewaffnet, holen uns ab und bringen uns zum Combined Press and Information Center (CPIC). Jeder Soldat, der das CPIC verlassen will, muss Helm und Schutzweste tragen und sein automatisches Gewehr bei sich haben. Die beiden Amerikaner werden im Laufe des Abends abgeholt; sie sind bereits akkreditiert und sollen in ein anderes Camp fahren. Mir wird bedeutet, dass ich erst einmal hierbleiben müsse.

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