Gewinner, die wie Tröpfe aussehen
Auf der Wiesn bleibt keiner allein, habe ich irgendwo gelesen, aber das stimmt nicht. Auf der Wiesn kann man sehr allein sein, sobald man das Zelt verlassen hat. Die Außenwelt fängt gleich hinter dem Ausgang an. Auf dem kurzen Weg vom Hacker-Zelt zur U-Bahn Theresienwiese kommt man am Autoscooter vorbei, wo sich immer schon die einsamen Figuren gesammelt haben, solche mit Ballonseidejacken und dünnen Schnurrbärten, die sich in ein lächerlich kleines Rennauto setzen, um ihrem Mädchen zu imponieren, das am Rand steht und von einem Bein aufs andere tritt, weil es auf die Toilette muss oder fürchterlich friert oder beides.
Über allem liegt wie eine dünne Decke diese blecherne Stimme der Einheizer, die überall gleich klingt, in allen Fahrgeschäften auf allen Volksfesten. Wenn man sich findet, dann im Zelt. Wenn man sich trennt, dann vorm Autoscooter, oder etwas weiter nebenan, in der Bude, in der man Fußbälle in eine Torwand schießen kann. Es ist eine Bude, in der ausschließlich Jungs sich versuchen, und alle sehen hilflos aus, wenn sie Maß nehmen wie die Profis im Sportstudio, aber dann schießen sie wie Basti oder Mehmet aus der Vorstadt. Wie die Jungs, die sie sind.
Wenn einer oft genug trifft, gibt es Goleo als Preis, das Maskottchen der Fußballweltmeisterschaft 2006. Sie verramschen hier die Restbestände des verzagtesten WM-Maskottchens aller Zeiten. Da draußen sehen sogar Gewinner wie Tröpfe aus, erwachsene Männer, die mit ihrem hart erarbeiteten Plüschlöwen auf dem nassen Pflaster stehen und auf ihre Freundin warten, die schon mal vorausgegangen ist und vielleicht nie wiederkommt.
Am Ende
Es klingt bestimmt absurd, aber so ein Festzelt kann ein Schutzraum sein, oder man kann sich einreden, es wäre einer, vor allem, wenn man einen Schutzraum braucht, und wer wollte bestreiten, dass das hier gerade die Zeit ist für Schutzräume. Wenn etwas vorbei ist, und es war nicht gerade Folter, ist man sentimental oder traurig. Traurigkeit geht tiefer.
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Man vermisst etwas, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, man vermisst sogar das Pressezentrum bei den Olympischen Spielen, wenn man drei Wochen darin gesessen hat, neben einem der Kollege aus Indien, rechts drei Stühle weiter der Ungar, der eine stöhnende Frau als Klingelton eingespeichert hatte. Man vermisst die kleinen Dinge, die Details, man behält Bilder in Erinnerung, die vollkommen unwichtig sind.
Im Hacker-Zelt war schon am dritten Tag ein Luftballon zur Decke aufgestiegen, zum Himmel der Bayern, ein kleiner Bär, der auf die Horde da unten schaute. Ich hätte tagelang Zeit gehabt, nachzusehen, was aus ihm geworden ist, aber erst als das Zelt endgültig zu ist, fällt mir der Ballon wieder ein.
Am Eingang der U-Bahn-Station Theresienhöhe steht ein alter Mann. Er war schon öfter da, er sammelt Flaschen oder Geld, er sieht zerzaust aus, und es stimmt, was der blinde Däne gesagt hat. Nasse Menschen riechen fast wie nasse Hunde. Der Mann war nur einmal auf der Wiesn, und da hat ihm eine Frau ein Lebkuchenherz geschenkt. Das hat er gleich gegessen. Wir stehen noch ein bisschen rum, die Lichter gehen aus, da hinten eins und da vorn, wie platzende Seifenblasen, jemand torkelt vorbei, und der alte Mann sagt: »Das war es?«
Das war es.
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16 Uhr 27
15 Uhr 42
Das muss man erst mal aushalten. Und Sie haben es sogar noch geschafft, sich Notizen zu machen. Hut ab!
13 Uhr 54
Angela Birner
12 Uhr 36
10 Uhr 59
Stocknüchtern Reinhard Ilg