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aus Heft 50/2008 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."

Seite 2

Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview) 



Ist Kulturpessimismus eigentlich nur geistesfaul oder auch langweilig? Ich bin nicht einer von denen, die ständig behaupten: Da hört etwas auf. Ich bin sehr gegen Kulturpessimismus. Das Lebendige ist Gott sei Dank unvorhersehbar.

Welche Rolle spielt dabei das Alter? Das Alter macht melancholisch. Artur Rubinstein etwa, sicherlich der größte Pianist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Claudio Arrau und Vladimir Horowitz, war ein unglaublich witziger Kerl, der aber auch seine tristen Momente hatte. Einmal sagte er zu mir: »Wissen Sie, Herr Kaiser« – da war er vielleicht 88 oder 89 –, »ich habe keinen Gesprächspartner, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie ich, alle Menschen, mit denen ich mich unterhalte, könnten meine Kinder oder Enkel sein.« Und irgendein kluger Mann hat einmal gesagt: »Es ist ein außerordentlich wichtiges Recht jedes Künstlers, von seinesgleichen beurteilt zu werden.« Ich antwortete damals: »Ach, Herr Rubinstein, wie können Sie so reden? Wir lieben Sie alle so sehr und bewundern Sie. Sie können doch nicht sagen, dass Sie einsam sind.« Jetzt verstehe ich sehr gut, was er damit meinte.
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Sie fühlen sich einsam? Sie können sich, wahrscheinlich erfolglos, selbst mit neunzig noch Hals über Kopf verlieben. Freundschaft aber ist ein menschliches Glück, das sehr viel Zeit braucht. Man muss miteinander verdammt viele Scheffel Salz gegessen haben, man muss Erfahrungen gemacht haben, man muss sich auch mal gestritten haben, man muss ein bisschen aneinander gelitten haben, man muss voneinander gelernt haben. Das macht Freundschaft aus.

Haben Sie Talent zur Freundschaft? Ich befreunde mich eigentlich nur mit Menschen, die künstlerisch, ästhetisch, musikalisch oder als bildende Künstler etwas zu sagen haben. Wenn das der Fall ist, verehre ich sie.

Sind Feinde spannender als Freunde?
Ich bin seit relativ jungen Jahren eine Figur des öffentlichen Lebens, ich war eine Art Wunderkind. Ich könnte jetzt Bescheidenheit heucheln, aber das war halt so. Natürlich habe ich für meine Bücher manche schlechte Kritiken bekommen, sicherlich haben sich manche Theaterleute oder Autoren, denen ich geschadet habe, sehr über mich geärgert. Aber alles in allem haben die Leute sich doch gehütet, sich mit einem, wie sie meinten, mächtigen Publizisten nachdrücklich zu verfeinden.

Sie waren umgeben von Feigheit. Wenn Sie wissen wollen, wie Feigheit funktioniert, erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Ich war bei Friedrich Sieburg eingeladen, der ein berühmter Publizist war und Paris-Korres-pondent der Frankfurter Zeitung. Während des Zweiten Weltkriegs war er in Paris Repräsentant der deutschen Kultur, also der Nazi-Kultur. Als wir über Cocteau und Picasso und die Zeit damals sprachen, sagte Sieburg einmal zu mir: »Herr Kaiser, ich war damals so berühmt, dass ich es ablehnen konnte, zu Hitlers 50. Geburtstag die Würdigungen zu schreiben. Das machte dann der arme Maxim Fackler. Der musste.« Fackler arbeitete später in der Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung, ein wirklich reizender älterer Herr.


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