
Stauffenbergs Bedenken, ob es klug sei, einen großen europäischen Krieg zu beginnen, wurden vom überwältigenden Erfolg der Wehrmacht 1939 und 1940 zerstreut. Er sah darin einen entscheidenden Schritt hin zur Schaffung jenes europäischen Großreichs, von dem er als »Jünger« Stefan Georges geträumt hatte. In Feldzügen der ersten beiden Kriegsjahre kämpfte Stauffenberg tapfer und mit Begeisterung. Erst 1941, in den Monaten nach der Invasion der Sowjetunion, kamen ihm Zweifel, ob der Nationalsozialismus die Ideale verwirklichen würde, die er erreichen wollte. Stauffenberg erkannte, dass Hitler die deutschen Ressourcen in einer Weise beanspruchte, die ein Scheitern unausweichlich machte.
Wichtiger noch, die Massentötungen von Zivilisten hinter der Ostfront, die Ermordung von dreieinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und vor allem die Erschießung Hunderttausender Juden überzeugte Stauffenberg, dass das nationalsozialistische Regime rücksichtslos jenes Wohlwollen zertrampelte, das ihm die Völker, die es vom Joch Stalins befreit hatte, anfänglich entgegengebracht hatten. Es verriet seine Vorstellung eines neuen Europa, das unter der gütigen Herrschaft des Deutschen Reichs gedieh. Das Regime, so dachte er, verriet sogar die Ideale des Nationalsozialismus selbst.
Wie die wenigen anderen Offiziere, die die Art und Weise der Kriegsführung an der Ostfront missbilligten, fand Stauffenberg also zuerst zu einer Haltung, die eher von militärischen als von moralischen Überlegungen geprägt war. Im Verlauf des Jahres 1942 erkannte Stauffenberg allerdings, dass diese Gräueltaten nicht nur kontraproduktive Begleiterscheinungen einer brutalen Politik der Kriegsführung waren, sondern letztlich das Wesen des deutschen Kriegseinsatzes darstellten. Hitler und die Führung der Nationalsozialisten verrieten Deutschland: Sie verhinderten nicht nur die Umsetzung der spirituellen Werte des »Geheimen Deutschland«, sie negierten diese.
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Sie pervertierten militärische Werte und verwickelten die Streitkräfte in grauenvolle Verbrechen, die gegen die grundsätzlichsten Prinzipien verstießen, nach denen er und andere Offiziere lebten. Hätte Stauffenberg den Krieg überlebt, dann hätte er kein Verständnis für diejenigen gehabt, die später behaupteten, die Wehrmacht sei vom mörderischen Geist des Nationalsozialismus unbefleckt geblieben. Die Armee selbst war zu einem Instrument des Verbrechens geworden.
Es war diese moralische Überzeugung – gewonnen, als Deutschland in Europa noch die absolute Vorherrschaft innehatte –, die Stauffenberg von den eher pragmatischen Ansichten einiger anderer Verschwörer unterschied. Von jenen, denen vor allem daran gelegen war, Deutschland vor der totalen Niederlage zu retten, mit der das Land nach Stalingrad rechnen musste. Stauffenberg wurde aktiv, als viele andere Mitglieder des militärisch-aristokratischen Widerstands noch zögerten.
Der Schwur, den er für die Verschwörer ersann, verpflichtete sie auf eine neue Ordnung, »die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht« – aber auch dazu, »die Gleichheitslüge« zu verachten« und sich »den naturgegebenen Rängen« zu beugen. Wie beinahe alle Zweige des Widerstands war Stauffenberg der Meinung, der Parlamentarismus, die einzig praktikable Form einer demokratischen Politik, habe in der Weimarer Republik seine Bankrotterklärung abgeliefert; dass dieses politische System nach dem Krieg wiederauferstehen sollte, hätte Stauffenberg verärgert und auch überrascht.
Auch hier waren seine Vorstellungen – in ihrer arroganten Zurückweisung sozialer und politischer Gleichberechtigung – eher rückwärts- als zukunftsgewandt. Diese Ablehnung von Gleichheit und Demokratie teilten, in verschiedenen Ausprägungen, die vielfältigen Gruppierungen innerhalb des Widerstands. Somit hatte der Versuch, politische Persönlichkeiten anderer Weltanschauungen, etwa Sozialdemokraten, mit ins Boot zu holen, nie eine realistische Aussicht auf Erfolg.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es ging nur mehr darum zu zeigen, dass der deutsche Widerstand bereit war zu handeln.)
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12 Uhr 46
?Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein??
Richtig ist vielmehr: Bis zum 24. September 1944 konnte kein Soldat Mitglied der NSDAP werden. (Bei Parteimitgliedern, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, ruhte die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit.) Danach (unter dem Eindruck des 20. Juli 1944) konnte jeder Soldat der Wehrmacht Parteimitglied werden.
13 Uhr 55
Einen besonderen Umstand spricht der Autor in seinem Artikel ja auch an: seine Distanz zum demokratischen System. Mit dieser Distanz stand er aber keineswegs allein. Die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit waren ja gerade keine Beispiele für die erfolgreiche Konfliktbereinigung, sondern führten mit Ausnahmen in jene Auseinandersetzungen und Krisen, welche die Diktaturen erst ermöglichten. Würde man einem verdienten kommunistischen Widerstandskämpfer mangelnde demokratische Gesinnung in diesem Zusammenhang vorwerfen?
22 Uhr 01
13 Uhr 38
11 Uhr 14
Weil man in der Zeit der Wiederbewaffnung in den 50-er Jahren irgendjemanden brauchte an den die junge Bundeswehr als Tradition anknüpfen konnte, da wurden die Seiten, auf die Evans zu Recht mal wieder hinweist, hintangestellt. Sicher wurde der kommunistische Widerstand in der DDR überproportioniert dargestellt, aber immer noch fehlt heute eine grandiose Würdigung anderer Größen des Widerstands derjenigen, die schon vor der absehbaren Niederlage ihr Leben riskierten, wie des "einfachen Schreiners" GEORG ELSER dn Hitler noch im Jahre 45 in Dachau erschiessen ließ. Liebe sz, aber bitte nicht als Popikone.
16 Uhr 54
14 Uhr 05
Die Wehrmachtselite hat dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen. Sie hat den Krieg gewollt und durchgeführt. Sie trägt die Schuld an den Kriegsverbrechen. Wer in den Offensiven der Wehrmacht kein Verbrechen erkennt, ist ein Faschist. Das Wort „Widerständler“ und damit auch das Denkmal, das viele für Stauffenberg zu errichten suchen, hat dieser jahrelang sinnlos tötende Offizier nie verdient. Vielmehr ein Kriegsgericht.
Eine Kollektivschuld für die Verbrechen von Tätern und Gehilfen hat es indes nie gegeben, es kann sie gar nicht geben. Jedoch eine kollektive Verantwortung im Umgang mit den Schuldigen und ihrem Erbe. Stauffenberg gehörte die längste Zeit zu eben diesen Schuldigen. Zu keiner Zeit hat er gegen die Ideologie der Nazis Widerstand geleistet, sondern zum Schluss heroisch gegen den eigenen Untergang gekämpft.
01 Uhr 53
Die SZ hat sich mit diesem Artikel wahrlich keinen Gefallen getan, ich bin Besseres gewohnt. Und es zeigt leider auch, wie verkrampft wir auch nach über 60 Jahren mit unserer Vergangenheit umgehen.
00 Uhr 31
16 Uhr 28
den Beitrag. Sollte er sich auf die Cruise-Verfilmung beziehen, so hätte er besser vorher Steinbach (SZ vom 23.01.2009) gelesen.