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aus Heft 38/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Unter Beobachtung

Seite 2

Von Kerstin Greiner  Illustration: Marc Herold




Wenn Diät-Stalkerinnen hören: »Einen Salat mit Huhn ohne Parmesan und Karotten, aber mit Goji-Beeren«, denken sie: Aha! Huhn und Käse getrennt! Könnte metabolische Ernährung sein! Keine Karotten? Mädchen, du kennst dich aus mit glykämischen Indizes, richtig? Und Beeren? Wegen der Antioxidantien, stimmt’s? Manche Stalkerinnen versuchen jetzt mit bohrenden Fragen weiterzukommen: »Goji-Beeren wirken ja Wunder… aber zusammen mit Huhn? Hab ich noch nie gehört!«
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Wenn in früheren Zeiten der Menschheit das Wissen, wo es Essbares zu finden gibt, das Überleben sicherte, scheint es heute das Wissen zu sein, wie man Essen am besten vermeiden kann. In der Multioptions-Gesellschaft ist auch der Körper zur Option geworden: Abgesehen von Religion und Sex gibt es keine andere Disziplin, in der so viele Mythen und Versprechen existieren wie im Bereich der Ernährung. Für Diät-Stalkerinnen ist Ernährung Extremsport, bei dem sie versuchen, mit technischer Finesse ans Ziel zu gelangen – nicht mit Gewalt, wie es Essensverweigerer tun.

Schlanksein, Ernährungstricks, Diäten sind heute aber auch zu einem Mittel der sozialen Positionierung geworden: Die, die das Spezialwissen haben, zeigen wie Elitegruppen ihre Kompetenz in Fragen der Lebensführung. Deswegen achten besonders häufig Menschen auf ihre Ernährung, die als soziale Aufsteiger gelten. Die Soziologin Eva Barlösius vermutet sogar, dass neben einem unterschiedlichen Körperbewusstsein auch darin ein Grund zu finden ist, warum mehr Frauen als Männer nach Diäten leben: Frauen haben erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihren gesellschaftlichen Aufstieg durchgesetzt und sind seitdem auf der Suche nach einem selbstbestimmten, kulturell geachteten Lebensstil.

Der letzte Trend kommt aus den USA. »Food Porn«, Lebensmittel-Pornografie, nennt sich die Bewegung, bei der sich Menschen Bilder von Gerichten auf Internetseiten ansehen. Eine Userin bekennt: »Ich liebe es, Fotos von Essen anzuschauen. So kann ich mich daran erfreuen, obwohl ich weiß, dass es mich unglücklich machen würden, es zu essen.« Auf der Eingangsseite zu »foodporn.com« steht als Warnung zu lesen: »Alle Ihre verbotenen Fantasien werden hier erfüllt!«


Kommentare

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  • irolka aklori (0) Früher, als man noch 3 Mal am Tag mit der Familie an einem Tisch sitzend gegessen hat, da hätte ein solches Verhalten wie es in dem Artikel beschrieben wird als hochgradig gestört gegolten. Man sollte hier, vor allem was die "Food-Porn-Bewegung" betrifft von einer Essstörung sprechen und nicht von einer neuen Mode. Mag sein, dass ich die Ironie in diesem Text nicht verstehe, oder ist gar keine darin. Aber ich finde man sollte Erscheinungen unserer übersättigten Zivilisation nicht derart urteilsfrei beschreiben. Zumal gleichzeitig über die Magermodels, die derzeit auf den Laufstegen der Welt herumstaksen, herumgemäkelt wird.