
Fragt man Vereinsbosse aus Europa nach Menschen wie Figer oder Sonda, dreht sich ihnen der Magen um. »Dass Menschen, die dir einen Spieler anbieten und dich über den Tisch ziehen, für diese Leistung noch eine Riesen-Provision kassieren, ist einfach pervers«, sagt HSV-Boss Hoffmann und weiß, das seine Klage zu nichts führen wird. »So ist das System.« Er will in Zukunft die Finanzierungsmodelle der Brasilianer sogar kopieren und in der Bundesliga einführen. Investoren sollen sich an einem Fonds beteiligen können, der Spieler kauft und durch die Verkaufserlöse Gewinne macht. Das hat ihm schon viel Spott bei den Fans eingebracht. Die Foren im Internet laufen heiß bei dem Thema. Einige wollen Ohrläppchen der Spieler haben, andere nur die Frisur kaufen. Hoffmann denkt auch darüber nach, eine Repräsentanz in Brasilien aufzumachen, um in Zukunft eben nicht mehr neun Millionen an eine Supermarktkette überweisen zu müssen, sondern vielleicht nur zwei Millionen an einen Provinzverein, der ein Talent im Angebot hat.
Thiago Neves kann das egal sein. Er sagt, er rechnet damit, zehn Jahre in Europa zu bleiben. Er sei im Übrigen immer Herr der Lage, und ohne seine Unterschrift laufe sowieso nichts. Er fühle sich auch nicht als Sklave. »Als ich damals nach Japan verkauft wurde, da haben mir meine Berater gesagt, ich solle das machen, das sei gut für mich. Vielleicht war die Zeit aber nicht gut für mich.« Es sei jedoch noch mal gut ausgegangen. Vielleicht auch, weil er immer sehr viel bete. »Mein Rat an junge Spieler ist: Niemals aufgeben und täglich Gott danken. Dann klappt schon alles.« Auf die Frage, was denn die größte Umstellung in Europa sei, sagt er: »Der Rasen ist immer nass.« Und man müsse ganz schön oft hochspringen: »Die Europäer lieben Kopfbälle.«
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Seinen Traum vom Fußball lebt Thiago Neves derzeit aber nicht auf dem Rasen, den lebt er in seiner neuen Wohnung, auf der Sony Playstation. Dort ist die Welt perfekt. Es gibt keine Spielervermittler, die Millionen für einen 19-Jährigen verlangen, und keine Trainer, die einen über Monate hinweg nicht aufstellen, obwohl man gut in Form ist. Und man wird nicht genau in dem Moment weiterverkauft, wenn man endlich die Sprache gelernt hat. In seiner Computerspiel-Mannschaft spielt Neves für Manchester United. Ganz viele Freunde aus seiner Jugend auf den staubigen Plätzen von Curitiba hat er dort im Team.
»Wir spielen flach und schnell und lachen viel dabei.« Und das vor 78000 Zuschauern im ausverkauften Stadion. In der perfekten Welt der Playstation trägt Neves die Nummer zehn und ist Torschützenkönig der englischen Liga. In der realen Welt sitzt er oft auf einer Bank und schaut den anderen beim Siegen zu. Dann denkt er über seinen Aktienwert nach. Wer nicht spielt, weiß er, ist ein Totalverlust.
Thiago Neves gehört zu den mehr als 5000 brasilianischen Spielern, die mittlerweile im Ausland Profis sind. Spielt er gut, steigt seine Aktie, spielt er schlecht, sinkt sie, spielt er gar nicht, droht Totalverlust. Neves weiß das. Er sagt: »Ich habe mich daran gewöhnt, eine Handelsware zu sein.«
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