aus Heft 44/2008 Musik 1 Kommentar
"Mir haben die Beethoven-Muskeln gefehlt"
Um ein großer Pianist zu werden, muss man härter trainieren als jeder Leistungssportler. Lang Lang kann ein Lied davon spielen.
Von Johannes Waechter Fotos: Frank Bauer
SZ-Magazin: Lang Lang, ich freue mich, dass Sie mir gerade die Hand geschüttelt haben.
Lang Lang: Sie sind der Erste heute, deshalb geht’s. Aber ich achte schon darauf, nicht zu viele Hände zu schütteln. Vor allem nach einem Konzert, wenn meine Finger müde sind.
Anzeige
Hat Ihnen da schon mal jemand die Finger gequetscht? Klar. Sie haben so schön gespielt, sagen die Leute. Und pressen dabei minutenlang meine Hand zusammen. Aua!
Bitte beschreiben Sie Ihre Hände.
Sie sind sehr weich. Das hat Vorteile und Nachteile: Ich bin sehr flexibel und kann deshalb vieles machen auf dem Klavier. Manchmal braucht man aber einen kräftigen, soliden Anschlag – besonders beim deutschen Repertoire. Für diesen Klang musste ich hart arbeiten.
Wie sorgsam gehen Sie mit Ihren Händen um?
Ich bin nicht übertrieben fürsorglich, aber ich passe auf, mich nicht zu verletzen. Ich schäle keine Früchte und trage auch keine schweren Sachen. Pianist zu sein ist eine gute Entschuldigung, um keine anstrengende Arbeit zu machen. Manchmal bitte ich sogar die Stewardessen im Flugzeug, meine Tasche ins Fach zu hieven, hehe.
Sind Ihre Finger empfindlich?
Ja, Kälte oder Feuchtigkeit mögen sie gar nicht. Aber sobald ich mich warmgespielt habe, ist das kein Problem mehr.
Wie alle herausragenden Pianisten haben Sie schon allein deshalb eine intensive Beziehung zu Ihren Fingern, weil Sie Zehntausende Stunden mit Üben verbracht haben.
Beim Klavierspiel muss man viel nachdenken, aber das ist beileibe nicht alles: Man muss die Musik, die man sich vorstellt, auch aus den Tasten herausholen können. Der Weg zum eigenen Klang führt übers Üben. Da kommt keiner drum herum. Wenn man dazu keine Lust hat, muss man Komponist werden. Oder Dirigent.
Macht es Spaß, stundenlang Tonleitern zu spielen?
Ich glaube, das macht niemandem großen Spaß – vor allem nicht den Nachbarn. Aber das sind die Grundlagen, und die sind essenziell. Das Ziel bei Tonleitern besteht darin, völlig gleichmäßig zu spielen: je mechanischer, desto besser. Am Anfang einer Pianistenkarriere muss man zur Maschine werden. Die Hände müssen wie Sportler sein, die komplizierte Übungen mit höchster Präzision ausführen. Das ist dann noch keine Musik, aber die Grundlage dafür.
Mussten Sie als Kind zum Tonleiterspielen gezwungen werden?
Ein heikler Punkt. Als Kind möchte man all diese schönen Stücke spielen – und soll stattdessen anderthalb Stunden Tonleitern üben. Da verlieren viele Kinder ihren Enthusiasmus. Ich habe zum Glück schon relativ früh verstanden, dass die Grundlagen dazugehören. Und wenn ich es einmal vergaß, konnte ich sicher sein, dass mich mein Vater daran erinnert.
In Ihrer Autobiografie schreiben Sie über jenen Winter, als Sie als kleiner Junge in einer ungeheizten Wohnung in Peking für die Aufnahmeprüfung aufs Konservatorium übten: »Die Wärme meines Spiels hielt meine Hände warm.«
Üben ist harte Arbeit. Das ist ähnlich wie bei Fußballern. Die spielen ja auch im Winter in kurzen Hosen und ihnen wird trotzdem nicht kalt. Ich habe in diesem Winter auch deshalb so viel geübt, weil mir am Klavier viel wärmer war, als wenn ich in meinem kalten Bett lag. Wir hatten damals nicht mal genug Geld, um ein Heizgerät für unsere Wohnung zu kaufen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Mir haben die Beethoven-Muskeln gefehlt.")
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




18 Uhr 59