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aus Heft 44/2008 Gesellschaft/Leben

"Ich bin die beste Nutte, die es gibt."

Peer Teuwsen (Interview) 

Ihr Buch "Feuchtgebiete" hat sie berühmt gemacht. Aber was hat der Erfolg aus ihr gemacht? Charlotte Roche erzählt erstmals vom Leben danach.

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SZ-Magazin: Frau Roche, Ihr Roman Feuchtgebiete hat sich bis heute mehr als eine Million Mal verkauft und wird in 26 Sprachen übersetzt. Sie sind dreißig Jahre alt. Was macht eine wie Sie jetzt?

Charlotte Roche: Ich weiß es auch nicht. Das hat mich so überrollt, zu meiner großen Freude, aber auch zu meinem tiefsten Erschrecken. Ich bin im Schockzustand. Ganz viele Freunde sagen mir, ich könnte mit einem nächsten Buch nie mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Aber das kann ja wohl auch nicht das Ziel sein. Schreiben für Verkaufszahlen, ach. Aber jetzt bin ich sowieso so was von versaut, das gibt's kein zweites Mal. Ich komme mir so vor, als hätte ich einen Weihnachtshit gelandet.

War dieser Erfolg überhaupt das, was Sie wollten?
Nein. Es gibt ganz viele, die denken, ich hätte das geschrieben, um so einen Erfolg zu landen. Blödsinn. Ich werde behandelt wie eine Art Kräuterhexe, die die Formel gefunden hat. Sogar Schriftsteller flüstern mir zu: »Wie hast du das gemacht?« Aber das ist alles viel unschuldiger, als alle denken. Es gab nie einen Plan.
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Haben Sie sich manchmal totgelacht angesichts der ganzen Aufregung, die Sie ausgelöst haben?
Nein, ich bin kein Zyniker, der mal einen Brocken Fleisch
in die Arena geworfen hat und jetzt zuschaut, wie die da unten sich darum streiten. Übrigens habe ich ja keinen einzigen Artikel über mich gelesen.

Sie werden die Aufregung trotzdem mitbekommen haben.

Am Rande, ja. Aber was genau geschrieben wurde, das weiß
ich nicht. Unter den unzähligen Artikeln waren welche dabei, von denen ich kein Wort verstanden habe. Das haben mir Freunde auch so gesagt. Mein Buch sei verglichen worden mit irgendwelchen Päpsten und Autoren, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Ich hörte oft den Satz: »Dieses Buch, über das der Journalist geschrieben hat, das hättest du gern geschrieben.«

Sie haben auch Hass auf sich gezogen.

Mit dem Hass hatte ich schon vorher gerechnet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dieser intellektuelle Hype und diese totale Liebe, die mir plötzlich von so vielen Menschen zuteil wurde. Das hat meine Grundhaltung irritiert: Ich rechne immer mit dem Schlimmsten und wundere mich dann, dass es nicht eingetroffen ist.

Sie sind eine Zweckpessimistin?

Ich wirke nicht so. Von außen gesehen bin ich ja eine Lustige, die am laufenden Band Sprüche macht. Das entspricht aber nicht dem, wie es in mir drin aussieht. So. Und das dachte ich auch beim Schreiben von Feuchtgebiete: »Du musst ganz, ganz stark sein und wirst mit viel Dreck beworfen werden.«

Sie wappnen sich im Voraus, sodass Ihnen nichts etwas anhaben kann?
So ist es.

Sie hat also vor allem die Bewunderung, die Sie erfahren haben, erschreckt?
Schrecklich. Und es hörte einfach nicht auf. Ich weiß auch nicht, warum ich so etwas ausgelöst habe. Zeitgeist nennt man das wohl.

Vor unserem Gespräch waren Sie erstmals seit diesem Ereignis im Urlaub. Haben Sie jetzt nachgedacht und wissen mehr?
Nein, der Urlaub war eine Flucht vor mir selbst. Ich hatte zu viel gemacht. Ach, dieses Buch, ich habe wirklich gedacht, das wird ein Ladenhüter, weil es doch so eklig und abstoßend ist. Und dann dachte ich, ich muss viel Werbung dafür machen. Ich habe vor dem Erscheinen viele Interviews gegeben. Ich hatte so viel gegeben. Und im Urlaub hatte ich das Gefühl, dass von mir nicht mehr viel übrig ist.

Sie haben den Erfolg als Monster erlebt?
Absolut. Eine Sturmwelle.


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