
Susan Quilliam ist eine der bekanntesten englischen Sex-Expertinnen.
Was heute an der Original-Version von The Joy of Sex überrascht, ist die positive Meinung, die Alex Comfort über Pornografie hatte. Für ihn war es eine Form der sexuellen Fortbildung, gut gemachte Pornografie anzuschauen. Menschen beim Sex zu zeigen galt damals außerdem als Aufbegehren gegen eine repressive Moral.
Inzwischen ist es kaum mehr vorstellbar, dass Pornos einmal als etwas Progressives galten. In den Siebzigern umgab diese Dinge eine Unschuld, die schon lange verloren ist. Damals glaubten viele, alles sei erlaubt: Man könne mit jedem oder jeder schlafen, ohne emotional verletzt zu werden; man könne mit Hunderten von Partnern ins Bett gehen, ohne je eine Geschlechtskrankheit zu bekommen. Wer all das nicht tat, stand schnell im Verdacht, verklemmt zu sein. Wir wissen heute, dass es im Gegenteil besonders reif ist, die Sexualität ernst zu nehmen und sich auch der Probleme bewusst zu sein, die Sex mit sich bringen kann.
Steigt mit zunehmender Freiheit auch der sexuelle Leistungsdruck? Ja, das ist ein großes Problem. Früher war es normal für eine Frau, in ihrem Leben nur einen einzigen Partner zu haben. Heute möchte jeder ein aufregendes Sexleben mit vielen Partnern und jeder Menge Spaß am Sex, so wie in den Medien, wo die Leute die ganze Nacht lang die wunderbarsten Orgasmen bekommen. Dieser Druck führt zu viel Frust und Unzufriedenheit. Ich habe in einer englischen Zeitschrift eine Ratgeber-Kolumne und bekomme viele Briefe von Leuten, deren sexuelle Probleme damit zu tun haben, dass ihr Sexleben nicht den von Medien und Pornofilmen geweckten Erwartungen entspricht.
Was ist Ihr Rat? Die Einzelfälle können sehr unterschiedlich sein, aber generell versichere ich den Leuten, dass es völlig normal ist, nicht Tausende von Partnern zu haben oder sieben Mal Sex pro Nacht. Die Sexualisierung der Gesellschaft beeinflusst auch unser Schönheitsideal. Seit Alex Comforts Zeiten hat der Druck, mit seinem Aussehen einem Ideal zu entsprechen, immens zugenommen. Wir sind heute gefangen in einer Kultur der Jugend und Schönheit. Es geht darum, dünner zu sein, größere Brüste und weniger Falten zu haben. Eine fatale Entwicklung, die nicht nur zum Boom der Schönheitschirurgie geführt hat, sondern auch zu einem dramatischen Anstieg der Essstörungen, bei Männern, Frauen und Kindern. Wir müssen den Menschen wieder beibringen, sich in ihrer eigenen Haut wohl zu fühlen.
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Der neueste Trend: Schönheitsoperationen an der Vagina und den Schamlippen. Oh ja – fürchterlich!Im Buch ziehen Sie eine Parallele zur Genitalverstümmelung in Afrika. Das kann man nicht wirklich vergleichen; ich kritisiere eben beides. Sich aus kosmetischen Gründen an den Schamlippen oder an der Vagina operieren zu lassen ist nicht klug; es hat etwas von freiwilliger Verstümmelung.
Warum rasieren sich heute so viele Frauen – und auch zahlreiche Männer – die Schamhaare ab? Zum einen ist es hygienischer, sich zu rasieren. Dadurch vermeidet man Filzläuse oder Infektionen. Wichtiger ist meines Erachtens aber der Wert, den jugendliches Aussehen in unserer Gesellschaft hat. Ein glatter, haarloser Körper wirkt jugendlicher als ein behaarter, deshalb rasieren sich die Leute – besonders übrigens in Deutschland und Holland, dort sind die Prozentanteile sehr hoch. Alex Comfort wäre darüber bestimmt erschüttert, er war nämlich ein großer Verfechter des natürlichen Looks. Er fand, dass Frauen nicht mal ihre Achselhöhlen rasieren sollten, vom Schamhaar ganz zu schweigen.
Sind Sie trotz aller Probleme optimistisch für die Zukunft unserer Sexualität? Ja, vor allem weil heute so viele gute, zuverlässige Informationen verfügbar sind. Bei einer Studie, die ich kürzlich unter europäischen Frauen durchgeführt habe, kam heraus, dass klare Werte zur Sexualität weit verbreitet zu sein scheinen: Sex ist etwas Gutes, Natürliches, mit dem man sorgfältig umgehen sollte, und Sex macht man am besten mit jemandem, den man mag. Unser Umgang mit Sex, davon bin ich überzeugt, ist generell reifer geworden.
Kann Sex je wieder so eine politische Dimension haben wie in den Siebzigern? Heute geht es nicht mehr darum, eine freiere Sexualmoral zu erkämpfen, aber Sex ist natürlich weiterhin politisch. Die beiden wichtigsten Debatten drehen sich um die komplette Akzeptanz von Homosexualität, die noch immer nicht erreicht wurde, und um Fruchtbarkeit. Der ethische Rahmen der künstlichen Befruchtung wird gerade intensiv diskutiert. Das wird uns noch lange beschäftigen.
Verraten Sie uns zum Schluss bitte noch Ihr Lieblingskapitel in The New Joy of Sex. Vom professionellen Standpunkt gefallen mir die Kapitel am besten, die ich stark überarbeitet habe. Persönlich mag ich aber ein ganz kurzes namens »The Venus Butterfly« am liebsten. Da geht es um eine Sextechnik, bei der gleichzeitig Vagina, Klitoris und Anus einer Frau stimuliert werden. Ich empfehle jeder Frau, diese Technik einmal auszuprobieren! Die ist ganz erstaunlich!
Susan Quilliam geboren 1950, ist eine der bekanntesten englischen Sex-Expertinnen. Sie hat 19 Bücher geschrieben und zuletzt Alex Comforts Klassiker "The Joy of Sex" komplett überarbeitet. Die deutsche Übersetzung von "The New Joy of Sex" erscheint im Lauf des Jahres im Südwest-Verlag.
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