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aus Heft 04/2009 Geschichte 14 Kommentare

Sein wahres Gesicht

Vor 65 Jahren tat der Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg das Richtige. Aber es ist falsch, den strikten Anti-Demokraten heute zum Superhelden zu verklären. Anmerkungen zum Start des Films "Operation Walküre".

Von Richard J. Evans 



Nur wenige Ereignisse der innerdeutschen Geschichte des Zweiten Weltkriegs waren von höherer Dramatik als der Versuch des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 den Führer des deutschen Reiches, Adolf Hitler, zu ermorden. Die geflüsterten Gespräche und geheimen Unterredungen der Verschwörer im Vorfeld; die abgebrochenen Attentatsversuche am 11. und 15. Juli; die atemberaubende Kühnheit bei der Durchführung des Bombenanschlags; der Zufall, durch den Hitler mit dem Leben davonkam; die chaotischen Zustände bei Beginn der Operation Walküre, die immer aussichtslosere Lage der letzten Stunden im Armeehauptquartier in der Berliner Bendlerstraße; die tiefe Tragödie der hastigen Hinrichtung Stauffenbergs; das Rätsel seiner letzten Worte: »Es lebe das geheiligte Deutschland!« Dass die Verschwörung des 20. Juli 1944 jetzt Thema eines Hollywood-Films geworden ist, überrascht nicht.
 
Doch Stauffenberg eignet sich nicht für die Rolle des Actionhelden, der aus dem einfachen moralischen Antrieb handelt, wie er dem Bestreben Hollywoods genügt, Geschichte im Rahmen starker Gegensätze von Gut und Böse abzuhandeln. Stauffenbergs Moralverständnis war ein vielschichtiges Konglomerat aus katholischer Lehre, einem aristokratischen Ehrenkodex, dem Ethos des Alten Griechenland und deutscher romantischer Dichtung.

Mehr als alles andere prägte ihn in dieser Hinsicht wohl der Einfluss des Dichters Stefan George, dessen Ehrgeiz es war, ein »Geheimes Deutschland« wiederzubeleben, das den Materialismus der Weimarer Republik hinwegfegen und das Leben in Deutschland zu seiner wahren Spiritualität zurückführen sollte. Vom Gedankengut Georges inspiriert, ersehnte Stauffenberg ein idealisiertes mittelalterliches Reich, durch das Europa – unter der Führung Deutschlands – ein neues Maß an Kultur und Zivilisation erlangen würde. Eine Sinnsuche dieser Art war nicht untypisch für die utopistischen Ideen, die am Rande der Weimarer Republik gediehen – optimistisch und ehrgeizig, aber auch abstrakt und unrealistisch: eine völlig ungeeignete Grundlage für eine reale politische Zukunft.
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Diese Denkart unterschied Stauffenberg von anderen, oft langjährigen Mitgliedern des Widerstands innerhalb des Militärs. Deren Pläne, Hitler zu stürzen, reichten bei manchen bis 1938 zurück und waren vor allem von der Überzeugung getrieben, dass der Krieg, den die Nationalsozialisten anstrebten, nicht zu gewinnen war. Diesen Krieg vom Zaun zu brechen, so glaubten sie, werde Deutschland unabsehbaren Schaden zufügen.

Mehr als eine prinzipielle Opposition zum Nationalsozialismus war es diese Befürchtung, die die Anführer des militärisch-aristokratischen Widerstands in den ausgehenden Dreißiger- und beginnenden Vierzigerjahren motivierte. Wie diese Männer verstand sich auch Stauffenberg zuerst als Soldat, ganz nach der jahrhundertealten Tradition seiner Familie, und für lange Zeit wog dieses Selbstverständnis schwerer als die Einflüsse, die im Kreis um Stefan George auf ihn wirkten.

Selbst gegen Ende der Dreißigerjahre war Stauffenberg merklich stärker dem Nationalsozialismus zugetan als viele ältere Offiziere. Verwandte beschrieben ihn als das einzige »braune« Mitglied der Familie. Obwohl er später jegliche Begeisterung für den Nationalsozialismus verlieren sollte, hatte er für die parlamentarische Demokratie zeitlebens nur Verachtung übrig. Allein schon aus diesem Grund ist Stauffenberg als Vorbild für künftige Generationen schlecht geeignet.

In den 1930ern war Stauffenberg zuerst begeistert von der geistigen Erneuerung, wie sie die Nationalsozialisten versprachen. Er unterstützte Hitler 1932 bei der Reichspräsidentenwahl und begrüßte seine Ernennung zum Reichskanzler: In der Nacht des 30. Januar 1933 nahm er an einer Straßendemonstration zur Feier des Ereignisses teil. Später stand er einem befreundeten Künstler für eine monumentale Soldatenstatue der Nationalsozialisten Modell.

Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein – für ihn war die einzige Partei der Kreis um Stefan George –, doch er glaubte, die Nationalsozialisten führten eine Bewegung der nationalen Erneuerung an, die mit den schäbigen parlamentarischen Kompromissen der Weimarer Zeit aufräumen würde. Darüber hinaus war er auch der Meinung, dass eine Politik der Bereinigung der deutschen Rasse und des Ausmerzens jüdischer Einflüsse daraus ein entscheidender Teil dieser Erneuerung sein müsse.

Und obwohl er offene Gewalt gegen Juden ablehnte, protestierte er nur ein einziges Mal, nämlich als das vulgäre antisemitische Hetzblatt Der Stürmer schrieb, Stefan Georges Dichtung sei von ihrem Wesen her jüdisch und dadaistisch. Hitlers Erfolge bei der Revision des Versailler Vertrags blieben für Stauffenberg eine überragende Leistung.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Hätte Stauffenberg den Krieg überlebt, dann hätte er kein Verständnis für diejenigen gehabt, die später behaupteten, die Wehrmacht sei vom mörderischen Geist des Nationalsozialismus unbefleckt geblieben.)

Kommentare

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Kommentar:

  • Jakob Knab (0) Der namhafte Professor Richard J. Evans schreibt über Stauffenberg:
    ?Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein??
    Richtig ist vielmehr: Bis zum 24. September 1944 konnte kein Soldat Mitglied der NSDAP werden. (Bei Parteimitgliedern, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, ruhte die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit.) Danach (unter dem Eindruck des 20. Juli 1944) konnte jeder Soldat der Wehrmacht Parteimitglied werden.
  • Bernhard Keim (2) Mir ist diese Betrachtungsweise ein wenig zu eindimensional. Fakt ist: Stauffenberg hat gehandelt und es ging ihm um Ehre und Gewissen, auch wenn er nicht der Vorkämpfer in Sachen Demokratie war, den wir uns heute in ihm wünschen.
    Einen besonderen Umstand spricht der Autor in seinem Artikel ja auch an: seine Distanz zum demokratischen System. Mit dieser Distanz stand er aber keineswegs allein. Die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit waren ja gerade keine Beispiele für die erfolgreiche Konfliktbereinigung, sondern führten mit Ausnahmen in jene Auseinandersetzungen und Krisen, welche die Diktaturen erst ermöglichten. Würde man einem verdienten kommunistischen Widerstandskämpfer mangelnde demokratische Gesinnung in diesem Zusammenhang vorwerfen?
  • Raimund Waligora (0) verehrter Herr Wedekind, die Motive der Widerständler unterschiedlicher Coleur waren verschieden, dennoch wohl alle ehrenwert.In dieser Diskussion geht es aber um die unterschiedliche Rezeption. Die "Linke" hat dem nationalkonservativen Widerstand nicht unterstellt, sie wollten "nur" ihre ostelbischen Güter widerhaben, sondern dass er ein extrem konservatives Weltbild hatte. Dem linken Widerstand (insonderheit dem kommunistischen) wurde nach der Wende eine gleichberechtigte Würdigung wegen ihrer politischen Ziele abgesprochen. Auf die politische Inanspruchnahme Stauffenbergs aus damals aktuellen Gründen und die Ausblendung anderer "Einzeltäter" gingen Sie leider nicht ein. Schade, die große Mehrheit der Deutschen sahen (und sehen) Widerstand als Verrat. Die Daueraustellung am Bendlerblock leistet Großartiges, dass neuere Generationen dies differenzierter sehen.
  • Rudolf Wedekind (0) Evans mag etwas von historischen Details wissen. Von der menschlichen Seele weiß er offenbar recht wenig. Stauffenbergs Leistung liegt ja gerade darin sich von den Personen abzusetzen, die ihm eigentlich und ursprünglich nahe waren, d.h. sich gegen einen Teil seines Milieus, seines traditionellen Lebenskreises, gegen einen Teil seines Denkens und seiner Seele zu stellen, also im besten Sinne eine Gewissensentscheidung zu fällen, die ja einen inneren Konflikt voraussetzt. Wir wissen, dass diejenigen, die schon immer Nazigegner, z. B. Kommunisten waren und die entsprechend früh gegen die Nazis kämpften, zwar hier und da für ihren Mut zu bewundern waren, aber vielfach, wie uns die Geschichte der DDR beweist, keine besseren Menschen, sondern nur eben Feinde waren. Das mag übrigens auch für viele der britischen Gegner gelten, was diese aber mangels Bereitschaft sich mit der menschlichen Seele auseinanderzusetzen, nicht wahrhaben wollen. Stauffenbergs Leistung ist viel vorbildhafter, denn er zeigt, wie eine Gewissensentscheidung wirklich aussieht. Er hat sein Leben eingesetzt, weil ihm das vom ihm erkannte Böse, Schlechte nicht weiter kompromissfähig erschien, weil er nicht mitschuldig werden wollte. Dabei ist es recht unerheblich, ob er dabei zukunftsfähige politische Vorstellungen hatte oder eher rückwärtsgewandte. Wichtig ist nur, den perfiden Verdacht, den die Linke in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verbreitet und gepflegt hat, aus der Welt zu schaffen: Dass nämlich die Verschwörer des 20. Juli allesamt nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Güter in Ostpreußen zu retten. Das wäre allerdings denn doch zu armselig gewesen um als vorbildhafte Gewissensentscheidung dienen zu können. Gottseidank hat Evans unbeabsichtigt dazu beigetragen, dass Stauffenberg eher zu Recht als zu Unrecht als Vorbild gesehen wird. Denn seine Motive waren lauter, wenn auch aus einer alten schon damals fast untergegangenen Zeit stammend.
  • Raimund Waligora (0) Stauffenberg war immer unbequem, als Popikone, wie auf dem Titelblatt des letzten sz-Magzin eignet er sich auch wirklich nicht, dafür ging um zu hohe "Einsätze". Auch war er, wie Evans richtig zeigt, wahrlich kein Vorkämpfer (Vordenker) der FDGO. Was aber keiner der bisherigen Kommentatoren reflelktierte: Warum wurde er seit einer bestimmten Zeit so heroisiert, wurde aus einem "Vaterlandsverräter" ein fast heroischer Widerstandskämpfer?
    Weil man in der Zeit der Wiederbewaffnung in den 50-er Jahren irgendjemanden brauchte an den die junge Bundeswehr als Tradition anknüpfen konnte, da wurden die Seiten, auf die Evans zu Recht mal wieder hinweist, hintangestellt. Sicher wurde der kommunistische Widerstand in der DDR überproportioniert dargestellt, aber immer noch fehlt heute eine grandiose Würdigung anderer Größen des Widerstands derjenigen, die schon vor der absehbaren Niederlage ihr Leben riskierten, wie des "einfachen Schreiners" GEORG ELSER dn Hitler noch im Jahre 45 in Dachau erschiessen ließ. Liebe sz, aber bitte nicht als Popikone.
  • detlev steffen (0) Dass Kammerdiener keine Helden kennen ,ist bekannt.Es ist das Verdienst des Herrn Evans , diese alte Weisheit wieder einmal in Erinnerung gebracht zu haben.
  • S. Zimmermann (0) Diese „Außenansicht“ auf das deutsche Selbstgebaren um den Aufstand in der Reichswehr ist richtig und notwendig. Stauffenberg war zuallererst ein radikaler Militarist. Ein Mensch, der die aggressive Politik des deutschen Reiches zu fast jeder Zeit unterstützt hat. Sein Attentat bleibt der Versuch zu retten, was zu retten war. Daran ändert auch ein Film mit Tom Cruise nichts.

    Die Wehrmachtselite hat dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen. Sie hat den Krieg gewollt und durchgeführt. Sie trägt die Schuld an den Kriegsverbrechen. Wer in den Offensiven der Wehrmacht kein Verbrechen erkennt, ist ein Faschist. Das Wort „Widerständler“ und damit auch das Denkmal, das viele für Stauffenberg zu errichten suchen, hat dieser jahrelang sinnlos tötende Offizier nie verdient. Vielmehr ein Kriegsgericht.

    Eine Kollektivschuld für die Verbrechen von Tätern und Gehilfen hat es indes nie gegeben, es kann sie gar nicht geben. Jedoch eine kollektive Verantwortung im Umgang mit den Schuldigen und ihrem Erbe. Stauffenberg gehörte die längste Zeit zu eben diesen Schuldigen. Zu keiner Zeit hat er gegen die Ideologie der Nazis Widerstand geleistet, sondern zum Schluss heroisch gegen den eigenen Untergang gekämpft.
  • Chris Nomis (0) Ein spontane Reaktion: Das ist ein wirklich schwacher Artikel! Die Charakterstudie von Stauffenberg ist noch ganz interessant. Aber warum muss die Leistung Stauffenbergs diskreditiert werden, weil Stauffenberg anfangs noch von den Ideen der Nazis angetan war? Wird die Leistung der Weißen Rose auch geschmälert, weil die Scholl Geschwister anfangs gerne bei der HJ waren? Wird Schindlers' Leistung gemindert, weil er noch viel mehr Leute retten können? Was ist das für eine negative Einstellung? Reicht es nicht, dass der Krieg eher beendet wäre und Tausende, wenn nicht Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen? Auch das negative Bild, was nach dem Attentat passiert wäre (nach Evans ein Bürgerkrieg) ist reine Spekulation. Und schließlich: kein Mensch versucht Stauffenberg zum "Superhelden" zu machen. Aber es gut, beruhigend und WICHTIG für das nationale Selbstbewusstsein zu wissen, dass nicht alle Deutschen den Nazis gefolgt sind, dass es auch bei den Deutschen Widerstand gab (nicht genug, ganz offensichtlich). Im übrigen ist der Cruise-Film ausgezeichnet, er stellt sehr gut die Zerrissenheit in der Gruppe um Stauffenberg dar, und die Schwierigkeiten (psychischer Natur, logistisch, auf allen Gebieten!) , die die Gruppe zu überwinden hatte. und nicht zuletzt zeigt sie den Mut, den Stauffenberg und seine Getreuen schließlich zeigten, einen Mut, den leider nicht genug Deutsche hatten.
    Die SZ hat sich mit diesem Artikel wahrlich keinen Gefallen getan, ich bin Besseres gewohnt. Und es zeigt leider auch, wie verkrampft wir auch nach über 60 Jahren mit unserer Vergangenheit umgehen.
  • Jasper Bernstorff (0) Also ich finde viele Aspekte des Textes sehr wichtig. Evans hebt hervor, dass Stauffenberg zu einer Elite gehörte, die die sich im Vorfeld des Krieges den Nazis in keinster Weise in den Weg gestellt hat. Die Masse der Deutschen und auch Stauffenberg, hat keine moralischen Bedenken dabei gehabt die Nazis an die Macht zu heben. Das Attentat verliert von daher an Bedeutung als Beispiel für einen wirklich breiten Wiederstand in der deutschen Gesellschaft, zumal es erst nach Jahren des Grauens einsetzt, da Deutschland den Krieg zu verlieren droht.
  • Gerhard Bronisch (1) Man kann Evans in einigen Punkten zustimmen. Da jedoch seine Ausgangsthese (Verklärung zum Superhelden) falsch ist, entwertet dies
    den Beitrag. Sollte er sich auf die Cruise-Verfilmung beziehen, so hätte er besser vorher Steinbach (SZ vom 23.01.2009) gelesen.
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