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aus Heft 04/2009 Geschichte 14 Kommentare

Sein wahres Gesicht

Seite 2

Von Richard J. Evans 



Stauffenbergs Bedenken, ob es klug sei, einen großen europäischen Krieg zu beginnen, wurden vom überwältigenden Erfolg der Wehrmacht 1939 und 1940 zerstreut. Er sah darin einen entscheidenden Schritt hin zur Schaffung jenes europäischen Großreichs, von dem er als »Jünger« Stefan Georges geträumt hatte. In Feldzügen der ersten beiden Kriegsjahre kämpfte Stauffenberg tapfer und mit Begeisterung. Erst 1941, in den Monaten nach der Invasion der Sowjetunion, kamen ihm Zweifel, ob der Nationalsozialismus die Ideale verwirklichen würde, die er erreichen wollte. Stauffenberg erkannte, dass Hitler die deutschen Ressourcen in einer Weise beanspruchte, die ein Scheitern unausweichlich machte.

Wichtiger noch, die Massentötungen von Zivilisten hinter der Ostfront, die Ermordung von dreieinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und vor allem die Erschießung Hunderttausender Juden überzeugte Stauffenberg, dass das nationalsozialistische Regime rücksichtslos jenes Wohlwollen zertrampelte, das ihm die Völker, die es vom Joch Stalins befreit hatte, anfänglich entgegengebracht hatten. Es verriet seine Vorstellung eines neuen Europa, das unter der gütigen Herrschaft des Deutschen Reichs gedieh. Das Regime, so dachte er, verriet sogar die Ideale des Nationalsozialismus selbst.
 
Wie die wenigen anderen Offiziere, die die Art und Weise der Kriegsführung an der Ostfront missbilligten, fand Stauffenberg also zuerst zu einer Haltung, die eher von militärischen als von moralischen Überlegungen geprägt war. Im Verlauf des Jahres 1942 erkannte Stauffenberg allerdings, dass diese Gräueltaten nicht nur kontraproduktive Begleiterscheinungen einer brutalen Politik der Kriegsführung waren, sondern letztlich das Wesen des deutschen Kriegseinsatzes darstellten. Hitler und die Führung der Nationalsozialisten verrieten Deutschland: Sie verhinderten nicht nur die Umsetzung der spirituellen Werte des »Geheimen Deutschland«, sie negierten diese.
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Sie pervertierten militärische Werte und verwickelten die Streitkräfte in grauenvolle Verbrechen, die gegen die grundsätzlichsten Prinzipien verstießen, nach denen er und andere Offiziere lebten. Hätte Stauffenberg den Krieg überlebt, dann hätte er kein Verständnis für diejenigen gehabt, die später behaupteten, die Wehrmacht sei vom mörderischen Geist des Nationalsozialismus unbefleckt geblieben. Die Armee selbst war zu einem Instrument des Verbrechens geworden.

Es war diese moralische Überzeugung – gewonnen, als Deutschland in Europa noch die absolute Vorherrschaft innehatte –, die Stauffenberg von den eher pragmatischen Ansichten einiger anderer Verschwörer unterschied. Von jenen, denen vor allem daran gelegen war, Deutschland vor der totalen Niederlage zu retten, mit der das Land nach Stalingrad rechnen musste. Stauffenberg wurde aktiv, als viele andere Mitglieder des militärisch-aristokratischen Widerstands noch zögerten.

Der Schwur, den er für die Verschwörer ersann, verpflichtete sie auf eine neue Ordnung, »die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht« – aber auch dazu, »die Gleichheitslüge« zu verachten« und sich »den naturgegebenen Rängen« zu beugen. Wie beinahe alle Zweige des Widerstands war Stauffenberg der Meinung, der Parlamentarismus, die einzig praktikable Form einer demokratischen Politik, habe in der Weimarer Republik seine Bankrotterklärung abgeliefert; dass dieses politische System nach dem Krieg wiederauferstehen sollte, hätte Stauffenberg verärgert und auch überrascht.

Auch hier waren seine Vorstellungen – in ihrer arroganten Zurückweisung sozialer und politischer Gleichberechtigung – eher rückwärts- als zukunftsgewandt. Diese Ablehnung von Gleichheit und Demokratie teilten, in verschiedenen Ausprägungen, die vielfältigen Gruppierungen innerhalb des Widerstands. Somit hatte der Versuch, politische Persönlichkeiten anderer Weltanschauungen, etwa Sozialdemokraten, mit ins Boot zu holen, nie eine realistische Aussicht auf Erfolg.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es ging nur mehr darum zu zeigen, dass der deutsche Widerstand bereit war zu handeln.)

Kommentare

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Kommentar:

  • Jakob Knab (0) Der namhafte Professor Richard J. Evans schreibt über Stauffenberg:
    ?Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein??
    Richtig ist vielmehr: Bis zum 24. September 1944 konnte kein Soldat Mitglied der NSDAP werden. (Bei Parteimitgliedern, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, ruhte die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit.) Danach (unter dem Eindruck des 20. Juli 1944) konnte jeder Soldat der Wehrmacht Parteimitglied werden.
  • Bernhard Keim (2) Mir ist diese Betrachtungsweise ein wenig zu eindimensional. Fakt ist: Stauffenberg hat gehandelt und es ging ihm um Ehre und Gewissen, auch wenn er nicht der Vorkämpfer in Sachen Demokratie war, den wir uns heute in ihm wünschen.
    Einen besonderen Umstand spricht der Autor in seinem Artikel ja auch an: seine Distanz zum demokratischen System. Mit dieser Distanz stand er aber keineswegs allein. Die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit waren ja gerade keine Beispiele für die erfolgreiche Konfliktbereinigung, sondern führten mit Ausnahmen in jene Auseinandersetzungen und Krisen, welche die Diktaturen erst ermöglichten. Würde man einem verdienten kommunistischen Widerstandskämpfer mangelnde demokratische Gesinnung in diesem Zusammenhang vorwerfen?
  • Raimund Waligora (0) verehrter Herr Wedekind, die Motive der Widerständler unterschiedlicher Coleur waren verschieden, dennoch wohl alle ehrenwert.In dieser Diskussion geht es aber um die unterschiedliche Rezeption. Die "Linke" hat dem nationalkonservativen Widerstand nicht unterstellt, sie wollten "nur" ihre ostelbischen Güter widerhaben, sondern dass er ein extrem konservatives Weltbild hatte. Dem linken Widerstand (insonderheit dem kommunistischen) wurde nach der Wende eine gleichberechtigte Würdigung wegen ihrer politischen Ziele abgesprochen. Auf die politische Inanspruchnahme Stauffenbergs aus damals aktuellen Gründen und die Ausblendung anderer "Einzeltäter" gingen Sie leider nicht ein. Schade, die große Mehrheit der Deutschen sahen (und sehen) Widerstand als Verrat. Die Daueraustellung am Bendlerblock leistet Großartiges, dass neuere Generationen dies differenzierter sehen.
  • Rudolf Wedekind (0) Evans mag etwas von historischen Details wissen. Von der menschlichen Seele weiß er offenbar recht wenig. Stauffenbergs Leistung liegt ja gerade darin sich von den Personen abzusetzen, die ihm eigentlich und ursprünglich nahe waren, d.h. sich gegen einen Teil seines Milieus, seines traditionellen Lebenskreises, gegen einen Teil seines Denkens und seiner Seele zu stellen, also im besten Sinne eine Gewissensentscheidung zu fällen, die ja einen inneren Konflikt voraussetzt. Wir wissen, dass diejenigen, die schon immer Nazigegner, z. B. Kommunisten waren und die entsprechend früh gegen die Nazis kämpften, zwar hier und da für ihren Mut zu bewundern waren, aber vielfach, wie uns die Geschichte der DDR beweist, keine besseren Menschen, sondern nur eben Feinde waren. Das mag übrigens auch für viele der britischen Gegner gelten, was diese aber mangels Bereitschaft sich mit der menschlichen Seele auseinanderzusetzen, nicht wahrhaben wollen. Stauffenbergs Leistung ist viel vorbildhafter, denn er zeigt, wie eine Gewissensentscheidung wirklich aussieht. Er hat sein Leben eingesetzt, weil ihm das vom ihm erkannte Böse, Schlechte nicht weiter kompromissfähig erschien, weil er nicht mitschuldig werden wollte. Dabei ist es recht unerheblich, ob er dabei zukunftsfähige politische Vorstellungen hatte oder eher rückwärtsgewandte. Wichtig ist nur, den perfiden Verdacht, den die Linke in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verbreitet und gepflegt hat, aus der Welt zu schaffen: Dass nämlich die Verschwörer des 20. Juli allesamt nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Güter in Ostpreußen zu retten. Das wäre allerdings denn doch zu armselig gewesen um als vorbildhafte Gewissensentscheidung dienen zu können. Gottseidank hat Evans unbeabsichtigt dazu beigetragen, dass Stauffenberg eher zu Recht als zu Unrecht als Vorbild gesehen wird. Denn seine Motive waren lauter, wenn auch aus einer alten schon damals fast untergegangenen Zeit stammend.
  • Raimund Waligora (0) Stauffenberg war immer unbequem, als Popikone, wie auf dem Titelblatt des letzten sz-Magzin eignet er sich auch wirklich nicht, dafür ging um zu hohe "Einsätze". Auch war er, wie Evans richtig zeigt, wahrlich kein Vorkämpfer (Vordenker) der FDGO. Was aber keiner der bisherigen Kommentatoren reflelktierte: Warum wurde er seit einer bestimmten Zeit so heroisiert, wurde aus einem "Vaterlandsverräter" ein fast heroischer Widerstandskämpfer?
    Weil man in der Zeit der Wiederbewaffnung in den 50-er Jahren irgendjemanden brauchte an den die junge Bundeswehr als Tradition anknüpfen konnte, da wurden die Seiten, auf die Evans zu Recht mal wieder hinweist, hintangestellt. Sicher wurde der kommunistische Widerstand in der DDR überproportioniert dargestellt, aber immer noch fehlt heute eine grandiose Würdigung anderer Größen des Widerstands derjenigen, die schon vor der absehbaren Niederlage ihr Leben riskierten, wie des "einfachen Schreiners" GEORG ELSER dn Hitler noch im Jahre 45 in Dachau erschiessen ließ. Liebe sz, aber bitte nicht als Popikone.
  • detlev steffen (0) Dass Kammerdiener keine Helden kennen ,ist bekannt.Es ist das Verdienst des Herrn Evans , diese alte Weisheit wieder einmal in Erinnerung gebracht zu haben.
  • S. Zimmermann (0) Diese „Außenansicht“ auf das deutsche Selbstgebaren um den Aufstand in der Reichswehr ist richtig und notwendig. Stauffenberg war zuallererst ein radikaler Militarist. Ein Mensch, der die aggressive Politik des deutschen Reiches zu fast jeder Zeit unterstützt hat. Sein Attentat bleibt der Versuch zu retten, was zu retten war. Daran ändert auch ein Film mit Tom Cruise nichts.

    Die Wehrmachtselite hat dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen. Sie hat den Krieg gewollt und durchgeführt. Sie trägt die Schuld an den Kriegsverbrechen. Wer in den Offensiven der Wehrmacht kein Verbrechen erkennt, ist ein Faschist. Das Wort „Widerständler“ und damit auch das Denkmal, das viele für Stauffenberg zu errichten suchen, hat dieser jahrelang sinnlos tötende Offizier nie verdient. Vielmehr ein Kriegsgericht.

    Eine Kollektivschuld für die Verbrechen von Tätern und Gehilfen hat es indes nie gegeben, es kann sie gar nicht geben. Jedoch eine kollektive Verantwortung im Umgang mit den Schuldigen und ihrem Erbe. Stauffenberg gehörte die längste Zeit zu eben diesen Schuldigen. Zu keiner Zeit hat er gegen die Ideologie der Nazis Widerstand geleistet, sondern zum Schluss heroisch gegen den eigenen Untergang gekämpft.
  • Chris Nomis (0) Ein spontane Reaktion: Das ist ein wirklich schwacher Artikel! Die Charakterstudie von Stauffenberg ist noch ganz interessant. Aber warum muss die Leistung Stauffenbergs diskreditiert werden, weil Stauffenberg anfangs noch von den Ideen der Nazis angetan war? Wird die Leistung der Weißen Rose auch geschmälert, weil die Scholl Geschwister anfangs gerne bei der HJ waren? Wird Schindlers' Leistung gemindert, weil er noch viel mehr Leute retten können? Was ist das für eine negative Einstellung? Reicht es nicht, dass der Krieg eher beendet wäre und Tausende, wenn nicht Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen? Auch das negative Bild, was nach dem Attentat passiert wäre (nach Evans ein Bürgerkrieg) ist reine Spekulation. Und schließlich: kein Mensch versucht Stauffenberg zum "Superhelden" zu machen. Aber es gut, beruhigend und WICHTIG für das nationale Selbstbewusstsein zu wissen, dass nicht alle Deutschen den Nazis gefolgt sind, dass es auch bei den Deutschen Widerstand gab (nicht genug, ganz offensichtlich). Im übrigen ist der Cruise-Film ausgezeichnet, er stellt sehr gut die Zerrissenheit in der Gruppe um Stauffenberg dar, und die Schwierigkeiten (psychischer Natur, logistisch, auf allen Gebieten!) , die die Gruppe zu überwinden hatte. und nicht zuletzt zeigt sie den Mut, den Stauffenberg und seine Getreuen schließlich zeigten, einen Mut, den leider nicht genug Deutsche hatten.
    Die SZ hat sich mit diesem Artikel wahrlich keinen Gefallen getan, ich bin Besseres gewohnt. Und es zeigt leider auch, wie verkrampft wir auch nach über 60 Jahren mit unserer Vergangenheit umgehen.
  • Jasper Bernstorff (0) Also ich finde viele Aspekte des Textes sehr wichtig. Evans hebt hervor, dass Stauffenberg zu einer Elite gehörte, die die sich im Vorfeld des Krieges den Nazis in keinster Weise in den Weg gestellt hat. Die Masse der Deutschen und auch Stauffenberg, hat keine moralischen Bedenken dabei gehabt die Nazis an die Macht zu heben. Das Attentat verliert von daher an Bedeutung als Beispiel für einen wirklich breiten Wiederstand in der deutschen Gesellschaft, zumal es erst nach Jahren des Grauens einsetzt, da Deutschland den Krieg zu verlieren droht.
  • Gerhard Bronisch (1) Man kann Evans in einigen Punkten zustimmen. Da jedoch seine Ausgangsthese (Verklärung zum Superhelden) falsch ist, entwertet dies
    den Beitrag. Sollte er sich auf die Cruise-Verfilmung beziehen, so hätte er besser vorher Steinbach (SZ vom 23.01.2009) gelesen.
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