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bedeckt München
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aus Heft 44/2008 Gesellschaft/Leben

Unheimlich still

Barbara Nolte  Fotos: Eva Leitolf

Im Osten Deutschlands töten Mütter ihre Neugeborenen häufiger als im Westen. Über die Gründe darf öffentlich nicht diskutiert werden. Eine Spurensuche.

Hinter dieser Tür eines Mietshauses in Plauen stand eine Tiefkühltruhe, darin ein totes Baby.
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Hinter der Abzweigung nach Bernsbach wird es dunkel. Dichter Wald, durch den sich die Straße in steilen Kurven den Berg hochwindet. Die Kriminalpolizei Chemnitz hat es im Mai hier hinaufgeführt. Im Recyclinghof von Wiesa, 25 Kilometer entfernt, war ein totes Neugeborenes gefunden worden. Der Müllwagen, der es mitbrachte, kam aus Bernsbach. Ein lang gezogenes Dorf an einem kahlen Hang, ein hübsch renoviertes Rathaus in der Ortsmitte. Bürgermeister Frank Panhans hat kaum Haare, einen grauen Bart. Er sitzt unter einem Foto von Horst Köhler und einem von seiner Motorradsammlung. Die Polizei, erzählt er, habe ihn damals angerufen, wie sie es immer tut, wenn sie eine Hausdurchsuchung in Bernsbach plant. Die Gemeinde muss dann zwei Zeugen stellen. Diesmal fragte der Polizist, ob Panhans nicht persönlich vorbeikommen könne.
Und so lief er schnell die paar hundert Meter die Lauterer Straße hinunter zu den G.s, die er nicht kannte, dabei hat Bernsbach nur 4600 Einwohner.

Ein DNA-Test hatte Jenny, die 17-jährige Tochter der G.s, als Mutter des auf dem Recyclinghof gefundenen Babys identifiziert. Sie war schon abgeführt worden. Nur die Großmutter stand in der Tür, neben zwei Kommissaren und den Männern von der Spurensicherung. »Das war so ein liebevoll eingerichtetes Haus«, sagt Panhans gleich mehrfach, und er klingt zugleich verwundert und traurig.

Die Nachbarn hätten die Spurensicherer mit ihren Overalls und dem Mundschutz für Kammerjäger gehalten. Ein anderer Gedanke sei bei einer »intakten Familie« wie den G.s nicht möglich gewesen.

Der Bürgermeister will die G.s in Schutz nehmen, führt dabei eine Erklärung an, die bei Kindstötungen stets angeführt wird, selbst wenn sie neunmal hintereinander passieren wie bei den in Blumenkübeln vergrabenen Babys in Frankfurt an der Oder: C

Kindstötungen ereignen sich immer unerwartet. Würde sie jemand erwarten, bräuchte er ja nur die werdende Mutter dazu zu bringen, ihre Schwangerschaft einzugestehen. Das Kind wäre gerettet. Vielleicht ist das schon die einzige Regel, die sich aufstellen lässt für die Taten, die heute so unerklärlich sind. Früher waren Neugeborenentötungen die einzig sichere Methode der Familienplanung, bei den Römern deshalb straffrei.

Doch längst sind Abtreibungen erlaubt, es gibt die Pille und sogar Babyklappen. Trotzdem töten Mütter ihre Säuglinge, ungefähr zwanzig in jedem Jahr. Geschieht es aus tiefster Verzweiflung oder Gefühlskälte? Es gibt nur diese beiden polarisierenden Deutungen, nichts dazwischen.

Manchmal häufen sich die Fälle, wie im Februar in Brandenburg, als binnen zwei Wochen drei tote Babys gefunden wurden. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer brachte die Taten mit dem liberalen Abtreibungsrecht in der DDR in Verbindung – und traf die Empfindlichkeit der Ostdeutschen. Er entschuldigte sich.
Die Rücktrittsforderung war kaum verhallt, da wurde eine Babyleiche im sächsischen Elsterberg entdeckt und zwei Tage später Jenny G.s Kind in Wiesa.

Tatsächlich gibt es ein seltsames Ost-West-Gefälle: In den neuen Ländern werden Neugeborene mindestens doppelt so häufig getötet wie in den alten. Allein in Sachsen ermittelte die Polizei in den vergangenen zwölf Monaten in acht Fällen. Deshalb sind wir aufgebrochen nach Sachsen, um nach Gründen zu suchen – und in dieser Amtsstube im Erzgebirge gelandet mit ihren Akten und staubigen Wimpeln. Gegenüber von diesem netten, ratlosen Bürgermeister, den die hohe Zahl der Kindstötungen erstaunt, der sich noch nicht mal den Fall vor seiner Haustür erklären kann. »Irgendein Problem muss es gegeben haben«, sagt er schließlich. »Sonst wäre das ja nicht passiert.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Deshalb drückten die Mütter ihre Hand auf Mund und Nase, bis es still ist.)
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