Wirtschaft/Finanzen | 21. Oktober 2008
Mit Sicherheit ein gutes Gefühl
Ökonomen erforschen die vornehme Seele des Kapitalismus: das Vertrauen in den anderen.
Von Rainer Stadler

Fragt man einen Ökonomen, was Vertrauen ist, wird er sich ähnlich äußern wie der frühere Fußballprofi Jürgen Klinsmann: »Das sind Gefühle, wo man nicht beschreiben kann.« Die Wirtschaftsforscher tun sich schwer mit dem Thema Vertrauen. Wenn's um Geld geht, handelt der Mensch ihrer Ansicht nach nun mal rational. Weil er sich Profit verspricht. Aber niemals aus einem diffusen Gefühl heraus, wie Vertrauen eben. So will es die Theorie.
Dummerweise wird diese Theorie täglich widerlegt, zum Beispiel im Wirtschaftsteil der Zeitung: Mal heißt es da, die Unternehmer hätten das Vertrauen in den Standort Deutschland verloren. Mal wurde das Vertrauen der Anleger erschüttert, weil eine Firma ihre Bilanzen gefälscht hat. Weltweit stürzen die Börsenkurse ab, wenn Nachrichtenagenturen melden, das Vertrauen der US-Verbraucher in die Wirtschaft ihres Landes sei eingebrochen.
Einfachste Geschäfte wären ohne Vertrauen undenkbar: Wir müssten befürchten, dass die Hausbank unsere Ersparnisse verzockt, der Taxifahrer eine Stadtrundfahrt unternimmt, statt uns direkt zum Ziel zu bringen, und der Koch im Restaurant nur darauf wartet, uns endlich zu vergiften.
Aber anders als Konjunktur, Cashflow oder Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich der Faktor Vertrauen weder messen noch in Zahlen ausdrücken. Deshalb fiel den Wirtschaftsforschern bisher so wenig ein zu dem Gefühl, das offensichtlich die Welt bewegt. Eine kleine Gruppe von Forschern hat nun begonnen, das Unfassbare zu ergründen. Sie stehen gerade am Anfang, aber sollten sich ihre Ergebnisse bestätigen, müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden. Auch für Laien ist dies interessant; vor allem in Zeiten, da sich in Politik und Wirtschaft alles um die Frage dreht: Wie viel Stunden mehr müssen wir arbeiten und auf wie viel Lohn verzichten, damit unser Binnenmarkt wieder in Schwung kommt?
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Die Forscher Zak und Knack errechneten sogar, dass mit dem Vertrauen in die Mitbürger auch das Einkommen der Bewohner eines Landes steigt: 15 Prozentpunkte mehr bei den Ja-Antworten auf die Vertrauensfrage entsprechen einem Prozent mehr Lohn, lautet ihre erstaunliche Gleichung. Im Durchschnitt könnte also jeder Amerikaner 400 Dollar mehr pro Jahr verdienen, würden nicht 36, sondern 51 Prozent der Einwohner ihren Mitbürgern über den Weg trauen. Warum? Weil dann mehr investiert würde und neue Jobs entstünden.
Kevin McCabe interessiert sich vor allem dafür, was zwischen zwei Menschen passiert, die sich nie zuvor gesehen haben und nun ein Geschäft abschließen. Der Wirtschaftsprofessor an der George Mason University in Virginia simulierte diesen alltäglichen Vorgang in einem Spiel: Die Teilnehmer trennte er in zwei Gruppen, Investoren und Partner. Jedem Investor wurde ein Partner zugeordnet. Für sein Erscheinen erhielt jeder Teilnehmer zehn Dollar. Die Investoren konnten nun freiwillig ihrem Partner einen Teil ihres Geldes abgeben. Zwei Dollar, fünf Dollar, zehn Dollar, wie sie wollten. Diese Summe wurde vom Leiter des Experiments dann verdreifacht. Die Partner wiederum konnten anschließend einen Teil dieses Gewinns zurückgeben.
Hört sich langweilig an, dieses Spiel, zumal das Ergebnis auf der Hand liegt: Der Partner wird das Geld des Investors und den Gewinn komplett für sich behalten. Der Investor ahnt dies und beschließt deshalb, dem Partner kein Geld zu überweisen. So jedenfalls wird das Spiel laufen, wenn die Teilnehmer nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Genau davon gehen die meisten Ökonomen ja aus. Das Dilemma, falls sie Recht haben: Beide Spieler könnten mehr verdienen, würden sie nur kooperieren. Das bedeutet jedoch, der Investor müsste darauf vertrauen, dass sein Partner anständig genug ist, das investierte Geld und einen Teil des Gewinns zurückzuzahlen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Die Menschen sind sehr wohl bereit zu vertrauen, auch wenn es riskant ist. Und sie erwidern dieses Vertrauen, auch wenn es Geld kostet.«)
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