Anzeige

aus Heft 38/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

"Ich habe den Tod gespürt, er saß in mir. Ich habe gekämpft."

Seite 5: Eins ist klar. Ich kann mich nicht komplett ändern.

Von Georg Diez 





Ich würde gerne noch so viel machen. Die Frage ist nur, muss ich das dann mit einem Sauerstoffgerät machen, oder muss ich das mit irgendwelchen Kanülen oder irgendwelchen Kacktaschen am Bauch oder so. Aber im Kern hat Beuys sicher recht, dass das Leiden irgendwie die Welt auch ausmacht in ihrer Entwicklung und dass der Tod Bestandteil ist dieses Lebens.

Trotzdem: Es gab so viele Momente, wo ich das Glück eigentlich nicht zugelassen hab. Und da hatte ich am Freitag ein gutes Erlebnis, als ich über die Straße ging, um mir was zum Frühstück zu holen – und ich plötzlich einen Stich spürte, in der Brust, von der Punktion.
Ich habe dann erst gemerkt, wie langsam ich gehe, wie vorsichtig. Und dieses vorsichtige Gehen, dieses langsame Gehen, das hat mir auch gezeigt, wie sehr ich ja auf meinen eigenen Erhalt bedacht bin. Das zeigt ja diese kleine Schmerznummer: Christoph, kümmere dich um dich selber! Mach jetzt keinen Scheiß!

Und so wird das ja auch sein. Wenn ich aufwache, werde ich eben anders atmen, und dann wird das eben erst mal anders.

Christoph Schlingensief fährt sich oft unter das Hemd während unseres Gesprächs, unbewusst wahrscheinlich, er wischt sich kurz mit der Hand über seine linke Brust. Die Brust, wo der Lungenflügel fehlt.

Er hat sich doch entschieden zu bleiben und zu kämpfen, nicht nach Afrika zu gehen und langsam zu verlöschen. Er hat verstanden, warum er immer der Alleinunterhalter war, der den Eltern vorspielen musste, dass doch alles gut war. Er hat gelernt, warum er sich früher nicht gemocht hat, »einfach nicht gemocht«, sagt er.


Die Operation, bei der ihm der linke Lungenflügel entfernt wurde, verlief gut. Ist er geheilt? Das ist dann immer sofort die Frage, die man sich stellt. Aber es geht natürlich weiter. Das ist die einzige Klarheit bei all den Tests und dem ewigen Warten auf Ergebnisse, Tumormarker, das alles: Es hört nie mehr auf.

So, da bin ich wieder. Die Operation hat stattgefunden, drei oder vier Stunden. Ich hatte keine Angst vor der Operation, vor dem Reinfahren, Betäuben, dem Schnitt, dem Aufwachen. Ich gehe da gemütlich rein, ich freue mich, wenn es warm wird. Ist mir ein Hochgenuss abzutauchen. Und das ist wunderbar.

Jetzt bin ich aber sehr müde und auch schwach. Meine linke Brust ist voll gelaufen mit Sekret vom Körper. Das Ganze schwabbelt und gluckst. Im Arm habe ich einen Anschluss mit sechs Anschlüssen – da können die eine Kanüle bis ins Herz führen oder kurz vor das Herz und spüren dann, ob das feucht ist, ob da zu viel Wasser ist. Und auch im Rücken habe ich einen Schlauch.

Alles begann mit einer Nacht voller Scheißerei. Ich bin in die Analphase eingetreten. Alles war sehr flüssig, aber die Ärzte sind begeistert, weil das ein gutes Zeichen ist: Wenn der Darm anfängt, ist schon mal Befreiung in Sicht.

Und dann ist heute etwas Merkwürdiges passiert. Ich habe nebenan ein Kind schreien gehört. Ganz laut. Und ich hab gedacht, oh Gott, das Kind stirbt, dem geht’s auch so dreckig, das ist auch so traurig und verlassen und braucht Liebe. Ich habe gesagt, dann lasst doch das Kind leben und mich sterben. Aber nicht pathetisch, sondern wirklich. Das war so ein Gefühl.

Kaum hatte ich das ausgesprochen, ging meine elektronische Superanlage an, die alle Werte nimmt, Blutdruck, Puls, Sauerstoffgehalt und ich weiß nicht was. Da habe ich gedacht, oje, siehst du, irgendwas stimmt nicht, und jetzt sterbe ich tatsächlich.
Anzeige


Aber ich will nicht sterben!, dachte ich da panisch. Maria, bitte, lieb mich doch, was ist denn los mit euch? Bitte, bitte, ich will leben, ich will noch ganz lange leben, ich hab noch ganz viel zu tun, ich will noch ganz, ganz viel auf der Erde tun. In dem Moment hörte das Kind auf zu schreien. Und da habe ich gedacht, oh Gott, das Kind ist tot.

Mein Gerät war wieder leise. Ich habe dann einen Arzt hier gefragt, da war doch ein Kind, das geschrien hat. Und der Mann hat gesagt, ja, das hatte eine kleine Operation, es ist alles in Ordnung – und da habe ich mich erinnert, dass ich das Baby schon gesehen hatte mit der Mutter und sie gefragt hatte, was das Baby denn hat. Und die Mutter sagte, das Kind rollt vorne immer so komisch ab auf den Fußballen. Wissen Sie, warum das Kind das tut?, sagte ich. Weil Ihr Kind ein hochintelligentes Wesen ist, ein Autist. Der denkt ganz viel und geht auf Zehenspitzen durch diese Welt. 

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Jack One (0) Lieber Christoph,

    es ist immer sehr schade, wenn eine Größe den Schauplatz verlässt. Du warst eine!
    Man kann nur so lange etwas tun, etwas erledigen, etwas machen, solange man da ist. Du hast es getan. Wir vermissen dich.

    Jack the One