Gesellschaft/Leben | Heft 50/2008
"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."
Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview)

Was sagt Ihnen das Wort »Weltekel«? Es ist sehr schwer, an eine positive oder gar gütige Ordnung der Welt zu glauben, wenn man erkennt, dass das gesamte Tierreich aus Fressen und Gefressenwerden besteht. Und wenn man sich vor Augen halten muss, dass es eigentlich eine beklemmende Konstruktion ist, wie ein doch wohl liebevoller und alles in allem die Menschen mit guten Vorsätzen geschaffen habender Vater oder Schöpfer seinen eigenen Sohn zu einem Martertod scheußlichster Art verurteilen muss, nur damit die Menschen weiter an ihn glauben.
Das Alter hat Sie aber nicht gläubig gemacht? Wie ich argumentiere, wie ich schreibe, das hat viel mit dem protestantischen Pfarrhaus zu tun. Meine Mutter war ja Pfarrerstochter. Aber es tut mir leid, ich werde auf meine alten Tage sicher nicht weiser und auch eigentlich nicht frömmer und nicht religiöser. Mir bleibt nur eine gewisse Kantische Verzagtheit: Da sind lauter Sachen, die mit unserem Verstand nicht zu lösen sind. Die religiösen Fragen kann einem niemand verbieten – aber die Antworten gehen doch weit hinaus über die Möglichkeiten dessen, was der Kant in seiner »Kritik der reinen Vernunft« definiert hat.
Daraus folgt Ergebenheit? Das kommt vielleicht noch. Ehrlich gesagt, es kränkt mich ein bisschen, dass ich älter werde. Ich kann mich immer noch nicht fügen. Ich weiß es schon. Ich weiß schon, was die Geschöpflichkeit ist und dass der Mensch älter wird. Mir fällt dabei Erich Kästner ein, damals Chef der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ein oder zwei Tage vorher war ein hoch geehrtes Mitglied gestorben und Kästner musste den Nachruf halten, was er auch sehr kurz tat. Dann machte er eine kleine Pause und fügte hinzu: »Der hat gesagt: ›Dass ich sterben muss, weiß ich, aber ich glaube nicht daran.‹ Nun hat er dran glauben müssen.« Wir lachten natürlich alle, und Kästner war ganz erschrocken, weil er den Doppelsinn nicht verstand. Der wusste gar nicht, dass er auf Kosten des Toten einen Witz gemacht hatte.
Bitte. Ich bin ja 1928 geboren, ich wurde also in der Nazizeit groß. Ich hatte eine behütete Kindheit in einer kleinen deutschen Provinzstadt. Mein Vater verdiente sehr gut. Er war ein beliebter Arzt. Wir hatten zwei Autos. Wir hatten, was es heute gar nicht mehr gibt, massenhaft Dienstmädchen, die mir die Schuhe zumachten. Das war ganz schön. Mein Vater war ziemlich musisch, er machte viel Kammermusik in unserem Haus in Tilsit, ich lernte damals Leute kennen wie die Pianisten Wilhelm Kempff oder Edwin Fischer. Ich musste auch nicht zur Hitlerjugend, weil mein Vater dem jungen Kollegen, der mich untersuchte, nur sagte: »Mir wäre es lieb, wenn Sie meinen Sohn nicht brauchen.« Und der schrieb mich einfach krank. Einen Satz dieses jungen Arztes werde ich dabei nie vergessen: »Wenn dich doch jemand zum Dienst zwingen will, dann nenne mir den Namen, dann wird er bestraft.«
Sie waren privilegiert. Und fing doch an, unter der fanatischen Sprachregelung, die damals herrschte, zu leiden. Mir passte das nicht. Die Leute mussten ja alle öffentlich reden wie fleischgewordene Fahnensprüche. Man durfte nicht skeptisch sein, man durfte nicht defätistisch sein, man hatte sich gefälligst mit Freude dem Hitler und seinen Plänen zur Verfügung zu stellen. Ich merkte, dass ich mich dagegen wehren musste – und da habe ich die Literatur entdeckt. Mein Vater hatte viel von Thomas Mann im Schrank und sagte, na ja, der Zauberberg sei wohl noch nichts für mich. Es gibt kaum einen Satz, der einen intelligenten Jungen mehr dazu animiert, etwas zu lesen! Und so las ich mit elf Jahren den Menschenfeind von Molière, später den Zauberberg von Thomas Mann und kam so zur Ironie, die mir Argumente und auch Haltungen lieferte, um mich gegen eine fanatisierte öffentliche Gestimmtheit zu wehren. Ich erinnere mich zum Beispiel an den schrecklichen Königsberger Gauleiter, der aus Wuppertal kam, und mit einem älteren Gerichtspräsidenten zu tun hatte, so einem skeptischen Ostpreußen. Der Gauleiter sagte zu ihm: »Herr Präsident, wir leben in einer großen Zeit.« Da antwortete der Gerichtspräsident: »Eine kleinere wäre mir lieber.«
Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Nach dem Tod meiner Frau haben viele Menschen zu mir gesagt, Jochen, du hast doch die Musik, die große Kunst, das ist doch eine Art von Trost."
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