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aus Heft 10/2006 Gesundheit

»Nichts liegt mir so fern wie Panikmache«

Lars Jensen  Vorsicht, dieses Interview macht Angst! Unerhörte Zusammenhänge über die Vogelgrippe – aufgedeckt von dem amerikanischen Globalisierungsexperten Mike Davis.
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SZ-Magazin: Vor gut einem Monat ist die Vogelgrippe nun auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ausgebrochen. Sie beschreiben den Verlauf der Epidemie als einen Test für die Menschheit. Weshalb? Mike Davis: Die Frage ist, ob die reichen Länder ihre engstirnige Haltung aufgeben und endlich in den Gegenden der Welt massiv eingreifen, die ich jetzt mal als Brandherde bezeichne. Es geht um Westafrika und die ärmeren Regionen Südostasiens, wo Menschen auf engstem Raum mit ihrem Geflügel leben, wo Millionen Menschen mit unterschiedlichen Vogelgrippeviren in Kontakt gekommen und inzwischen weit mehr als 150 daran gestorben sind. Was genau ist das Problem in diesen Ländern? Sie sind für das Vogelgrippevirus ein gigantisches Laboratorium: Durch den ständigen Kontakt mit Menschen kann es sich laufend weiterentwickeln, immer wieder, bis es Wege findet, auf den Menschen überzuspringen. Unter Medizinern heißt das Virus H5N1, Sie nennen es in Ihrem Buch das »Monster an unserer Türschwelle«. Was macht dieses Virus zum Monster? H5N1 nutzt mit seinem undurchschaubaren und aggressiven Verhalten die Schwächen unserer globalisierten Welt und ihre zutiefst ungerechten Lebensverhältnisse aus. Erinnern wir uns an das Virus H1N1 von 1918: Damals starben zwischen fünfzig und hundert Millionen Menschen an der Grippe – das tödlichste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Die USA und Westeuropa zählten weniger als drei Millionen Opfer. In der westlichen Welt tötete die Grippe also höchstens ein Prozent der infizierten Bevölkerung. In Asien war die Quote etwa zehnmal so hoch: Da gab es – je nach Schätzung – bis zu 60 Millionen Opfer. In den Medien wurden damals nur die Opfer in Europa und den USA – vor allem Soldaten – wahrgenommen. Über die 15 Millionen Toten in Britisch-Indien hat die englische Presse kein Wort verloren. Aber im Zeitalter der Satellitentechnik würden wir von Toten in Indien sofort erfahren. Epidemiologen vom Lowy Institute in Sydney haben errechnet: Sollte eine H5N1-Pandemie ausbrechen, müsste Deutschland etwa 800000 Tote erwarten, die USA zwei Millionen. In Westafrika und Südostasien aber würden ganze Nationen dezimiert: bis zu 140 Millionen Opfer. Zugegeben, diese Zahlen sind hypothetisch, aber sie verdeutlichen, wie falsch die Diskussion über Vogelgrippe geführt wird: Entdeckt man in Deutschland eine für den Menschen gefährliche Variante von H5N1, ist innerhalb von Stunden die gesamte Gesellschaft alarmiert. In der Dritten Welt wären Millionen Leute todkrank, bevor jemand ahnt, was los ist. Eine solche Situation würde die Bekämpfung der Pandemie weltweit erheblich erschweren. Ein paar gute Mikroskope und ein paar dutzend fähige Mediziner nach Nigeria oder Vietnam zu schicken hilft den Deutschen mehr als tausend Experten, die jedes Gramm Hühnerkot von Rügen analysieren. Und wenn das Virus niemals zu einer für den Menschen gefährlichen Form mutiert? Wer behauptet, er könne garantieren, dass sich H5N1 nicht zum Killervirus verändert, ist irre oder ein Verbrecher.
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