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aus Heft 39/2008 Bayern 2 Kommentare

Zwei bayerische Seelen

Seite 4

Von Johannes Waechter und Dominik Wichmann (Interview)  Toby Binder (Fotos)





Karlheinz Schreiber (links) mit Max Strauß 1979 in Mexiko.
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Im Januar 2004 begann der Prozess gegen Max Strauß. Der Angeklagte stand sichtlich unter starkem Medikamenteneinfluss und wirkte wie ein gebrochener Mann. Wie haben Sie die Bilder empfunden, Herr Stiller?
Stiller: Der Anblick von Max Strauß und die Behandlung seines Falles in den Medien hat mich sehr erschreckt. Ich wusste – partiell auch aus eigenem Empfinden: Dieser Mann kann gar nicht prozessfähig sein. Unser Rechtssystem ist nicht dafür geschaffen, psychisch Kranke zu verurteilen.

Und Sie, Herr Strauß, wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?
Strauß:
Ein willfähriger Gutachter hatte dem Gericht meine Verhandlungsfähigkeit bescheinigt. Ich hatte wieder eine gewisse, aber sehr relative Stabilität erreicht. Allerdings konnte ich mich noch nicht wieder konzentrieren. Deshalb sprach ich auch während des gesamten Verfahrens kein einziges Wort. Ich bin ja selbst Rechtsanwalt von Beruf, und das Erste, was ich einem Mandanten immer sage, ist: Vor Gericht musst du höllisch aufpassen, was du sagst. Als jemand mit einer schweren Depression, als einer, der unter dem Einfluss von starken Medikamenten stand, war ich für meinen Verteidiger also kaum berechenbar. Darum schwieg ich die ganze Zeit.

War es schwierig für Sie, Ihre Krankheit anzuerkennen?
Strauß:
Das kriegt man nach einer gewissen Zeit schon auf die Reihe. Man bleibt ja ein vernunftbestimmtes Wesen. Depressionen haben nichts zu tun mit Paranoia oder Schizophrenie. Man hat keine Wahnvorstellungen.

Stiller: Was richtig wehtut, auch bei der Genesung, ist der unglaubliche Blödsinn, der über diese Krankheit verbreitet wird. Und auch die Geschwindigkeit, mit der einen einzelne Leute fallen lassen. Wer mit dem Motorrad in eine Leitplanke donnert und zwei Jahre im Krankenhaus liegt, wird von allen bedauert. Über einen Depressiven aber, da heißt es schnell: Der hat halt einen Schatten. Das gilt selbst für Leute in einer so aufgeklärten Branche wie dem Journalismus.

Herr Strauß, im Sommer 2004 verurteilte Sie das Augsburger Landgericht zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis. Ihre Anwälte gingen daraufhin in Revision. Ein Jahr später hob der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Sie auf. Im zweiten Prozess wurden Sie freigesprochen, und zwar nicht aus Mangel an Beweisen, sondern wegen erwiesener Unschuld. Wörtlich sagte der Richter: "Max Strauß hat von Karlheinz Schreiber nichts erhalten, also musste er auch nichts versteuern. Er hat damit keine Steuern hinterzogen." Was haben Sie empfunden, als Sie diese Worte hörten?
Strauß: Das war eine ganz große Erleichterung, eine richtige Freude.

Stiller:
Als Folge Ihres Freispruchs ist die wichtigste Frage des Verfahrens offen geblieben: Im Zentrum der Ermittlungen stand ja ein Konto namens Maxwell, auf das Karlheinz Schreiber 5,2 Millionen Mark eingezahlt hatte. Die Staatsanwaltschaft versuchte vergeblich zu beweisen, dass dieses Geld für Sie bestimmt war. Inzwischen ist klar: Sie hatten nichts mit Maxwell zu tun. Aber das Konto gab es, und das Geld gab es auch. Wenn es nicht Ihnen gehörte: wem dann?

Strauß:
Das Geld hat, wie das Verfahrenja ergab, sicher immer Karlheinz Schreiber gehört. Die Konten waren wohl so eine Art Kriegskasse von ihm. Die Justiz hat dabei sträflich vernachlässigt, dass Schreiber dieses Geld mehrfach für eigene Zwecke verpfändet oder ausgegeben hatte – seine eigene Firma steckte ja tief in den roten Zahlen.

Was ja ein offenes Geheimnis war.
Strauß:
Schon seit Anfang der Neunzigerjahre lief bei Schreiber nichts mehr: Er machte Fehler über Fehler, hatte Streit mit seinem Treuhänder, und Geschäfte missglückten. Hinzu kamen die hohen Honorare für seine Anwälte. All das kostete ihn viele Millionen. Hätte die Augsburger Justiz also ihre Pflicht getan und den Weg der Geldströme ermittelt, dann wäre es auch nie zu einem Verfahren gegen mich gekommen. Niemals habe ich verstanden, warum man mich jahrelang mit falschen Anschuldigungen verfolgte. Das alles kam einer persönlichen Vernichtung gleich. Die Verantwortlichen sind bis heute dafür nicht belangt worden.

Stiller: In den Gesprächen, die ich mit Karlheinz Schreiber führte, sprach er oft davon, dass er Mitleid mit Ihnen habe. Ich frage mich: Warum hat er Ihnen dann nicht geholfen?

Strauß: Der Schreiber hat immer ein doppeltes Spiel gespielt. Der hat alle Beteiligten angelogen und alles immer so hingedreht, dass es für ihn am günstigsten läuft.

Stiller: Aber in Ihrem Fall ging es um Knast oder Freiheit – da hört doch der Spaß auf!

Strauß: Schreiber hätte nur das Bankgeheimnis für seine Liechtensteiner Kon-ten aufheben müssen. Er hätte seine Konto-auszüge kopieren und an die Augsburger Staatsanwaltschaft schicken müssen. Dann wäre das Verfahren gegen mich zusammengebrochen. Und zwar innerhalb weniger Sekunden.

Stiller: Warum hat er das nicht gemacht?

Strauß:
Diese Frage hat mich jahrelang gequält. Bis jetzt bin ich zu keiner Antwort gekommen.

Trotz Ihres Freispruchs stehen Sie heute vor einem Scherbenhaufen: Der Prozess hat Sie nicht nur in eine schwere Krankheit gestürzt, sondern auch Ihren Beruf und Ihre Ehe gekostet.
Strauß
: Der Scherbenhaufen liegt vor mir, daran gibt es keinen Zweifel. Da fällt es manchmal schwer, wieder Mut zum Leben zu fassen. Hinzu kommt, dass ich das Stigma eines psychisch kranken Mannes wohl so schnell nicht mehr loswerde. Ganz wichtig ist jedoch, sich trotzdem nicht als ewiges Opfer zu stilisieren – in dieser Hinsicht habe ich früher einige Fehler begangen. Aber wissen Sie, es hat im 20. Jahrhundert ein paar Leute gegeben, denen der deutsche Staat übler mitgespielt hat als mir: Ich saß keine Sekunde lang im Gefängnis, ich habe zwei tolle Kinder, ich habe Menschen erlebt, die mir sensationell geholfen haben. Deswegen sage ich jetzt trotz aller Einschränkungen und Belastungen: Ende gut, alles gut.

Stiller:
Nach meiner Krankheit dauerte es einige Monate, bis ich wieder schreiben konnte. Aus dem journalistischen Tagesbetrieb habe ich mich aber inzwischen zurückgezogen.

Herr Strauß, Herr Stiller, was werden Sie aus diesem Gespräch mitnehmen?
Strauß:
Man muss die Fähigkeit zur Kommunikation behalten. Diese Fähigkeit hatte ich sicherlich in weiten Teilen meines Lebens gar nicht. Ich bin nicht auf die Menschen zugegangen – auch nicht auf Sie, Herr Stiller. Damit habe ich mich in einen Turm eingemauert und mich einer ganzen Menge von Erkenntnismöglichkeiten beraubt. Ich habe nicht mehr richtig analysiert, mich versteift, Probleme nicht mehr gesehen. Seitdem ich aber versuche, auf die Menschen zuzugehen und Probleme, auch solche, die lange Zeit zurückliegen, auszudiskutieren, gewinne ich eine Form, die ich schon sehr lange nicht mehr hatte.

Stiller: Für mich bestätigt sich eine alte Regel, die ich auch während meiner Arbeit immer beachtet habe: Beim Reden kommen die Leute zusammen. Insofern hat es mich sehr gefreut, Herr Strauß, Sie nach all den vielen Jahren nun endlich einmal kennengelernt zu haben. Ich weiß jetzt, wer Sie sind.


ZU DEN PERSONEN:
Max Josef Strauß, geboren 1959, ist das älteste der drei Kinder von Franz Josef Strauß. Er wuchs in Rott am Inn und München auf. Nach dem Jurastudium trat er als Anwalt in eine Münchner Kanzlei ein und war von 1995 bis 2003 Vorsitzender des CSU-Kreisverbands im Münchner Südosten. Ab 1995 war er in die Schreiber-Affäre verwickelt und wurde erst 2007, nach zwölfjährigen Ermittlungen, vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen.

Michael Stiller, geboren 1945, schrieb seit 1968 für die »Süddeutsche Zeitung«, zunächst als Landtagskorrespondent, später als Leitender Redakteur im Ressort Innenpolitik. Er verfasste mehrere Bücher, darunter "Edmund Stoiber. Der Kandidat" (2002), und wurde für seine investigativen Reportagen dreimal mit dem wichtigen "Wächter-Preis" der Tagespresse ausgezeichnet. Auch im Ruhestand - seit 2005 - arbeitet Stiller weiter als freier Journalist.


Die Schreiber-Affäre
Im Herbst 1995 beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft Augsburg bei dem Unternehmer Karlheinz Schreiber Dokumente, aus denen hervorgeht, dass er Provisionen aus Flugzeug- und Panzergeschäften als Schmiergeld an Privatpersonen und Parteien verteilt hat. Als mutmaßliche Empfänger nennt die Staatsanwaltschaft damals zwei Thyssen-Manager, den Ex-Staatssekretär Holger Pfahls, den früheren CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep – sowie Max Strauß, der Schreiber seit Jahren über seinen Vater kennt.

Im Herbst 1999 löst die Schreiber-Affäre den Skandal um schwarze Konten bei der CDU aus. Kiep gesteht, illegale Parteispenden von Schreiber bekommen zu haben; Helmut Kohl tritt vom CDU-Ehrenvorsitz zurück. Am 16. Februar 2000 gibt Wolfgang Schäuble als CDU-Parteivorsitzender auf, nachdem er zugeben musste, den Bundestag über seine Kontakte zu Schreiber belogen zu haben.

Im Juli 2002 verurteilt das Landgericht Augsburg die Thyssen-Manager Winfried Haastert und Jürgen Maßmann wegen Steuerhinterziehung und Untreue. Der Hauptangeklagte Karlheinz Schreiber lebt seit Jahren in Kanada und widersetzt sich juristisch seiner Auslieferung nach Deutschland.

Im Januar 2004 kommt es zum ersten Prozess gegen Max Strauß, trotz dessen psychischer Erkrankung. Strauß wird zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt, obwohl die Staatsanwaltschaft nicht beweisen kann, dass er jemals Geld von Schreiber erhalten hat.

Der seit fünf Jahren flüchtige Holger Pfahls wird im Juli 2004 in Paris festgenommen und später nach Deutschland ausgeliefert. Vor Gericht gesteht er, 3,8 Millionen Mark von Schreiber bekommen zu haben.
Der Bundesgerichtshof kassiert im Oktober 2005 das Urteil gegen Max Strauß, worauf ab Dezember 2006 erneut in Augsburg gegen ihn verhandelt wird. Dieser Prozess endet am 6. August 2007 mit Freispruch.

Kommentare

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Kommentar:

  • Dr. Angela Tucek (0) Komisch, dass jemand, der einen Freispruch 1. Klasse erhielt, via Psychiatrie lieber alles ungewissen belassen möchte. Strauß und Stiller hätten vieles einfacher haben können, denn ihnen wurde von mir ab 1995 mehrfach entlastendes Material angeboten. M.E. sind beide Herren Besserwisser - und auf dieser Basis verstehen sie sich halt prächtig.
  • dollansky werner (0) tja, die krankheit gibt's tatsächlich, kann ich nur bestätigen...
    nach meiner erfahrung mit totaler erschöpfung: die seele führt krieg gegen den körper, man ist und bleibt damit immer irgendwie alleine.