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aus Heft 50/2008 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."

Seite 7

Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview) 



Eine euphorisierende Untergangsenergie? So zynisch es klingen mag, es war eigentlich ein großes Glück, dass das Stauffenberg-Attentat gescheitert ist. Denn in der totalen Niederlage steckte eine enorme Kraft. Es hat wohl noch nie eine Nation so verloren und ist so mit den eigenen Mitteln geschlagen worden wie die Deutschen. Münchens Innenstadt zu 90 Prozent kaputt, Hamburg, Essen, Berlin. Diese flächendeckende Zerstörung hat man mit einem gewissen Recht als Strafe dafür empfunden, vielleicht unbewusst, was im Namen Deutschlands nicht nur den Juden, sondern Russen, Engländern, Polen und so vielen mehr angetan wurde. Das hat man verinnerlicht. Man hat gesagt, ja, das haben wir verdient, und jetzt fangen wir wieder an.

Eine ganz andere Bedeutung von Befreiung: Befreiung von sich selbst. Man konnte nicht mehr sagen: Die deutschen Soldaten sind die besseren, »im Felde unbesiegt«. Man konnte nun sagen: Ohne mich. Ja, wir waren frei, weil wir alles verloren hatten. Jetzt schauten wir nach vorn. Die Angst war vorbei. Nun kam der Rausch des Anfangs.
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Die berühmte, die widersprüchliche Stunde Null? Das hat schon vorher angefangen. 1945 sind keine Ideale mehr zusammengebrochen. Es kann keinen halbwegs intelligenten Menschen gegeben haben, der so ahnungslos war, dass er nicht spätestens nach Stalingrad 1943 anfing, ans Ende zu denken. Das ist auch der Zwist, den ich mit meinem Freund Günter Grass habe, der äußerte, er habe erst 1945 bei den Nürnberger Prozessen erkannt, dass Hitler kein feiner Mann war und die Nazis doch irgendwie Dreck am Stecken hatten. Stalingrad ist der eigentliche Einschnitt gewesen. Da wurde mir klar, dass der Krieg verloren ist. Die Existenz danach war wie ein dunkler Tunnel und die einzige Frage: Wie kommst du hier jemals raus?

Und als Sie aus dem Tunnel lebend herauskamen, wollten Sie nicht mehr zurückschauen? Wie ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung. Wir hatten das Bewusstsein, dieses Schicksal verdient zu haben, und fühlten, dass es lähmend sein kann, allzu viel über so etwas wie Schuld nachzudenken.

Die Beglaubigung der Schuld in den Ruinen befreite von der Zeit davor. Ja, ein wenig.

Forsch nach vorn – aus diesem Geist entstand auch die Gruppe 47. Viele Emigranten aus der Weimarer Zeit fühlten sich ausgeschlossen, durch eine gewisse jugendliche Kühlheit. Die Gruppe 47, das waren geschlagene deutsche Wehrmachtsangehörige, die sagten, die Nazis haben die Sprache und die Literatur kaputt gemacht, wir fangen jetzt neu an. Und alles, was vorher war, das hat mit uns nichts mehr zu tun. Das hat im Einzelnen zu großen Kränkungen geführt.

Es gibt den Vorwurf, die Gruppe 47 sei antisemitisch gewesen. Das kann schon deshalb nicht sein, weil Wolfgang Hildesheimer und Erich Fried dabei waren. Und mein Freund Guggenheimer. Doch natürlich haben sich jüdische Literaten wie Hans Habe oder Robert Neumann gekränkt gefragt, warum sie nicht eingeladen wurden. »Herr Habe«, habe ich ihm in einem kilometerlangen Brief geantwortet, »die Gruppe 47 lädt auch die berühmten älteren nicht jüdischen Deutschen keineswegs ein, den Manfred Hausmann nicht und den Ernst Wiechert nicht und den Ernst Jünger schon gar nicht. Sie lädt ja auch Max Frisch nicht ein. Da treffen sich junge geschlagene deutsche Schriftsteller.«


Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Auch wenn man bei uns dreißig Jahre lang darüber diskutiert, ob Ladenschlussgesetz ja oder nein, dann scheint das doch objektiv schwachsinnig. Dafür ist mir mein Leben zu schade."

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