Anzeige

aus Heft 03/2009 Frauen 4 Kommentare

Auf der Straße

Seite 4

Von Christine Zerwes  Fotos: Stephanie Fuessenich und Urban Zintel



Carolin Mändler in der Maximilianstraße. Die Zeiten, in denen sie hier einkaufte, sind lange her.
Neun Monate später wird Gertrud Hofmaier aus der Psychiatrie entlassen und will keinen Menschen mehr sehen. Sie klettert auf einen Jäger-Hochsitz in der Nähe von Freising. Hier hat sie ihre Ruhe, hier bleibt sie – eineinhalb Jahre lang.

Nachts rollt sich Gertrud Hofmaier in einen Schlafsack auf dem Hochsitz, tagsüber durchwühlt sie Mülleimer nach Essen. Die ersten Tage weint sie noch, vor Scham, vor Hunger. Ihre Hand steckt sie nur in die Abfälle, wenn keiner in der Nähe ist. Sie wäscht sich in öffentlichen Toiletten. »Keiner soll sehen oder riechen, dass ich eine Pennerin bin«, sagt sie sich.
Anzeige
Irgendwann fischt sie Zeitungen aus dem Müll und liest Stellenanzeigen. Nach eineinhalb Jahren Obdachlosigkeit findet sie einen Job als Laborhilfe an der TU Weihenstephan. Gertrud Hofmaier zieht in ein kleines Apartment in Freising, meldet sich nach all der Zeit wieder bei ihrer Mutter und kümmert sich um die alte Frau, bis diese im Sommer 2007 in einem Heim stirbt.

Nun kehren die Depressionen zurück. Gertrud Hofmaier muss aufhören zu arbeiten, braucht eine billigere Wohnung. Sie findet keine, sie muss von 628 Euro Rente im Monat leben. Günstige Wohnungen für Alleinstehende sind rar. Wohnungen, die den Kommunen gehören, werden oftmals an private Vermieter verkauft, und die wandeln sie nicht in Sozialwohnungen um.

Weil sie nicht weiß, wohin, als sie die Wohnung verliert, schläft Gertrud Hofmaier hinterm Grabstein ihrer Mutter auf dem Waldfriedhof in Freising, dann richtet sie sich mit einer Decke und ihrem Koffer auf einem offenen Anhänger ein, der zwischen den Gräbern steht. Morgens wäscht sie sich in der Friedhofstoilette. Als eine alte Bekann-te sie entdeckt, begleitet sie Gertrud Hofmaier zum Sozialamt, das sie an die Notunterkunft »Karla 51« vermittelt. Dort zahlt sie für ihr Zimmer 190 Euro Miete im Monat.

Wenn es regnet, setzt sie sich in den U-Bahnhof am Königsplatz und hört der klassischen Musik aus den Lautsprechern zu. Regnet es nicht, fährt sie nach Freising zum Grab ihrer Mutter. Mehr Familie hat sie nicht. Ihren Sohn hat sie in den letzten Jahren kaum gesehen. Auf Gertrud Hofmaiers letzten Brief hat er geantwortet: »Meine Kinder und ich wollen nichts mit dir zu tun haben.«

Auf dem Holzkreuz am Grab der Mutter hat Gertrud Hofmaier einen Zettel befestigt und in geschwungener Mädchenschrift darauf geschrieben: »Und es ist der Raum des Schweigens, in dem Gott selbst in mir wohnt, dort bin ich wahrhaft frei, dort hat keiner Macht über mich. Dort kann mich nie jemand verletzen.«

Carolin Mändler wohnt noch im Frauenobdachlosenheim. Sie versucht ihr Leben neu zu ordnen und über die Trennung von ihrem Freund hinwegzukommen. Aus Angst vor seiner Wut hat sie ihre Handynummer gewechselt.

Erika Brenner wohnt noch im Hamburger »FrauenZimmer«. Sie sucht einen Job, den sie trotz des Rückenleidens ausüben kann. Sie hat nicht wieder angefangen zu trinken. Ihre Betreuerinnen sagen, sie habe gute Chancen, es diesmal zu schaffen.

Gertrud Hofmaier hat eine neue Wohnung in München gefunden. Sie fährt nach wie vor jeden Tag zum Grab der Mutter auf dem Waldfriedhof in ihrer alten Heimat Freising.

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Joe Bergmann (0) Hallo , lieber Herr Wolfgang, A. Gogolin!

    Ich glaube, Sie bewerten etwas falsch. Das hat nichts mit Sexismus zu tun! Männern wird, wie mir bekannt, dieselbe Hilfe angeboten, wie den Frauen. Nur: Stellen Sie sich einmal eine Frau vor, die vielleicht noch Kinder geboren hat, ihr Leben lang hart gearbeitet hat und dann durch Scheidung/Trennung in solch eine Lage geraten ist. Hier wurde lediglich ein Beispiel dessen gegeben, dass es eben auch intelligente Frauen gibt, die so erbärmlich enden. Zur Rolle der Frau als solche, möchte ich sagen, dass so viele Frauen tatsächlich von Männern mißbraucht, zur Prostitution gezwungen u.ä. werden, dass man sie tatsächlich als schwaches Geschlecht bewerten kann. Männer gehen oftmals sehr brutal und hemmungslos mit einer Frau um. Es gibt viele davon- leider. Aber als sexistisch würde ich das an Ihrer Stelle nicht bewerten. Oder kennen Sie einen Mann, der vor seiner prügelnden Frau ins Obdachlosenheim geflohen ist? LG J.B.
  • Wolfgang Gogolin (0) Mir ist nicht ganz klar, weshalb in diesem Artikel so sehr obdachlose Frauen in den Mittelpunkt gestellt werden, denn Obdachlose sind in erster Linie - männlich. Zudem gibt es seit Jahren erheblich mehr und auch viel bessere Hilfsangebote für obdachlose Frauen als für Männer. Einzelzimmer für wohnungslose Männer werden höchst selten angeboten. Soll vielleicht angedeutet werden, dass Männer an ihrem Schicksal selbst schuld seien und daher keine Hilfe verdienen?
    Der durchaus sexistische Hinweis, Frauen 'fliehen vor ihren Vätern oder Männern, die sie schlagen und missbrauchen' unterschlägt zum einen die Eigenverantwortung von Frauen und zum andern die Existenz des Gewaltschutzgesetzes.

    Wolfgang A. Gogolin
  • Joe Bergmann (0) Deutsche Winter
    ... scheinen immer kälter zu werden, wie es scheint. Frauen- nicht nur auf der Straße, sondern auch mißbraucht und gedemütigt. Ich denke an mein Buch, welches ich derzeit schreibe und Schritt für Schritt in eine andere Welt versinke. In eine Welt der Ausbeutung von Frauen. Es geht um Zwangsprostitution einer jungen Frau. Immer wieder werden finanzielle Nöte und Zwangslagen von Frauen und Mädchen ausgenutzt.Die Opfer sind hilflos und man geht mit ihnen oftmals brutal um. Brutal ist ebenso die Obdachlosigkeit, denn somit gerät man schnell in einen Teufelskreis. Keinen festen Wohnsitz, also keine Arbeit. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden allein in Europa jährlich 500.000 Mädchen und Frauen verschleppt und zur Zwangsprostitution gezwungen. Ich meine: Obdachlosigkeit ist der Anfang. Aber auch HarzIV ist für eine Frau das Ende vom Anfang. Abgeschoben und ausgegrenzt. Denken wir nach darüber. Und möglichst nicht allzu lang. Herzlichst Ihre Joe`Bergmann
  • Martina Mertens (0) Hallo,
    ein sicherlich schweres Schicksal, welches die drei Damen hier widerfahren ist. Aus meiner Sicht, aber auch ein vermeidbares Schicksal. Es ist sehr bedauerlich, daß sie keinerlei oder zumindest nicht ausreichende Anstöße in Ihrem Leben hatten, den entsprechenden Willen und die Kraft aufzubringen. Daß mein als Kind, seine Mutter derart fallen lassen kann ist mir unbegreiflich - ich muß eine Mutter nicht lieben, um ihr mit Anstand und Respekt zu begegnen und vor allem meinen Kindern die Möglichkeit zu geben eine Großmutter zu haben.
    Dennoch - und zwar nicht aus mangelndem Respekt der Betroffenen gegenüber - hatte ich mir von diesem Artikel mehr erhofft.
    Ich wundere mich z.B. warum man eine günstige Wohnung sucht und sich wundert in Münschen keine zu finden, daß München nicht gerade günstig ist, ist ja bekannt. Wenn man in ein anderes Bundesland umsiedelt, steht einem dann nicht auch Unterstützung zu, ist man diesbzgl. irgendwie gebunden?
    Und noch zahlreiche andere Fragen.
    MfG