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aus Heft 17/2007 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare

Wir müssen reden - und zwar richtig!

Seite 4

Von Andreas Bernard (Text); Peter Langer (Foto) 




Wenn man sich aber fragt, warum diese Untergrundkultur von so vielen Paaren praktiziert wird, dann muss man bedenken, dass es eben nicht nur um eine Nachlässigkeit der gemeinsamen Sprache geht; Babytalk ist eine der beliebtesten Ausprägungen jenes Privatcodes, von dem Ernst Leisi ja sagt, dass seine Herausbildung sogar als Bedingung einer glücklichen Liebesbeziehung aufzufassen sei. Der Grund für das Umschlagen ins Infantile liegt vielleicht am ehesten darin, dass Sprache auf diesem Weg ihre Funktion verändert: vom Mitteilungscharakter, von der Abbildung der Welt hin zur bloßen Artikulation von Wohlgefühl.
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Babytalk steht häufig näher am Laut als am Sinn und ähnelt damit jenen Äußerungen zwischen Liebenden, die gar nichts mehr mit Sprache zu tun haben: all dem Säuseln, Murmeln, Wispern, das Wohlbefinden bekunden soll. Mittels Babytalk wird dieser Zustand der Glückseligkeit gewissermaßen in den Bereich der Buchstabensprache hinübergerettet; für die Selbstgenügsamkeit von Liebespaaren, ihren latenten Autismus, ist diese Entäußerung von Sprache die passende Ausdrucksform.

Letztendlich verwischt Babytalk die Grenzen zwischen den beiden Menschen und markiert das ersehnte Zurückfallen in die sprachlose Geborgenheit der Mutter-Kind-Einheit. (Gerade deshalb macht er auch allen Elementen der Liebesbeziehung ein Ende, die nach einem letzten Rest an Abstand, vielleicht sogar an Fremdheit zwischen zwei erwachsenen Menschen verlangen, vor allem natürlich Sex.)

Babytalk ist aber nicht nur ein schwer zu unterdrückender Effekt langjähriger Nähe; umgekehrt ist das Ende einer Beziehung immer auch gleichbedeutend damit, dass diese Sprache von nun an tabu ist. Sich-Trennen heißt, den Privatcode augenblicklich zu löschen, wieder wie alle anderen miteinander zu reden, und es gehört zu den größten Übertretungen eines ehemaligen Freundes oder einer ehemaligen Freundin, bei einem Wiedersehen oder in einer SMS die alten Kosenamen zu benutzen, in alter Vertrautheit auf ein bestimmtes Geheimwort zurückzugreifen. Vor allem wenn einer der beiden noch nicht ganz über die Trennung hinweg ist, kann ein solches Losungswort des jahrelangen Glücks den schon überwunden geglaubten Schmerz mit einem Schlag zurückbringen. Ein Gesicht verblasst, genauso die Erinnerung an Berührungen; in der gemeinsamen Sprache aber – und sei sie eine Ansammlung infantiler Wendungen – liegt vielleicht die tiefste und dauerhafteste Verbindung, die ein Paar miteinander eingeht.

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