aus Heft 39/2008 Bayern 2 Kommentare
Zwei bayerische Seelen
Jahrelang schrieb der "SZ"-Autor Michael Stiller kritisch über Max Strauß und dessen Rolle in der Schreiber-Äffäre. Getroffen haben sich die beiden aber erst später - als sie gleichzeitig wegen Depressionen in derselben Münchener Klinik behandelt wurden. Jetzt sprechen sie zum ersten Mal miteinander.
Von Johannes Waechter und Dominik Wichmann (Interview) Toby Binder (Fotos)
SZ-Magazin: Herr Strauß, wie geht es Ihnen?
Max Strauß: Mittlerweile bin ich einigermaßen wiederhergestellt. Insgesamt zwölf Jahre saß ich unschuldig auf der Anklagebank. Ich verlor meine Zulassung als Rechtsanwalt. Meine Ehe ging zu Bruch. Und wenn man, so wie ich es war, an der Seele krank ist und in der Psychiatrie behandelt werden muss, dann hat man natürlich die Tendenz, sich von der Außenwelt abzuschotten. Jetzt aber finde ich langsam wieder in mein eigenes Leben zurück.
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Im August 2007 hat man Sie schließlich vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen. Wie haben Sie das vergangene Jahr verbracht?Strauß: Als Erstes habe ich versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen. In absehbarer Zeit werde ich meine Zulassung als Rechtsanwalt zurückbekommen. Es geht also aufwärts.
Herr Stiller, hätten Sie sich vor einigen Jahren vorstellen können, einmal bei Max Strauß im Wohnzimmer zu sitzen?
Michael Stiller: Wohl kaum. Allerdings mache ich jetzt, gegen Ende meines Berufslebens, immer häufiger die Erfahrung, dass sich verschiedene Konflikte lösen, die sich aufgrund meiner journalistischen Arbeit über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatten. Dennoch, um Peter Gauweiler zu zitieren, habe ich nicht die Befürchtung, dass es gleich ganz widerlich wird und wir uns vor lauter Zuneigung um den Hals fallen.
Strauß: Ich hatte immer eine ziemliche Antipathie gegen Sie, Herr Stiller. Ich konnte Ihre Texte oft nicht ausstehen. Aber persönlich hatte ich eigentlich nie ein Problem mit Ihnen. Wir hatten eine Menge Streit – aber wir haben nie Krieg gegeneinander geführt.
Dürfen wir Sie daran erinnern, dass Sie Michael Stiller 1995 als "Berufsdesinformanten", »ausgemachte Drecksau« und »Mitglied der journalistischen Totenkopfdivision Joseph Goebbels« beschimpft haben?
Strauß: Als ich diese Worte von mir gab, ging es mir schon nicht mehr gut. Die Krankheit war bereits ausgebrochen, nur merkte ich das noch nicht. Was ich da sagte, war Ausdruck meiner Hilflosigkeit.
Stiller: Die Äußerungen fielen zu einer Zeit, als einige Journalisten, darunter auch ich, erfolgreich versuchten, am Denkmal von Franz Josef Strauß zu kratzen. Max Strauß, der Namen und Ruf seines Vaters schützen wollte, musste sich damals mit einigen ererbten Skandalen auseinandersetzen. Es wunderte mich schon damals nicht, dass da Groll entsteht und Wut. Das Verhältnis zwischen uns beiden wurde dann fast ein bisschen feindselig, vor allem, weil es nie zu einem persönlichen Gespräch zwischen uns gekommen ist. Sie hatten daran ja kein Interesse.
Nach all den Scharmützeln und Skandalen trat im Herbst 1995 eine weitaus größere Affäre in das Leben von Max Strauß: Die Augsburger Staatsanwaltschaft warf Ihnen vor, von dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber Schmiergeld erhalten und nicht versteuert zu haben.
Strauß: Mein Name und ich als Person waren ja nur ein Teil des Skandals. Trotzdem hatte ich in der ganzen Schreiber-Affäre eine Prominenz, die meiner tatsächlichen Bedeutung für das Verfahren in keiner Weise entsprach. Ganz unabhängig von den konkreten Vorwürfen gegen mich war deshalb mein Hauptproblem diese gebetsmühlenartige Wiederholung meiner angeblichen Verwicklung in den Skandal.
Fühlten Sie sich verfolgt?
Strauß: Und wie! Auch bei Zeitungen und im Fernsehen gilt ja der alte Grundsatz der Artillerie: Es gibt nicht Freund noch Feind, sondern nur lohnende Ziele. Und ich war eben solch ein lohnendes Ziel. Allein schon wegen meines Nachnamens.
Die Angriffe setzten Ihnen schwer zu. So schwer, dass Sie deshalb Depressionen bekamen.
Strauß: Ich merkte es erst gar nicht. So eine Depression ist ein langer, ein schleichender Prozess. Heute bin ich mir sicher, dass ich bereits vor Beginn der Schreiber-Affäre an Depressionen gelitten habe. Aber erst Anfang 2003 hat meine Schwester Monika mich zum ersten Mal ganz behutsam auf das Thema angesprochen.
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nach meiner erfahrung mit totaler erschöpfung: die seele führt krieg gegen den körper, man ist und bleibt damit immer irgendwie alleine.