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aus Heft 14/2007 Design & Wohnen Noch keine Kommentare

Harmoniesucht

Seite 2

Von Julia Rothhaas (Interview); Julika Altmann (Illustration) 




Wir werden also um das perfekte Design betrogen?
Das kommt darauf an. Die Natur kann gar nicht so ordentlich sein. Ein perfekt geformtes Schneckenhaus oder die ideale Sonnenblume dürften schwer zu finden sein. Bei Artefakten kann man den Wunsch nach dem exakten Goldenen Schnitt erfüllen. Doch Designer wissen auch, dass ein Rechteck als viel rechteckiger empfunden wird, wenn man es minimal gewölbt zeichnet. Oder stellen Sie sich zum Beispiel einen Porsche 911 vor. Dieses Auto sieht für uns schnell und wendig aus. Nach aerodynamischen Gesichtspunkten würde es aber viel besser rückwärts fahren. Das widerspricht jedoch unseren ästhetischen Vorstellungen. Von daher könnte man manchmal sogar von Schummelei sprechen.
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Gibt es denn auch Bereiche, in denen Proportionen überhaupt keine Rolle spielen?
Nein. Wir brauchen immer ein System. So fließt nicht alles ohne Orientierung ins Endlose. Es gibt aber Designer wie Ron Arad, Ettore Sottsass, Alessandro Mendini, die bewusst gegen Systeme gearbeitet und sich mit ihrer Zerstörung auseinandergesetzt haben.

Worum geht es diesen Designern dabei?
Sie wollen Aufsehen erregen. Denn es ist auch so: Über einen Gegenstand, der nicht traditionell aufgebaut ist, spricht man eher. Ich nenne so etwas »Conversation Pieces«, also Plauder-Gegenstände. Man kommt damit schnell mit anderen Menschen ins Gespräch: »Oh, was für eine aufregende Tasse, was für ein ungewöhnliches Kleid!« Alles, was streng systematisch aufgebaut ist, fällt hingegen gar nicht mehr auf. Manchmal stellt sich unser Geschmack auch quer. Wenn ich mit meiner Freundin in eine Ausstellung gehe und wir uns danach fragen, welches Bild uns spontan einfällt, sind es immer die doofen, die blöden Bilder. Für die man sich geniert. Wenn ich Sie jetzt bitte: Pfeifen Sie ein Lied – es ist bestimmt ein Schlager, von dem Sie nie gedacht hätten, dass Sie ihn im Kopf behalten. Entsetzlich.

Ist zu viel Ordnung nicht auch langweilig?
Das ist unsere heutige, sehr avancierte Vorstellung, die aber nicht für jeden gilt. Viele Menschen brauchen die Ordnung, um überhaupt handeln und leben zu können. Warum stehen wir am Morgen auf? Gäbe es nicht das System Alltag, könnten wir auch den ganzen Tag einfach im Bett liegen bleiben. Zum Glück haben wir gelernt, uns abends den Wecker zu stellen.

Gibt es neben dem Goldenen Schnitt eigentlich auch andere, modernere Regeln?
Es hat immer wieder Versuche gegeben, andere Systeme zu finden. Le Corbusier wollte zum Beispiel mit seinem Proportionsmodell »Modulor« der Architektur eine am Maß des Menschen orientierte Ordnung geben. Doch wie Leonardo da Vincis »Vitruvianischer Mensch«, der das Proportionsschema des menschlichen Körpers zeigt, orientiert er sich auch am Goldenen Schnitt. Wenn auch wieder nicht exakt.

Gilt denn weltweit die gleiche Definition für Schönheit?
Die Suche nach einer bestimmten Harmonievorstellung ist sicherlich überall vorhanden. Nur: Es gibt unterschiedliche Harmonien. Die Proportionslehre in Japan ist zum Beispiel völlig anders. Dort zählen die Maße der Tatamis. Das sind die Matten aus Reisstroh, die in Japan auf dem Boden liegen. Sie gelten als Flächenmaß bei Wohnungs- und Zimmergrößen. Das japanische Standardzimmer entspricht meist sechs Matten. Mit unseren Proportionssystemen und mit unserem Grundmuster von Schönheit haben die Tatamis aber nicht viel zu tun.

Können wir uns überhaupt an andere Harmonien gewöhnen?
Ja, wir brauchen zwar den Komfort der vertrauten Systematiken, aber irgendwann fällt eine anfängliche Andersartigkeit nicht mehr auf. Ebenso wichtig ist jedoch auch das Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die nicht nach unserer Gewohnheit funktionieren. Sonst wären wir nur Automaten.

Wie ist das beim Essen?
Schmeckt uns etwas besonders gut, weil wir die Form als angenehm empfinden? Da bin ich mir nicht sicher. Aber auch hier wollen wir keine Überraschungen, sondern suchen die Wiederholung. Wenn das Thunfischfilet auf meinem Teller plötzlich rechteckig ist, wäre ich wohl deprimiert. Dann bestelle ich doch lieber gleich Fischstäbchen.

Michael Erlhoff ist Professor für Designtheorie und -geschichte an der Köln International School of Design.

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