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aus Heft 06/2005 Kunst Noch keine Kommentare

Schatz! Schnell Bilder kaufen!

Maler müsste man sein – schon würden die neureichen Sammler einem die Bilder aus der Hand reißen, bevor die Farbe trocken ist. Erst verlor der Kunstmarkt alle Maßstäbe. Und dann alle Hemmungen.

Von Lars Jensen 

Die Chefin einer angesehenen New Yorker Galerie könnte bald ein Buch füllen mit den Geschichten, die ihr manche Kunden auftischen, um ein Bild kaufen zu dürfen: »Wenn wir zehn Werke eines gefragten Künstlers zeigen, kommen 200 Anfragen«, sagt sie. »Die Leute erzählen mir den Lebenslauf ihrer Mutter, um zu beweisen, dass sie der Kunst würdig sind. Und manche weinen vor Wut, wenn sie leer ausgehen.«

Leer gingen jedoch viele aus. Die Galerien melden für die aktuellen Stars wie Maurizio Cattelan, Chris Ofili, Jeff Koons oder Luc Tuymans: ausverkauft, auf Jahre hinaus. Wer ein Gemälde des Deutschen Neo Rauch haben möchte, kann sich 2008 wieder melden. Also wendet sich das Publikum hochgejubelten Neulingen zu. Die Gier des Marktes spült Künstler an die Oberfläche, von denen kein Mensch weiß, ob man sich in zwei Jahren noch an ihre Namen erinnert. Zum Beispiel die Ölbildchen des Leipzigers Eberhard Havekost: Trendbewusste Sammler aus Amerika sind heiß auf jedes Gemälde aus Ostdeutschland. Sie fragen: »Is Eberhard from Laibdsisch? Okay, let’s buy it.«

Weltweit gibt es etwa 300 Menschen, die im großen Stil zeitgenössische Kunst sammeln. Sie schmeißen Partys, lassen Galeristen mit Privatjets einfliegen und führen dabei einen erbitterten Krieg um die raren Spitzenwerke. Die Galeristen revanchieren sich mit Vorkaufsrechten – und geben ihrerseits Partys und exklusive Dinner. So funktionierte das Geschäft seit Jahrzehnten. Doch neuerdings drängen Tausende wohlhabender Interessenten in den Markt, die nicht zum engsten Kreis der Szene gehören: Spekulanten, Erben, latein-amerikanische Industrielle oder Neureiche, die ihre Freundinnen beeindrucken wollen. Sie kaufen, was sie kriegen können. Notfalls zu sehr hohen Preisen auf Auktionen.

Warum? Simple Erklärung: Die Reichen können nichts Besseres mit ihrem Geld anfangen. Die Steuersenkungen der Regierung Bush versetzen die Oberschicht Amerikas in die Lage, Milliarden überflüssige Dollars loswerden zu müssen, doch der Aktienmarkt ist vergleichsweise unattraktiv. Für Südamerikaner ist es sicherer, in Bilder zu investieren als in einheimische Unternehmen. In Asien entwickelt sich eine gigantische Nachfrage. Investmenthäuser legen neue Kunst-Fonds im Dutzend auf – die Rendite ist fantastisch. Dazu kommt, dass Luxus in jeder Form Hochkonjunktur hat. Bentley zum Beispiel verkaufte 2004 sechs Mal so viele Autos wie im Jahr zuvor. Und wer schon einen Bentley besitzt, greift als Nächstes zum ultimativen Luxus: Er reist zu einer der 50 Kunstmessen, die es inzwischen gibt, und erwirbt ein millionenteures Großformat für die Wand hinterm Sofa. »Es geht vielen nicht nur darum, Kunst zu kaufen und zu besitzen. Die Superreichen wollen sich ein neues Lebensgefühl zulegen«, sagt Sandy Heller aus Manhattan, die Dutzende Klienten in der Frage berät, welche Werke sie kaufen sollen. In anderen Worten: Wer reich ist und langweilig, besorgt sich ein paar Bilder und hofft, auf coole Partys eingeladen zu werden. Das Sammeln von Kunst bedeutet sozialen Aufstieg für Millionäre.

Genau weiß niemand, wie viel Geld mit zeitgenössischer Kunst umgesetzt wird. Es sollen um die fünf Milliarden Dollar sein. Wichtiger ist die Entwicklung: Laut dem Branchendienst artprice.com, der Millionen von Auktionsergebnissen auswertet, wuchs der gesamte Kunstmarkt im Jahr 2004 um knapp ein Drittel. Der Handel mit Gegenwartskunst legte schneller zu: »Unser Geschäft hat sich verdoppelt«, sagte eine spanische Galeristin an ihrem ausverkauften Messestand bei dem Ableger der Art Basel in Miami Beach.

Hier geht jeder an seine Grenzen. Ab mittags in der Messehalle Kunst kaufen und verkaufen und das mit Kopfschmerzen vom Vorabend; dann rüber in die Dünen, wo in einem Container die Pariser Galerie Kamel Mennour ein Happening über Tagelöhner in der Dritten Welt zeigt: ganz interessant. Von dort in das neue Lagerhaus des Super-Sammlers Marty Margulies. Er sagt von sich selbst in The Art Newspaper: »Wäre ich bloß ein Bauunternehmer, käme ich mir verdammt langweilig vor.« Inmitten seiner Ausstellung hält Margulies sein alljährliches Großdinner ab, Gulasch und Pasta für die wichtigsten Mitglieder der Kunstwelt. Zum Schluss schnell noch in die Versace Mansion: Der Juwelier Bulgari gibt eine Party.
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