Eigentümlich ist, dass sich diese Kosenamen ständig in Bewegung befinden, dass rund um den Wortstamm immer wieder neue Endungen, neue Varianten ersonnen werden. Jonathan hat für den Namen Kassandra mittlerweile bestimmt dreißig oder vierzig Abwandlungen gefunden, die er ihr in einem Brief auch einmal alle auflistete. Eine Arbeitskollegin von Kassandra hat für ihren durchtrainierten Freund am Anfang den Kosenamen »Mucki« benutzt; daraus wurde im Lauf der Jahre erst »Muckiducki«, dann, nach einem Frankreich-Urlaub, »Le Muc«; jetzt ist sie bei »Herr Mucken-thaler« angelangt. Ein Bekannter von Jonathan wiederum hat ihm mal gestanden, dass er und seine Freundin sich gegenseitig mit »Babyfuchs«, »Fuchsenbaby« und tatsächlich sogar »Babyzwergenfuchs« anreden; Mails und SMS-Nachrichten unterschreiben sie mit »Bfx«.
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Der Grund, warum diese Fülle existiert, warum die vielen Kosenamen ihrerseits noch einmal unablässig variiert werden, hat vielleicht damit zu tun, dass man den wirklichen Namen des Geliebten zunehmend wie etwas Heiliges bewahrt, dass es eine Scheu vor dem Aussprechen des Namens gibt, so als würde man die Liebesbeziehung durch dessen Erwähnung entweihen. Die wenigen Gelegenheiten, in denen der wirkliche Name noch fällt, sind dagegen feierlichen Ritualen vorbehalten: dem Einritzen einer Liebesbotschaft in einen Baumstamm, dem Eingravieren des Namens auf dem Verlobungsring, dem Jawort in der Kirche.
Der Privatcode jedes Liebespaars ist sehr stark ausgeprägt – man muss nur einmal eine SMS oder eine Mail an die eigene Freundin oder den eigenen Freund lesen und sich vorstellen, was für einen Dritten noch verständlich wäre in dieser Aneinanderreihung von Kosenamen und Geheimzeichen. Der Sinn der Worte erschließt sich nur für Adressat und Empfänger; ihr Gebrauch verdankt sich einem gemeinsamen Erlebnis, einem Versprecher oder auch nur einer Laune des T9-Programms im Handy. (Jonathan wollte in einer der ersten SMS-Nachrichten an Kassandra »Küsse« schreiben, und das Programm zeigte »Kurse« an; seitdem ist »Viele Kurse« ihre Grußformel unter fast jeder SMS).
Ernst Leisi hat die Aufgaben dieser Privatsprache in seinem Buch untersucht. Sein Hauptargument ist, dass der Code, in den kein Dritter eingeweiht werden darf, die Vertrautheit eines Paares stärkt, seine Verschworenheit gegenüber dem Rest der Welt. Die einzigartige Verbindung, in der man zu dem Menschen steht, äußert sich in einem Vokabu-lar, das allen anderen unzugänglich bleibt.
Worüber aber auch Leisi nichts sagt, ist der Umstand, dass dieser Privatcode so häufig ins Infantile kippt. Kassandra, die in ihrem Arbeitsumfeld als besonders hart und kompromisslos gilt, die ihre Vorträge in geschliffener Diktion hält und auch in den anschließenden Diskussionen mittlerweile eine souveräne Rhetorik entwickelt hat – mit Jonathan spricht sie unverzüglich eine halbe Tonlage höher und hört sich wie ein hilfsbedürftiges Tierchen an, das aus dem Nest gefallen ist.
Was würde ihr ausgestochener Konkurrent in der letzten Präsentation denken, wenn er wüsste, dass die so toughe Kassandra sich zu Hause gerade mit den letzten Vorbereitungen zu ihrem »Kassilein-und-Urmelchen-Tag« befindet, wie sie und Jonathan den Jahrestag ihres Zusammenkommens von jeher getauft haben? Was würde ihre oft grußlos empfangene Assistentin dazu sagen, dass eines der wichtigsten Liebesrituale mit Jonathan darin besteht, sich bei jeder Gelegenheit – wenn sie am Frühstückstisch Zeitung lesen, wenn sie die Wohnung aufräumen, wenn sie abends vor dem Fernseher sitzen – »Grüß Gott« zuzukieksen, auch wenn keiner von beiden in den vergangenen 24 Stunden das Haus verlassen hat? Es verwundert nicht, dass Wendy Langford diese Kehrseite auch der weltläufigsten Liebes-beziehungen in ihrem Aufsatz »an underground relationship« nennt.
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