
Neben den Bewegungsformen bewundern Wissenschaftler auch die zeitliche und räumliche Präzision im Spiel großer Pianisten sowie deren Fähigkeit, Gefühle in die Musik zu legen.
Das ist die Hauptsache. Die beste Technik nützt nichts, wenn man davor zurückschreckt, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich kannte Kinder, die noch länger geübt haben als ich – ein paar, nicht viele –, aber aus ihrer tollen Technik letztlich nichts machen konnten. Sie haben keinen eigenen Klang gefunden.
Erklären Sie: Wie geht das?
Das macht klassische Musik so schwierig – und einzigartig. Wenn man jung ist, hat man kaum eine Ahnung, wie man ein Stück interpretieren soll; man spielt es so, wie der Lehrer sagt. Wenn man älter wird, muss man zwischen sich und dem Stück eine Verbindung entdecken, sodass man es auf individuelle Weise interpretieren kann. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass alle älteren Stücke schon unglaublich oft gespielt worden sind. Zwischen all den großen Interpreten der Vergangenheit seinen Platz zu finden ist die Herausforderung, vor der jeder junge Pianist steht.
Auf Ihrer neuen CD spielen Sie Chopins 2. Klavierkonzert in F-Moll. Mit demselben Stück haben Sie als Dreizehnjähriger den »Tschaikowsky-Wettbewerb« gewonnen, ihr großer Durchbruch. Spielen Sie das Stück heute, mit 26, anders als mit 13?
Ich habe mir die alte Aufnahme angehört und war überrascht, wie gut mir der 2. Satz immer noch gefällt. Einige langsame Stellen sind mir gut gelungen, und ich mag die schüchterne Klangfarbe, die ich damals hatte. Das Stück handelt ja von Chopins heimlicher und unerfüllter Liebe zu einer jungen Sängerin; die Musik ist sein Liebesbrief. Ich habe damals beim »Tschaikowsky-Wettbewerb« an meine Mutter gedacht, von der ich als Kind oft getrennt war, das hat mir geholfen, das Stück zu interpretieren. Der 3. Satz ist allerdings eine Mazurka, und die habe ich damals nicht wirklich verstanden. Trotz einiger schöner Stellen ziehe ich meine Neuaufnahme der alten Einspielung vor.
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Fangen Ihre Finger automatisch an, sich zu bewegen, wenn Sie eine CD mit Klaviermusik hören? Immer! Und umgekehrt ist es genauso: Wenn ich meine Finger über diesen Couchtisch bewegen würde, als wenn er ein Klavier wäre, würde ich im Kopf den Klang der Tasten hören.
Welcher ist Ihr Lieblingsfinger?
Ich habe keinen. Jeder professionelle Musiker sollte versuchen, in allen Fingern ähnliche Fähigkeiten zu entwickeln. Die drei Ersten sind am kräftigsten. Ringfinger und kleiner Finger sind die schwächeren Brüder, die versucht man zu trainieren. Aber nicht so wie Robert Schumann! Der hat sich eine Trainingsmethode mit Gewichten ausgedacht, die nach hinten losging. Er konnte seinen Ringfinger schließlich gar nicht mehr benutzen und musste seine Karriere als Pianist aufgeben.
Können Ihre Finger komplizierte Stücke eigentlich auch ganz allein spielen, ohne bewusste Steuerung des Gehirns?
Es ist möglich, beim Musizieren an etwas anderes zu denken – aber sehr gefährlich. Denn ein wie im Koma gespieltes Stück bedeutet nichts. Man muss jede einzelne Note bewusst spielen.
Ist das bei hohem Tempo überhaupt noch machbar?
Auch dann sollte man sein Gehirn benutzen; sonst wird man zur Maschine. Der Pianist muss jede einzelne Note zum Leben erwecken; bei hohem Tempo muss man eben besonders schnell denken. Sehr selten passiert es mir allerdings tatsächlich, dass das Gehirn nicht schnell genug ist und die Finger von allein weiterspielen. Diese Jungs sind wie Kämpfer in einem Außenposten: Normalerweise führen sie nur Befehle aus, aber in besonderen Situationen können sie unabhängig agieren.
Verspielen Sie sich eigentlich ab und zu?
Sehr selten. Falsche Noten spiele ich normalerweise nicht, da bin ich ziemlich präzise.
Ich würde es wohl sowieso nicht merken, wenn Sie sich verspielen. Aber bei Ihrer Zeitung gibt es doch den Herrn Kaiser. Der merkt es ganz bestimmt.
LANG LANG wurde 1982 in Shenyang, Nordchina, geboren und begann mit drei, Klavier zu spielen. Er lernte am Konservatorium von Peking und am Curtis Institute in Philadelphia, USA. Seit seinem Durchbruch im Jahr 1999 ist er einer der erfolgreichsten Pianisten der Welt; so spielte er bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking vor einem Milliardenpublikum. Anfang November erscheinen seine Autobiografie »Musik ist meine Sprache« (Ullstein) sowie seine CD »Chopin. The Piano Concertos« (Deutsche Grammophon).
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